Die schwäbische Hausfrau

11. Juli 2021

Es ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten, dass betriebswirtschaftliche Sachverhalte auf volkswirtschaftliche Problemlagen übertragen werden. Dies ist in der Bildung besonders bemerkenswert, weil die zukünftige Generation zu dem falschen Schluss kommen könnte, dass die Addition der Unternehmen eine Volkswirtschaft ausmacht und, dass Staaten und Länder sich folgerichtig wie betriebswirtschaftlich geführte Unternehmen verhalten müssen. Das wäre in der Tat fatal. Dass Politiker dieses inzwischen ebenfalls propagieren, ist mit dem Wort »fatal« nicht zu beschreiben, es wäre eine Verharmlosung.

Da verwundert es nicht, wenn Bundesbürger tatsächlich an die sogenannte schwäbische Hausfrau glauben. Beim CDU-Parteitag in Stuttgart am 1. Dezember 2008 sagte Angela Merkel: »Man hätte hier in Stuttgart, in Baden-Württemberg, einfach nur eine schwäbische Hausfrau fragen sollen. Sie hätte uns eine ebenso kurze wie richtige Lebensweisheit gesagt, die da lautet: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben. Das ist der Kern der Krise. Genau das ist es, liebe Freunde, so einfach ist das.«[1] Ist es wirklich so einfach?

Zunächst muss festgehalten werden, dass die deutschen und auch die schwäbischen Unternehmungen, wenn die Zeit von 1950 bis 2017 betrachtet wird, mit einer tendenziell stark rückläufigen Eigenkapitalquote leben müssen. Das bedeutet, dass die kredit- und fremdfinanzierten Investitionen zugenommen haben. Wie bereits Karl Marx bei der Kapitalbildung ausführte, könnte kein Betrieb langfristig in unserem Wirtschaftssystem überleben, wenn er nicht investieren würde. Investitionen müssen naturgemäß finanziert werden. Hier gibt es prinzipiell nur zwei Möglichkeiten: Erstens über das Eigenkaptal und zweitens über das Fremdkapital. Da die Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen, und vor allem deutscher Banken, sehr gering ist, bleibt häufig nur das Fremdkapital, die Verschuldung, übrig.

Die schwäbische Hausfrau hat keine Konkurrenz und demzufolge auch keinen Wettbewerbsdruck, sie muss auch nicht investieren und Kapital bilden. Insofern ist sie nicht gezwungen über ihre Verhältnisse zu leben. Dies trifft für die Betriebe aber nicht zu, sie funktionieren in der heutigen Zeit nicht ohne Verschuldung. Auch Banken leben förmlich von den Schulden und setzten den Hebel an, um den Leverage-Effekt auszunutzen. Im Übrigen sind die Schulden des einen das Vermögen des anderen. Das bedeutet, der Vergleich mit der schwäbischen Hausfrau ist an dieser Stelle schon vollkommen unrealistisch. Um das Überleben zu sichern, sind sehr viele Betriebe gezwungen, sich zu verschulden und somit leben sie über ihre Verhältnisse. Damit ist der wesentliche Sachverhalt aber noch nicht benannt, nämlich die Gleichsetzung der ökonomischen Disziplinen BWL und VWL. Frau Merkel unterschlägt mit ihrer Aussage, dass sie nicht nur für die Hausfrauen, sprich Betriebe, zuständig ist, sondern für die gesamte Volkswirtschaft. Im Gegensatz zu einem Privathaushalt oder einem Betrieb kann der Staat eine Volkswirtschaft vollkommen anders gestalten. Er kann beispielsweise seine Einnahmen den Notwendigkeiten anpassen. Im Gegensatz zum Betrieb oder einem schwäbischen Haushalt ist der Staat nicht dazu da, für sich selbst zu sorgen, sondern er ist verpflichtet, sich wie ein Treuhänder zu verhalten. Er muss auf das Gemeinwohl achten. Die Gesellschaft kann zu Recht fordern, dass der Staat für Dinge Geld ausgibt, die der gesamten Gesellschaft dienen. Er kann, im Gegensatz zur schwäbischen Hausfrau, beispielsweise Steuern erheben, um das Gemeinwohl zu bewahren. Er kann mit seiner Steuerpolitik auch die Gesellschaft und die Wirtschaft in eine bestimmte Richtung lenken, beispielsweise durch Erhöhung der Mineralölsteuer und auch der Tabaksteuer. Er kann aber auch die Kluft von Arm und Reich verringern, indem er beispielsweise eine Vermögensteuer einführt. Der Staat kann sich über das Instrumentarium der Steuer, wenn nötig, sehr viel Geld besorgen, um beispielsweise die Bildung in Deutschland zu verbessern. Er kann sich aber auch von der sogenannten schwarzen Null und der Austeritätspolitik verabschieden, die vom Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble ständig eingefordert wurde. Diese Aufzählung lässt sich noch beliebig fortführen. Schlussendlich ist die schwäbische Hausfrau weder im klassischen Betrieb noch in der traditionellen Volkswirtschaft zu gebrauchen. Wenn sich die Aussage von Frau Merkel weder betriebswirtschaftlich noch volkswirtschaftlich interpretieren lässt, wie können wir sie dann verstehen?

Eine dritte Interpretation wäre, dass die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel ausschließlich der anthropogen ausgebeuteten Natur meint. Die wachstumsorientierte Ökonomie beutet die Natur so stark aus, dass wir weit über unsere Verhältnisse leben. Diese Ausbeutung muss zurückgefahren werden und die Rohstoffe, für die Produktion der materiellen Güter, sind in der Natur für die zukünftigen Generationen gut aufgehoben. Ob es, wie Frau Merkel in ihrer Rede schilderte, so einfach ist, diese Verhältnisse zu verändern, darf bezweifelt werden.

[1] http: / / www.faz.net / aktuell / wirtschaft / wirtschaftspolitik / sparpolitikmerkel-und-die-schwaebische-haus-frau-14333164.html, abgerufen am 21.08.2017