AllgemeinUmweltDie Illusion: Geo-Engineering

14. Februar 2023

„Ein Kilogramm Kohlenstoff verbrennt zu 3,7 Kilogramm CO2, und dieses Naturgesetz der Chemie lässt sich leider nicht ändern.“ (Ulrike Herrmann)

Scheinbar ist es in Deutschland besonders schwer, Bodenflächen einfach ruhen zu lassen und nicht dauernd an technischen Lösungen zu arbeiten. Deshalb beschäftigt man sich nun mit Speichermöglichkeiten für CO2 im Boden. Der Boden unterhalb der Nordsee wird gegenwärtig von Geoingenieuren für solche Optionen untersucht. Beim Geo-Engineering ist man bestrebt, künstlich die Zusammensetzung der Atmosphäre mit CO2 und die Oberflächenreflektivität der Erde zu verändern. Die Reflektivität der Erde kann beispielsweise mit dem Versprühen von Sulfat-Aerosolen in die Atmosphäre erfolgen. Mit solch einer Maßnahme lässt sich die Albedo[1] des Planeten erhöhen. Falls solche Handlungen möglich wären, gäbe es eine Vielzahl von Problemen. Die Bleichung des Himmels würde zu einer helleren Blaufärbung führen. Solche Vorschläge sind aber vollkommen absurd. Wenn man tatsächlich technisch in der Lage wäre, Sulfat-Aerosole in die Atmosphäre zu verbringen, müsste man dies permanent tun. Ein Aufhören wäre nicht möglich, weil dann ein plötzlicher Temperaturanstieg eintreten würde. Somit werden die Probleme nicht gelöst und das Ökosystem wird weiterbelastet.

Carbon Dioxide Removal (CDR)

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass CO2 wieder dorthin zu bringen, wo es herkommt – in den Boden. Die entsprechende Technologie wird unter dem Begriff Carbon Dioxide Removal (CDR) zusammengefasst. Die CDR-Methoden unterscheiden zwei Verfahren. Im Rahmen der sogenannten Ozeandüngung werden Algen durch Düngung zum Massenwachstum angeregt. Algen speichern große Mengen CO2. Wenn sie absterben, sinken sie mit dem Kohlenstoff hinab auf den Meeresboden. Zwei Studien des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven belegen aber, dass dieser Weg nicht zielführend ist. Man konnte nachweisen, dass die Algen vor dem Absterben von Meerestieren gefressen werden. Die Folge ist, dass diese Meerestiere das CO2 wieder ausatmen und es wieder in die Atmosphäre gelangt. Solche technisch-mathematischen Ansätze werden aber zum Hindernis der Problemlösung. Ein kleines Beispiel von Charles Eisenstein verdeutlicht den Sachverhalt. Die Frage lautet: »Welche Zahl sollen wir dem Klimabeitrag der Seeotter zuordnen? Sie sequestrieren keinen Kohlenstoff, aber sie halten die Seeigel-Population in Schranken, die andernfalls Seetangwälder zerstören würden, und diese absorbieren CO2 und alkalisieren das Wasser, was es Schalentieren ermöglicht, weiteres CO2 zu absorbieren.«[2] Dieses kleine Beispiel zeigt doch sehr deutlich, dass an dieser Stelle technisch-mathematische CDR-Modelle nur versagen können, weil der biologische Stoffwechsel in der gesamten Ausprägung weder erfasst noch beherrscht werden kann.

Carbon Capture and Storage

Wie verhält es sich nun mit dem weiteren und viel propagierten Verfahren »Carbon Capture and Storage« (Abscheidung und Speicherung von CO2). Bei dieser Methode soll das CO2 das Kraftwerk, das mit fossilen Brennstoffen arbeitet, nicht verlassen. Aus Kraftwerksabgasen soll chemisch das CO2 abgeleitet werden. Anschließend wird es dann unterirdisch gelagert, vorzugsweise soll der Boden der Nordsee dafür genutzt werden.  Die sichere Speicherung von CO2 existiert nur auf dem Papier und die Beeinträchtigung der Umwelt ist noch nicht annähernd untersucht worden.

Die Rückführung des Kohlendioxids in die geleerten Öl-, Gas- und Kohlelagerstätten wird aus vielerlei Gründen mittelfristig scheitern. Seit dem Ukraine-Krieg ist uns bekannt, dass die deutschen Gasreserven in den Lagerstätten des verbrauchten Gases liegen. Diese Speicher wurden zum Teil von der Gazprom-Tochter astora betrieben. Der Speicher im niedersächsischen Rehden wurde zum Medienereignis, weil er vor dem Winter 2021/2022 nicht ordnungsgemäß befüllt wurde. Der Füllstand betrug im März 2022, kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, lediglich drei Prozent. Die deutsche Politik war aufgeschreckt und der Wirtschaftsminister Robert Habeck war alarmiert. Dieser größte Gasspeicher Westeuropas hat ein Volumen von 3,9 Milliarden Kubikmeter und wurde im Jahr 2022/2023 dann doch noch zu knapp einhundert Prozent befüllt.

