AllgemeinPolitik und GesellschaftEs könnte alles so einfach sein

5. Dezember 2020

„Man kann nicht mit der Faust auf den Tisch hauen, wenn man die Finger überall drin hat.“

 (Dieter Hildebrandt)

Es könnte alles so einfach sein, wenn die Politikerinnen und Politiker die hochaktuellen Forschungsergebnisse aus dem Jahre 1780 beachten würden, um die Corona – Pandemie zu bekämpfen. Früher haben sich viele Ökonomiestudenten weggeduckt, wenn sie die Namen Bernoulli, Laplace oder Lagrange gehört haben. Diese Mathematiker brachten so manchen Ökonomiestudenten zur Weißglut, weil sie teilweise schwer zu verstehen waren. Was haben nun diese Mathematiker aus vergangenen Zeiten, die für die Ökonomie wichtige Zusammenhänge entwickelten, mit dem Corona-Virus zu tun.

Von den Klassikern lernen

Der Niederländer Daniel Bernoulli (1700greg.-1782) wandte als erster Mathematiker die mathematischen Analyseverfahren auf die Dynamik von Krankheiten an. Beispielsweise schrieb Professor Bernoulli im Jahre 1760 eine Abhandlung über Pocken. Er untersuchte dabei die Relation von Kosten und Nutzen einer Impfung gegen die Krankheit.

Der Mediziner und Nobelpreisträger Ronald Ross (1857-1932) war ebenfalls ein Mathematiker. Er erforschte die Malaria und die Masern. Was haben die Masern nun mit Mathematik zu tun? Masern äußern sich als Atemwegsinfektion, ausgelöst durch das Paramyxovirus. Dieser Erreger ist eigentlich immer da, er kommt und geht und die menschliche Gesellschaft kann mit diesem Virus mittlerweile gut umgehen. Nun können die Erkenntnisse der Epidemiologen über das gut erforschte Paramyxovirus auch auf andere Erreger, beispielsweise auf das Corona-Virus, übertragen werden. Viren sind Halblebewesen und sie können nur existieren, wenn es eine Wirtspopulation gibt. Für jede Wirtspopulation gibt es eine kritische Mindestgröße. Unterhalb dieser Größe kann ein Virus nicht unbegrenzt erhalten bleiben. Das bedeutet, wenn diese Größe unterschritten wird, ist das Virus nicht mehr endemisch. Um eine Krankheitsdynamik zu verstehen, sollte die kritische Populationsgröße (CCS = critical community size) als Parameter bekannt sein. Epidemiologen haben schon vor längerer Zeit herausgefunden, dass für Masern (Paramyxovirus) diese Größe bei circa 500.000 Menschen liegt. Wird diese Zahl überschritten, ist die Übertragungseffizienz des Virus sehr hoch und diese Virulenz gibt an, wie hoch die Sterblichkeit unter den Betroffenen ist. Wenn die Wirtspopulation unter einer halben Millionen Menschen liegt, wird das Virus relativ schnell aussterben, weil die anfälligen Wirtsorganismen, in diesem Fall die Menschen, dem Virus keine Gelegenheit mehr bieten. Ist die Wirtspopulation beim Masern-Virus größer als 500.000 Menschen, kann sich das Virus stark ausbreiten, weil es ausreichend Gelegenheiten gibt[1]. Der große Verdienst von Ronald Ross war, dass er aus seinen Beobachtungen die Verbreitung von Viren mathematisch modellieren konnte. Um ein Verständnis für Epidemien entwickeln zu können, ist es hilfreich, die Pathometrie von Ross mathematisch zu durchdringen.

Das Corona-Virus

Das Corona-Virus ist noch nicht hinreichend erforscht und es sind natürlich andere Zahlen zu berücksichtigen. Auch wenn die Epidemiologen diese Zahlen inzwischen sehr gut kennen, scheinen gerade deutsche Politikerinnen und Politiker mit der Mathematik auf Kriegsfuß zu stehen. Oder wie ist es zu erklären, dass sie immer wieder in die gleiche Falle stolpern. Gerade in diesen Tagen erleben wir, wie die Politik zwischen Verschärfung und Lockerung der Corona-Maßnahmen laviert. Ausgerechnet der, der alle brauchbaren Konzepte von Angela Merkel hintertrieben hat, nämlich Armin Laschet, fordert nun neue Konzepte. „Wir können nicht auf Dauer alles schließen und der Staat bezahlt Monat für Monat Milliarden-Ausfälle“, sagte Laschet der Rheinischen Post. Und weiter: “Dauerhafte Schließungen und anschließende Ausgleichszahlungen machen den Staat auf Dauer kaputt.“ Ach nee, welch eine ökonomische Erkenntnis. So kommen wir überhaupt nicht weiter.

