shifting baselines

7. Dezember 2019

Weil der Mensch Teil der Natur ist, wird angenommen, dass seine Handlungen normal und natürlich sind. Soziologen nennen dieses Phänomen shifting baselines. Menschen halten immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den natürlichen, der mit ihrer Lebens- und Erfahrungswelt identisch ist. Harald Welzer hat dazu ein einleuchtendes Beispiel geliefert: »So hat, …, eine Gruppe von Ökologinnen und Ökologen unlängst untersucht, wie kalifornische Fischer Veränderungen in ihren Fischbeständen und Fanggründen im Generationenvergleich wahrnehmen. Das ist die bislang einzige empirische Untersuchung über sich verändernde Wahrnehmungen der Umwelt und ihre Ergebnisse sind verblüffend. Die Forscher haben drei Generationen von Fischern danach gefragt, wo aus ihrer Sicht welche Bestände zurückgegangen seien, welche Arten ihnen hauptsächlich ins Netz gegangen sind, was der größte Fang und wie groß der mächtigste Fisch war, den sie je an Bord gezogen haben. Die jüngste Befragtengruppe war zwischen 15 und 30 Jahre alt, die mittlere 31 bis 54, die dritte entsprechend älter als 54 Jahre. Zwar sagten 84 Prozent der Befragten, dass es einen Rückgang der Bestände insgesamt gäbe, aber die Annahme darüber, welche Fische wo nicht mehr vorkämen, fielen krass unterschiedlich aus. So nannten die Fischer der älteren Gruppe elf Arten, die verschwunden waren, die der mittleren Gruppe sieben, aber die Jüngsten nannten lediglich zwei Fischarten, die in ihren Fanggründen nicht mehr vorkämen. Die Jüngsten hatten auch gar keine Vorstellung mehr darüber, dass es dort, wo sie selbst täglich fischten, vor nicht allzu langer Zeit massenhaft Weißhaie, Judenfische (Epinephelus itajara) oder auch Perlaustern gegeben hatte. Derselbe Befund zeigte sich, als es um die Fischgründe ging. Während die älteste Befragtengruppe sich erinnerte, dass man früher nicht weit herausfahren musste, um die Netze zu füllen, müssen sie heute weit aufs Meer, um annähernd ausreichende Fänge zu machen. Von den jüngsten Befragten hatte niemand mehr auch nur die Idee, dass man in Küstennähe überhaupt etwas fangen könnte, und deshalb hielt diese Regionen auch niemand für überfischt. Mit anderen Worten: In ihrem Referenzrahmen gab es in der Nähe der Küste überhaupt keine Fische. Reiseführer aus den 1930 er Jahren empfahlen die Gegend um den Golf von Kalifornien besonders für Sportangler, da man hier mühelos kapitale Judenfische fangen könne. Wenn man heute die ältesten Fischer danach fragt, können sie sich denn auch erinnern, vor fünfzig oder sechzig Jahren bis zu 25 solcher Tiere am Tag gefangen zu haben, in den sechziger Jahren waren es dann nur noch zehn bis zwölf und in den Neunzigern höchstens noch ein einziger. Während fast alle der ältesten und der mittleren Altersgruppe Judenfische gefangen hatten, waren es unter den Jüngsten nur mehr weniger als die Hälfte, die überhaupt jemals einen gesehen hatten. Und besonders verblüffend ist wieder: Nur zehn Prozent der Jüngsten glaubten, dass hier Bestände verschwunden seien, die meisten dachten, solche Fische hätte es dort niemals gegeben. Und entsprechend fallen mit sinkendem Alter auch die Angaben immer kleiner aus, wenn nach dem größten Fisch gefragt wurde, den man je gefangen hatte.« [1] Aufgrund dieses Befundes ist es nicht verwunderlich, dass der Rückgang der Artenvielfalt, beispielsweise bei den Fischen, von vielen Menschen nicht wahrgenommen wird bzw. das Problem ziemlich gelassen betrachtet wird.

[1] Harald Welzer, Klimakriege, Frankfurt am Main, 2009, S. 215 / 216