AllgemeinUmweltCoronakrise und die Abholzung der Wälder

29. Oktober 2020

In zahllosen Blogs habe ich den Zusammenhang zwischen Biosphäre, Atmosphäre und Kapitalismus dargestellt. Erfreulich ist, dass diese Zusammenhänge in der Bevölkerung zunehmend wahrgenommen werden und Rob Wallace medial immer stärker in Erscheinung tritt. Der Epidemiologe und Biologe Rob Wallace beschreibt sehr deutlich die Beziehung zwischen Corona-Pandemie, Kapitalismus und dem Raubbau an der Natur. Die Gründe für den Ausbruch der Corona-Pandemie sind vielfältig und in der Öffentlichkeit werden viele Erklärungsmuster diskutieren. Es wäre aber zu einfach, die Schuld auf China abzuwälzen und die hygienischen Bedingungen auf dem Wildtiermarkt in Wuhan zu kritisieren. Dies ist möglicherweise ein Grund; aber ist er der Einzige? Wohl kaum, nur ein Donald Trump vertritt solch eine eingeschränkte beziehungsweise beschränkte Sichtweise.

Wo sind die komplexen Wälder geblieben?

Der Verwertungsimperativ des Kapitalismus greift mittlerweile sehr tief in die Natur ein und durch die zunehmende Globalisierung findet die räumliche Trennung von Produktion und Konsumtion statt. Komplette Ökosysteme werden von den Konzernen beansprucht, die dann komplexe Wälder in Monokulturen verwandeln, um beispielsweise das lukrative Palmöl anzubauen. In diesen Wäldern finden wir Pathogene, das sind Krankheitserreger, die ihrem Wirt (Menschen, Tieren und Pflanzen) erheblichen Schaden zufügen können. Pathogene [von *patho- , griech. gennan =  erzeugen] Mikroorganismen sind Bakterien, Pilze, Einzeller und außerdem diese merkwürdigen Halblebewesen, die Viren. Auch wenn sie nur „Halblebewesen“ sind, verhalten sich Viren bei evolutionsbiologischen Vorgängen wie Mikrolebewesen, beispielsweise wie Bakterien. Die Gastzelle stellt den Lebensraum der Viren dar und sie unterliegen auch dem genetischen Wandel, der durch den Selektionsdruck entsteht.

Unter normalen und natürlichen Bedingungen fristen Coronaviren und andere Erreger ein unauffälliges Dasein in der freien Natur. Nun werden Coronaviren mit Fledermäusen in Verbindung gebracht; Fledermäuse können gut mit Krankheitserregern leben. Fledertiere sind Säugetiere und sie können, obwohl sie keine Vögel sind, fliegen. Dies erfordert erhebliche Mengen an Energie, deshalb haben sie eine hohe Stoffwechselrate und die Säugetiere erreichen häufig eine Körpertemperatur von mehr als 40 Grad Celsius. Etliche Viren können sich auf und in Fledermäusen ansiedeln. Fledertieren haben eine hohe Flugleistung, sie kommen  sehr viel rum und können natürlich auch Pathogene aufnehmen und verbreiten. Dies ist auch nicht weiter problematisch, weil in komplexen Wäldern der Mensch sehr weit weg ist.

Wenn nun in einem atemberaubenden Tempo weltweit die Entwaldung[1] fortschreitet, siedeln die Fledermäuse einfach um auf die industriellen Plantagen und es ergibt sich ein weiterer Vorteil für die Fledertiere, hier haben sie keine Konkurrenz und auch keine Fressfeinde. Biologen wissen aber schon seit längerer Zeit, dass „eine höhere Artenvielfalt […] ein geringeres Risiko eines zoonotischen Spillover  [bedeutet].[2] Wenn Menschen störend in die Wälder eingreifen und der Wirtspopulation auf den Leib rücken, sie aus ihrem Umfeld verdrängen und die Ökosysteme zerstören, wächst das Infektionsrisiko. Insofern ist die Corona-Krise nicht wie eine Naturkatastrophe über die Menschheit eingebrochen, sondern die Ursachen sind anthropogen und schon sehr lange bekannt. Der Epidemiologe und Biologe Rob Wallace zeigt schon seit über 20 Jahren diese Zusammenhänge auf.