Wo bleibt die Logik?

Um die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen, ist zunächst ein Crash-Kurs in Mathematik für alle Politikerinnen und Politiker zwingend erforderlich. Die Physikerin Angela Merkel und den Mediziner Helge Braun könnte man von diesem Kurs ausnehmen, da sie die komplexen mathematischen Zusammenhänge verstanden und gute Vorschläge zur Pandemiebekämpfung gemacht haben. Alle anderen Politikerinnen und Politiker, vornehmlich Armin Laschet [2] und die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer, müssten bei der Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut und bei der Journalistin Vanessa Vu (Zeit Online) einen Mathe-Kurs belegen, um, mit diesem „Schein“, dann Stimm- und Mitbestimmungsrechte in der Corona-Krise zu erhalten. Wer die Diskussion bei Anne Will am 29.11.2020 im Ersten Programm mitverfolgt hat, stellte fest, dass alle anwesenden Politiker (in diesem Fall nur Männer) gegen Frau Priesemann und Frau Vu sehr blass aussahen. Möglicherweise haben Christian Lindner (FDP) und der regierende Bürgermeister von Berlin, Müller (SPD) die Zusammenhänge gar nicht verstanden oder sie wollten sie nicht verstehen. Marcus Söder (CSU) hingegen hat seine Hausaufgaben gemacht. Eigentlich waren die Politiker überflüssig, denn Frau Priesemann brachte es auf den Punkt: Niedrige Fallzahlen würden eine niedrige Dunkelziffer bedeuten. Und nur eine niedrige Dunkelziffer an Menschen, die das Virus unwesentlich verbreiteten, gewährleiste eine gezielte Nachverfolgung und damit eine erfolgreiche Eindämmung der Infektionen. Weiterhin führte Frau Priesemann aus: „Die niedrigen Fallzahlen sind viel, viel, viel besser kontrollierbar“.  Diesen Sachverhalt hat die geduldige Frau Priesemann mehrmals erklärt; ob er von den Anwesenden verstanden wurde, bleibt mehr als fraglich. Auch wäre eine Auffrischung der Bruchrechnung nötig, weil ich insbesondere beim viel diskutierten R-Wert nicht sicher bin, ob das Verhältnis zwischen Zähler und Nenner verstanden worden ist.

Fazit

Sowohl die totalitären Systeme wie Vietnam und China als auch Demokratien wie Taiwan, Südkorea und Japan machen es uns vor – drei Wochen einen „Totallockdown“ fahren und dann wieder zum „alten“ Leben zurückkehren, weil die Fallzahlen dann niedrig und kontrollierbar sind; dass wäre eine prima Alternative zur gegenwärtigen Politik und ein schönes Weihnachtsgeschenk für alle, vom Virus bedrohten, Menschen. Stattdessen wird in Deutschland schon der dritte Lockdown diskutiert, denn der Verband der Intensivmediziner warnt vor einer dritten Welle. Welcher Landesfürst wird dann seinen epidemiologischen Mathe-Kurs absolviert und seine Klientelpolitik über Bord geschmissen haben? Mit folgenlosen Wohlfühlsätzen ist die Krise jedenfalls nicht zu bewältigen.

 

[1] Es ist zu bedenken, dass das Paramyxovirus nicht zoonotisch ist. Wenn Viren zoonotisch sind, ist die kritische Populationsgröße weitestgehend irrelevant, weil diese Viren dann auch auf Tiere überspringen können. Dann kann das Virus immer in einem anderen Wirt, in der Nähe von Menschen, bleiben.

[2] Vor einiger Zeit ist Armin Laschet ebenfalls bei Anne Will mit folgender Aussage aufgefallen: «Wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung ändern, müssen wir in der Politik dagegenhalten». Und wenn Politiker den Unterschied zwischen Virologie (Die Lehre von den Viren) und Epidemiologie ( quantitative, sprich mathematische, Bestimmung der Ereignishäufigkeit und der Krankheitslast in einer Bevölkerung) nicht kennen, muss die Zivilgesellschaft dagegenhalten und Mathekurse für Politiker anbieten.