AllgemeinUmweltMehr Suffizienz wagen

22. Dezember 2021

„Verzicht ist in den Augen der spätmodernen Subjektkultur etwas Negatives, ja geradezu Pathologisches. Es scheint der Grundsatz zu gelten: Es muss in diesem, eigenen Leben auch das gelebt werden, was im menschlichen Leben insgesamt (er)lebbar ist.“ (Andreas Reckwitz)

 

Der Sommer 2021 war schon eine bemerkenswerte Jahreszeit. Corona wurde verdrängt, das Hochwasser im Ahrtal gab einen ersten Vorgeschmack auf die drohende Klimakatastrophe, die Preise stiegen, das Inflationsgespenst baute sich langsam auf und die Rohstoffe wurden knapp. Beim Kauf von Bauholz, Farben, Autos und elektronischen Geräten traten Lieferprobleme auf. Die ökonomische Erklärung war einfach und einleuchtend – Corona ist schuld. Das Virus hat die Lieferketten unterbrochen, deshalb wurden die Waren teurer und die Inflation schnellte hoch. Fazit der meisten Ökonomen – die Probleme werden sich im Jahre 2022 wie von selbst lösen. Dass die Lieferprobleme und die steigenden Preise andere Ursachen haben könnten, wird selten thematisiert. Vielleicht hat die Erde nicht mehr die Rohstoffmengen, um die wachsende Gier der Menschheit zu befriedigen. Das Virus mutiert zur Omikron-Variante und  „Peak Oil“ mutiert zu „Peak Everything“.  Nicht nur Rohöl wird knapp, sondern auch Lithium für Akkus und Coltan für Handys.

Rohstoff-Studie sieht schwindende Reserven 

Als das Buch Die Grenzen des Wachstums von Dennis Meadows im Jahre 1972 erschienen ist, wurde erstmals bekannt, in welchem Umfang die Ressourcen schwinden werden. Kürzlich hat eine Studie des arbeitgeberseitig getragenen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) herausgefunden, dass die Versorgungssicherheit der Industrie nicht mehr gesichert sei. Der IW-Consult-Geschäftsführer Karl Lichtblau sagte, dass Rohstoffe wie Kobalt, Lithium und Graphit zur Neige gehen. Außerdem könnten Platin, Indium und Nickel zu einem Engpass für die Wasserstoffherstellung werden und Karl Lichtblau führte weiter aus, dass „ohne Wasserstoff […] die Energiewende nicht gelingen [wird].“ Nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft werden beispielsweise die Kobaltreserven noch 11 Jahre reichen. Kobalt wird für die Batterien der zukünftigen E-Autos benötigt.

Die Industrie ist aufgeschreckt und fürchtet Rohstoffengpässe und Preissteigerungen. Der FDP-nahe Koalitionsvertrag (Mehr Fortschritt wagen) der gegenwärtigen Bundesregierung hat nicht bedacht, dass der technische Fortschritt keine neuen Ressourcen herstellen und dass man Daten nicht essen kann. Scheinbar wird vergessen, dass wir jetzt schon unseren Ressourcenverbrauch drastisch einschränken müssen, um nicht blindlings in die Klimakatastrophe zu stolpern. Und der springende Punkt ist, dass das Institut der deutschen Wirtschaft die Rohstoffproblematik als Zukunftsproblem bezeichnet. So können Irrtümer festgeschrieben und Menschen „eingelullt“ werden. Es wird suggeriert, dass Zukunftsprobleme Probleme seien, die man erst später, nämlich in der Zukunft, lösen muss. Können wir also weitermachen wie bisher?

Wir müssen den Alltag radikal ändern 

Es ist unbestritten, dass der Klimawandel Extremwetterereignisse hervorrufen wird. Starkregen, Stürme und Überschwemmungen werden weltweit zunehmen. Das Hochwasser im Ahrtal hat gezeigt, dass es viele Monate braucht, um das „normale“ Leben wieder herzustellen. Versorgungssysteme wie beispielsweise Stromleitungen und Kommunikationssysteme sind zusammengebrochen. Bahntrassen, Autobahnen und Brücken sind noch immer nicht intakt. Was wird eigentlich passieren, wenn die gesamte Republik digitalisiert ist und ein Extremwetterereignis die Stromzufuhr kappt? Für viele Menschen ist es unvorstellbar, wenn die Segnungen der Digitalisierung ausfallen würden. E-Auto, E-Book, E-Bike und E-Mail sind nicht mehr zu bedienen und digitale Baupläne, Bevölkerungsdaten und Straßenkarten sind nicht mehr nutzbar. „Alles, was Strom braucht, steht nicht mehr zuverlässig zur Verfügung.“[1] Ob Gesundheitssystem oder Warenauslieferung, sämtliche Infrastrukturen sind ohne Strom nicht mehr denkbar. Mit zunehmendem Klimawandel ist es ratsam, nicht alles auf die Stromkarte zu setzen und über energieneutrale Alternativen zu verfügen.