Das „China-Virus“

Der US-Präsident Donald Trump spricht verächtlich von einem „China-Virus“ und verbreitet den Irrglauben, dass in Wuhan in dunklen Gassen, auf unhygienischen Märkten, da wo die armen Menschen zu Hause sind, Fledermäuse und andere Wildtiere gekocht und verspeist werden. Er verschweigt, dass die Fledermaussuppe längst in Gourmet-Restaurants, und nicht nur in China, serviert wird.

Nach der traditionellen Volkswirtschaftstheorie verringert sich die Nachfrage, wenn die Preise steigen. Dies nennt man dann funktionale Nachfrage. Auf den Märkten von Wuhan und anderswo trifft man zunehmend auf nicht-funktionale Nachfragetypen, den sogenannten Snobs. Für viele junge, reiche und gut ausgebildete Menschen ist mittlerweile der sogenannte wet market ein ausgeprägtes Einkaufserlebnis. Kreischende Vögel, Marderhunde, Krähen, Bambusratten und Sumpfhühner stehen zum Verkauf. „Die SARS-übertragenden Zibetkatzen wurden im Himalaja gefangen und in Guangdong als lebende Ware feilgeboten, doch könnten sie genauso gut in situ infiziert worden sein, schließlich standen auf den gleichen Märkten auch Fledermäuse zum Verkauf.“[3] Auch in der westlichen Welt verspeisen, häufig reichere, Menschen gerne Wildtiere, beispielsweise Schuppentiere. Vor 30 Jahren kosteten Schuppentiere 14 US-Dollar pro Kilogramm auf dem chinesischen Markt. Der Preis erhöhte sich sehr stark und er lag bereits im Jahr 2016 bei 600 US-Dollar. In einigen „Feinschmecker“restaurants wurden über 1.000 US-Dollar pro Kilogramm bezahlt. Für Reiche und Neureiche das ideale Nahrungsmittel, um sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen.

Wer meine Ausführungen für übertrieben hält, sollte sich mit den neusten Studien des Weltbiodiversitätsrat (IPBES) beschäftigen. Der IPBES fordert ein radikales Umdenken, denn das Auftreten von Zoonosen  ist kein Zufall. Die Ausbreitung ist anthropogen, also menschengemacht. Dies wird durch den Bericht von 22 führenden Experten aus aller Welt bestätigt.

Außerdem ist der Bericht der Europäischen Umweltagentur vom 19.10.2020 lesenswert: https://www.eea.europa.eu/de/highlights/neueste-bewertung-zeigt-weiterhin-gravierenden

 

[1] Die Entwaldung ist auch klimapolitisch eine Katastrophe, weil damit auch der Humusboden verschwindet.  „Würden wir nur auf allen landwirtschaftlich genutzten Böden diese Erde in jedem Jahr auch nur vier Promille mehr Humus wachsen lassen, dann wäre der gesamte jährliche Kohlenstoff-Ausstoß der Menschheit im Boden gespeichert. Auf der Klimakonferenz in Paris, bei der sich die Staaten endlich auf ein Klimaabkommen einigen konnten, hat Gastgeber Frankreich genau das vorgeschlagen: eine weltweite 4-Promille-Initiative.“ (Florian Schwinn, Raubbau an der Erde: Unser Krieg gegen den Boden, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, 10´19, S.102.)

Vgl. auch die 4-Promille-Initiative „Böden für Ernährungssicherung und Klima“ – Wissenschaftliche Bewertung und Diskussion möglicher Beiträge in Deutschland, www.literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn060523.pdf

[2] Andreas Maln, KlimaIx, Berlin, 2020, S.61

[3] Andreas Maln, KlimaIx, Berlin, 2020, S.95