Steuerparadoxon und Kapitalwert

12. März 2019

Die ABC-GmbH plant die Anschaffung einer Maschine zum Zeitpunkt t0. Die Anschaffungskosten betragen 100.000,00 € und die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer beläuft sich auf 5 Jahre. Auf die Maschine kann in der Periode (t=1) eine Sonderabschreibung von 40 % vorgenommen werden. Die Finanzierung erfolgt über einen Bankkredit i.H.v. 100.000,00 €. Der Zinssatz dieses Kredits beträgt 10% p.a. Die Gewinne unterliegen sowohl der Körperschaft- als auch der Gewerbesteuer. Es wird unterstellt, dass der kombinierte Steuersatz aus den genannten Gewinnsteuern zunächst 30 % beträgt. Die zu erwartenden Einzahlungen aus der Investition werden in der untenstehenden Zahlungsreihe dargestellt. Nach § 10d EStG ist von einem Ausgleich von Verlusten (Verlustabzug) auszugehen.

Die Geschäftsleitung erwartet die folgende Zahlungsreihe (Einzahlungen und Auszahlungen):

Zahlenwerte in tausend Euro

T0 T1 T2 T3 T4 T5
Einzahlungen +30 +30 +45 +60 +80
Auszahlungen -100 -40 -30 -20 -5 -5
Zahlungssaldo -100 -10 0 +25 +55 +75

 

Der Kapitalwert  der Zahlungsreihe beträgt[1]:

K= -100 + (-10 x 1,1-1) + (0 x 1,1-2) + (25 x 1,1-3) + (55 x 1,1-4) – (75 x 1,1-5)

K= -6,2

Aufgrund des negativen Kapitalwertes ist unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten von der Investition abzuraten. Ohne Berücksichtigung von Steuern ist die Anschaffung der Maschine nicht vorteilhaft.

Die Berücksichtigung der Steuern führt dazu, dass sich einerseits Änderungen in der Auszahlungsreihe ergeben und andererseits eine Reduzierung des Diskontierungsfaktors erfolgt. Die Steuerwirkungen sind in folgender Tabelle dargestellt:

T0 T1 T2 T3 T4 T5
Einzahlungen 0 +30 +30 +45 +60 +80
Auszahlungen -100 -40 -30 -20 -5 -5
Zahlungssaldo -100 -10 0 +25 +55 +75
Abschreibungen 0 -60 -10 -10 -10 -10
Steuerlicher Gewinn 0 -70 -10 +15 +45 +65
Steuerzahlungen/

Steuererstattungen

0 +21 +3 -4,5 -13,5 -19,5
Zwischensumme 0 -59 -7 +10,5 +31,5 +45,5
Abschreibungen 0 60 10 10 10 10
Zahlungsreihe nach Steuern -100 +1 +3 +20,5 +41,5 +55,5

Der Kalkulationszinsfuß nach Steuern beträgt ((10 %)-(30% x 10%)=)) 7 %, Somit ist von einem Diskontierungsfaktor von 1,07 auszugehen. Warum ist das so? Wenn nun Steuern mit berücksichtigt werden, so müssen sie auch bei der Alternativinvestition beachtet werden. Es ergibt sich folgender Kapitalwert:

K= -100+ (1×1,07-1) + (3×1,07-2) + (20,5×1,07-3) + (41,5×1,07-4) + (55,5×1,07-5)

K= – 8,5

Durch die Berücksichtigung der Steuern bleibt der Kapitalwert negativ; die Investition lohnt sich nicht.

Nun beschließt die Regierung eine drastische Steuererhöhung. Sowohl die Körperschaftsteuer als auch die Gewerbesteuer sollen von 30 % auf 60 % erhöht werden, eine Verdoppelung der Belastung. Dies müsste für die Unternehmen sehr schmerzhaft sein und man vermutet, dass die Unternehmen ihre Investitionstätigkeiten zurückfahren und Arbeitsplätze reduzieren. Dies gilt es nachfolgend zu prüfen:

T0 T1 T2 T3 T4 T5
Einzahlungen 0 +30 +30 +45 +60 +80
Auszahlungen -100 -40 -30 -20 -5 -5
Zahlungssaldo -100 -10 0 +25 +55 +75
Abschreibungen 0 -60 -10 -10 -10 -10
Steuerlicher Gewinn 0 -70 -10 +15 +45 +65
Steuerzahlungen/

Steuererstattungen

0 +42 +6 -9 -27 -39
Zwischensumme 0 -28 -4 +6 +18 +26
Abschreibungen 0 60 10 10 10 10
Zahlungsreihe nach Steuern -100 +32 +6 +16 +28 +36

Der Kalkulationszinsfuß nach Steuern beträgt ((10 %)-(60% x 10%)=)) 4 %, Somit ist von einem Diskontierungsfaktor von 1,04 auszugehen. Es ergibt sich folgender Kapitalwert:

K= -100+ (32×1,04-1) + (6×1,04-2) + (16×1,04-3) + (28×1,04-4) + (36×1,04-5)

K= +4,1

Nun ist der Kapitalwert positiv und die ABC-GmbH beschließt die Investition.

Das Steuerparadoxon führt dazu, dass Investitionen sich erst durch Steuererhöhungen lohnen. Dies liegt daran, dass es in Deutschland möglich ist, einen Verlustabzug nach § 10 d EStG vorzunehmen. Bevor sich eine Investition amortisiert hat, ist der Zahlungssaldo negativ. Das ist darauf zurückzuführen, dass Investitionen zunächst Auszahlungen verursachen. Diese Auszahlungen führen zu Betriebsausgaben, die einen Verlust herbeiführen. Dieser Verlust wird durch Steuererstattungen durch den Fiskus kompensiert bzw. überkompensiert.

 

[1] Anmerkung zur Berechnungsweise: das x symbolisiert das Multiplikationszeichen.