Robinson Crusoe

21. Juni 2021

Der Produktionsfaktor Kapital

Beim Produktionsfaktor Kapital muss in vielen Lehrbüchern Robinson Crusoe herhalten, um den Prozess der Kapitalbildung zu erklären.

Das Beispiel ROBINSON CRUSOE:

„ROBINSON CRUSOE lebte, nachdem er Schiffbruch erlitten hatte, auf einer unbewohnten Insel. Um seinen Hunger zu stillen, fing er zunächst Fische mit der Hand. Dann kam er auf die Idee, ein Netz zu knüpfen. Um während dieser Zeit trotzdem seinen Hunger stillen zu können, boten sich ihm folgende Möglichkeiten: Er verwendete nur noch einen Teil der ihm täglich zur Verfügung stehenden Zeit für den Fischfang und knüpfte in der übrigen Zeit an dem geplanten Netz (Sachkapital). Dadurch verringerte sich die ihm täglich zur Verfügung stehende Menge an Fisch (= Konsumverzicht). Er verwendete zunächst weiterhin die ganze ihm täglich zur Verfügung stehende Zeit für den Fischfang. Statt aber alle gefangenen Fische zu verzehren, legte er einen Vorrat an Dörrfisch an (= Vorratsinvestition durch Konsumverzicht). Als der Vorrat groß genug war, stellte er das Fischen ganz ein und begann mit dem Knüpfen des Netzes (Sachkapital). In dieser Zeit lebte er vom Dörrfisch (= Abbau der Vorratsinvestitionen). In beiden Fällen hat ROBINSON zeitweise Konsumverzicht üben müssen, um das Netz herstellen zu können. Die Herstellung des Netzes stellt einen Produktionsumweg dar, da zunächst anstelle von Konsumgütern Sachkapital hergestellt wurde, das nach seiner Fertigstellung für die Herstellung von zusätzlichen Konsumgütern eingesetzt werden konnte. Durch den Einsatz des Netzes konnte ROBINSON das Fangergebnis bei gleicher Arbeitszeit erheblich steigern. Seine Arbeitsproduktivität erhöhte sich. Diese Investition, d.h. die Sachkapitalbildung in Form des Netzes, war aber nur möglich, weil er zunächst eine Zeit lang nicht seine volle Arbeitskraft dem Fischfang widmete und daher auf den möglichen Konsum zusätzlicher Fische verzichtete. ROBINSON musste also Konsumverzicht üben (= sparen), um Sachkapital bilden (= investieren) zu können.“ 

Quelle: Viktor Lüpertz, Volkswirtschaftslehre für das Berufliche Gymnasium, Braunschweig, 2014, S. 59

Dieses Beispiel lässt sich an vielen Stellen kritisieren. Es passt vielleicht auf eine einsame Insel oder in ein anspruchsloses BWL-Seminar, aber nicht in den VWL-Unterricht, der das Ziel haben sollte, komplexe Sachverhalte darzustellen. Erster Kritikpunkt: Wenn man das liest, hat man den Eindruck, der Produktionsfaktor Kapital ist gottgegeben. Man könnte meinen, dass schon die Neandertaler Werkzeuge gebaut und damit Kapital geschaffen haben. Der Kapitalismus scheint ein Naturgesetz zu sein. Zweiter Kritikpunkt; Es wird fälschlicherweise dargestellt, dass Sparer benötigt werden, die ihr Geld zu Bank bringen, damit die Bank wiederum das Geld den Unternehmen für Investitionszwecke zur Verfügung zu stellen. Dritter Kritikpunkt: Erst muss die Arbeitsleistung Geld hervorbringen, damit anschließend investiert werden kann.