Die Firma Wintershall, eine Tochter des BASF-Konzerns, förderte bis zum Jahr 1993 in Rehden Erdgas. Als die Quellen erschöpft waren, wurden die unterirdischen Poren als Gasspeicher genutzt, um importiertes Erdgas zu speichern. Im Jahr 2013 vereinbarte Wintershall dann ein milliardenschweres Tauschgeschäft mit Gazprom. Anschließend annektierte Putin im Jahre 2014 die Krim und das Tauschgeschäft lag auf Eis. Mit dem Minsker-Abkommen wurde das Geschäft im Jahr 2015 dann doch vollzogen und Gazprom hatte leider Einfluss auf die deutschen Sicherheitsreserven bekommen. Neben Rehden wurden auch der Erdgasspeicher Jemgum in Leer und ein Anteil des Speichers Haidach im Salzburger Land an Gazprom „übereignet“. Gazprom-Chef Alexej Miller bezeichnete den damaligen Deal als Meilenstein. Bedingt durch den Ukraine-Krieg wurden die Verträge partiell auf Eis gelegt oder es fanden Enteignungen statt.

Der Branchenverband INES identifiziert in Deutschland 47 Untertagespeicher. Diese Speicher könnte man möglicherweise für die Speicherung von CO2 nutzen. Fraglich ist, ob diese Speicher nicht besser für die Bevorratung von Gasreserven zu nutzen sind. Aber auch wenn dem nicht so wäre, macht uns die Mathematik einen Strich durch diese vieldiskutierte Lösung, denn CO2 nimmt wesentlich mehr Raum ein als Öl, Gas und Kohle. Durch den Verbrennungsvorgang von Kohlenstoff (C) findet eine Verbindung mit Sauerstoff (O2) statt. Das CO2-Volumen liegt also mindestens 2-mal höher als beispielsweise der Rohstoff Braunkohle (C). Bei Rohöl erhöht sich das Volumen um den Faktor vier. Nach den Berechnungen des Weltklimarats IPCC können die weltweiten Lagerstätten von Öl, Gas und Kohle höchstens 1.100 Gigatonnen CO2 speichern. Die Menschheit entlässt gegenwärtig 50 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre. Somit lässt sich leicht ausrechnen, wann die Lagerstätten aus allen Nähten platzen werden. Außerdem steigt der Energieverbrauch weltweit sehr stark an. Damit vergrößert sich der CO2-Ausstoß und gleichzeitig nimmt das Speichervolumen der Ozeane, Pflanzen, Moore und Böden ab. Man braucht kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass solch eine Speicherung mittel- und langfristig nicht funktionieren kann. Außerdem sind sehr viele Stollen undicht, sodass eine Speicherung überhaupt nicht möglich ist. Nicht genutzte Bergwerkstollen laufen mit Wasser zu, sodass das Speichervolumen zusätzlich eingeschränkt wird.

Die Erde ist keine Maschine

Solche Methoden suggerieren, dass man so weiter machen kann wie bisher, weil unterstellt wird, dass die Erde eine Maschine sei. Die Erde ist ein lebendiger Organismus und muss auch als solcher behandelt werden. Geo-Engineering unterstellt, dass man die fossilen Brennstoffe weiterhin nutzen und das CO2 in den Boden pressen kann. Dies wird aber nicht funktionieren, weil das Verpressen in den Boden der Nordsee ungeahnte Folgen haben wird. Studien[3] belegen, dass der Gesamtverlust der Biomasse von Fischen innerhalb der letzten einhundert Jahren auf zwei Drittel geschrumpft ist. Das Ökosystem Meer wird nicht nur durch eine nie dagewesene Plastikflut geschwächt, sondern auch durch einen erhöhten Säuregrad, der Korallen und Krustentiere beeinträchtigt. Diese Katastrophe könnte noch verschärft werden, wenn die CDR-Methoden zur Anwendung kommen, denn sie sind »brandgefährlich, weil wir über keine zweite Welt verfügen, wenn etwas schiefgeht.«[4] Sie stärken nur die Überzeugung, dass die Menschheit sich mit technischen Instrumenten den Folgen ihrer Handlungen entziehen kann. Außerdem berücksichtigen die technischen CDR-Verfahren unzureichend den atmosphärischen und den biologischen Stoffwechsel.

 

[1] Die Albedo ist eine Maßeinheit für das Rückstrahlvermögen von Objekten und Oberflächen auf der Erde. Je geringer die Zahl, umso mehr zur Erderwärmung beitragende Energie wird absorbiert. Die am stärksten reflektierenden Oberflächen sind Schnee und Eis, die bis zu 90 Prozent der von der Sonne einstrahlenden Energie in den Weltraum zurücklenken. Wenn Meereis schmilzt, tritt darunter die stärker Energie absorbierende Wasseroberfläche zutage.

[2] Charles Eisenstein, Klima, Eine neue Perspektive, Berlin, München, Zürich, Wien, 2019, S. 172

[3] Christensen, V. et.al, A Century of Fish Biomass Decline in the Ocean, in: Marine Ecology Progress Series 512, No. 1, 2014, S. 155 ff.

[4] Fritz Reheis, Erhalten und Erneuern, Hamburg, 2022, S. 55