Wir leben über unsere Verhältnisse 

Vorab sei angemerkt, dass arme Menschen nicht über ihre Verhältnisse leben und auch wenig zur Erhöhung des CO2-Ausstoßes beitragen. Unter Ausklammerung von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen, kann festgestellt werden, dass moderne Konsumgesellschaften auf dreifache Weise über ihre Verhältnisse leben. „(S)ie eignen sich Dinge an, die in keinem Verhältnis zu ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Sie entgrenzen ihren Bedarf erstens von den gegenwärtigen Möglichkeiten, zweitens von den eigenen körperlichen Fähigkeiten und drittens von den lokal oder regional vorhandenen Ressourcen.“[2]

Wie weit die Energiesklaven schon in unserem Leben eingedrungen sind, habe ich im Beitrag Rohöl – ein knappes Gut dargestellt. Jetzt hat sich zum Öl auch noch der Strom gesellt. Gerade in der heutigen Zeit sollte man sich klar machen, welche Dinge des alltäglichen Lebens mit zunehmendem Klimawandel nicht mehr funktionieren werden. Also muss das Leben in vielen Bereichen auch ohne Strom möglich sein. Außerdem ist Strom keine Energiequelle, sondern lediglich ein Energieträger. Eine zunehmende Digitalisierung in allen Bereichen (Verkehr, Industrie, Haushalte) erhöht den Stromverbrauch und treibt den Klimawandel an. Der zunehmende Stromverbrauch steht auch synonym für einen Bequemlichkeitsfortschritt, der Übergewicht, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und schwindende körperliche Belastbarkeit fördert. Handwerkliche Fähigkeiten schwinden und die Versorgung erfolgt ausschließlich konsumtiv. Der „abhängige homo consumens wäre zum Aussterben verdammt, wenn alle Supermärkte der Welt vier Wochen lang geschlossen wären.“[3]

Im Gegenzug führen Konsumeinschränkungen bei den Anbietern zum ökonomischen Kollaps. Um dieser Falle zu entgehen, ist es sinnvoll, über den Prosumenten nachzudenken. Eine von Nico Paech erfundene Kunstfigur – die Kombination aus Produzenten und Konsumenten.

Sättigungserscheinungen

Der Ökonom Hermann Heinrich Gossen (1810-1858) hat schon vor über 150 Jahren erklärt, warum der Konsum im Zeitablauf abnimmt. Das berühmte erste Gossen`sche Gesetz besagt, dass der Nutzen, den eine weitere Einheit eines Konsumgutes stiftet, mit zunehmender Quantität abnimmt.  Das Gesetz ging als Gesetz vom abnehmenden Grenznuten oder auch als Sättigungsgesetz in die Geschichte ein. Gossen hat zwar die Gesetzmäßigkeiten der Bedürfnisbefriedigung herausgearbeitet; er konnte aber damals noch nicht wissen, dass sich die moderne Konsumgesellschaft permanent neu erfindet, indem qualitative Veränderungen der Konsumgüter vorgenommen werden. Dies schützt dann vor Langeweile und Sättigungserscheinungen. Die Hebung des Lebensstandards führt zu einer Inflation der Begehrlichkeiten. „Begehrlichkeiten, die im Rhythmus technischer Neuerungen immer nur kurzfristig befriedigt werden können.“[4]

Da Gossen davon überzeugt war, dass irgendwann eine Sättigung stattfindet, konnte er sich nicht vorstellen, dass die Ressourcen geschont werden müssen. Es findet aber keine Sättigung statt und die Begehrlichkeiten in der Moderne nehmen inflationäre Züge an. Mit zunehmendem Mobilitäts- und Komfortniveau wachsen die Erfordernisse, dieses Niveau zu stabilisieren. Es entstehen neue „Normalzustände“ auf einem höheren Niveau. „Plötzlich wird einfach behauptet, es sei eben normal, wenn Familien Hunderte oder Tausende von Kilometern voneinander entfernt leben, was energetisch ein Wahnsinn ist.“[5]

Außerdem ist es eine alte Binsenweisheit, dass man aus einem endlichen Planeten nicht unendlich viele Rohstoffe entnehmen kann und das die Thermodynamischen Gesetze überall auf der Welt gelten. Die enorme Steigerung des materiellen Wohlstands und des übersteigerten Konsums ist allein und ausschließlich auf die ökologische Plünderung des Planeten entstanden. Der günstigste und zugleich ökologisch sinnvollste Konsum ist der, der nicht stattfindet.

[1] Jörg Phil Friedrich, Ein Leben mit Stromausfall, in: der Freitag, Nr. 46 vom 18.11.2021, S.13

[2] Nico Paech, Befreiung vom Überfluss, München, 2012, S. 10

[3] Nico Paech, Befreiung vom Überfluss, München, 2012, S. 64/65

[4] Jens Hacke, Freiheit in ökologischer Verantwortung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 12`21, Berlin, 2021, S. 82

[5] Erhard Eppler, Niko Paech, Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution…, München, 2016, S. 73