AllgemeinRohstoffeRohöl – ein knappes Gut

29. Juli 2019

Der Sachverhalt „Peak-Oil“ geht auf den amerikanischen Wissenschaftler Marion King Hubbert (1903–1989) zurück. Er nahm an, dass die zeitliche Entwicklung der Erdölproduktion eines Feldes einer logistischen Funktion ähnelt und dass nach dem Höhepunkt die Förderung zurückgeht. Die Förderung über die Zeit läuft also nicht auf einem konstanten Niveau und bricht dann urplötzlich ab, wenn alles Öl aus der Quelle verbraucht ist, sondern der Verlauf folgt einer Glockenkurve.

Der Peak ist bereits überschritten

Ein Öl-Peak und der darauffolgende Rückgang der Förderung kann kaum modelliert werden, weil hier nicht nur die Zeit eine wesentliche Rolle spielt, sondern auch die Tatsache, dass Öl keine »normale« Ressource ist, die abgebaut wird, sondern sie kommt aus einer Quelle, und das hat erhebliche Konsequenzen. Selbst optimistische Schätzungen der maßgeblichen Geologen gehen davon aus, dass der Peak weltweit bereits überschritten ist. Wie lässt sich der Peak erklären?

Wird eine Ölquelle erstmals angezapft, sprudelt das Öl mit hohem Druck heraus, die geförderte Menge steigt. Ist die Quelle circa zur Hälfte leergepumpt, ist das Maximum der Ölförderung erreicht, dieser Punkt wird Peak genannt. Nach dem Peak nimmt der Druck aus der Quelle allmählich ab und die Fördermenge sinkt. In der Regel lohnt sich die Förderung nicht mehr, wenn die Energiekosten, um beispielsweise Druck zu erzeugen, höher sind als die Erträge aus der Quelle. Dies ist meistens dann der Fall, wenn sich noch circa 35 Prozent des Ölvorkommens in der Erde befinden. Aufgrund des Lagerstättendrucks kommt bei einer Ölquelle bis zum Fördermaximum immer neues Öl nach. Nach dem peak nimmt die mögliche Fördermenge immer stärker ab. Dieser Sachverhalt lässt sich auch wissenschaftlich mithilfe der Kennziffer EROI ermitteln. EROI steht für Energy Returned on Energy Invested, oder einfach ausgedrückt: Erntefaktor. Die Ausbeutung einer Energiequelle ist dann ökonomisch sinnlos, wenn mehr Energie aufgewendet werden muss, als man aus dieser Quelle herausholen kann. Die technisch förderbaren Ölvorräte sind dann ökonomisch wertlos. Um Öl zu finden und zu fördern wird viel Energie benötigt. Diese Energie muss addiert werden und mit der Energiemenge verglichen werden, die in dem geförderten Öl vorhanden ist. Diese Relation wird als Energie–Gewinn–Verhältnis bezeichnet. Da Ölquellen immer teurer und unter schwierigsten Bedingungen erschlossen werden, geht natürlich der Anteil der gewonnenen Energie in Relation zur eingesetzten Energie zurück. Immer häufiger dreht sich das Verhältnis um, sodass sich die Ausbeutung nicht mehr lohnt.

Fracking

Um an die Restmenge zu kommen, wird die umweltzerstörende Methode Fracking eingesetzt. Grundsätzlich erfolgt die Förderung konventionellen Erdöls in folgenden Phasen: In der ersten Phase wird der natürliche Druck, der durch das eingeschlossene Erdgas (eruptive Förderung) entsteht, genutzt. Solche Lagerstätten werden in der heutigen Zeit kaum noch gefunden. Häufig sind in der ersten Phase die Quellen schon so schwach, dass die Förderung nur noch durch energieintensives »Verpumpen« gewährleistet werden kann. Um die Lagerstätte weiter auszubeuten, wird in der zweiten Phase dann Wasser oder Gas in das Reservoir injiziert. Um die Förderung weiter voranzutreiben, werden in der dritten Phase nun komplexere Substanzen eingesetzt. Chemikalien, Polymere, Dampf, CO2 oder Mikroben werden nun mit hohem Druck eingespritzt, um die Nutzungsrate zu erhöhen. Diese Methode ist extrem umweltschädlich und vergiftet unser Grundwasser. Wenn angeblich noch sehr viele Ölvorkommen vorhanden sind, stellt sich die Frage, warum solch eine naturzerstörende Methode eingesetzt wird?

Die statische Reichweite

Der Ausdruck Ölvorkommen ist in diesem Zusammenhang irreführend, denn Ölvorkommen sind nicht gleichzusetzen mit den Elementen (zum Beispiel Gold, Uran, Chrom), die wir in der Erde finden. Öl wird aus einer Quelle gefördert und das hat erhebliche Auswirkungen auf die statische Reichweite. Grundsätzlich gibt die Reichweite für den Rohstoff Öl an, wie viele Jahre das Öl noch verfügbar ist. Die statische Reichweite ist die Zeitspanne in Jahren, für die der Rohstoff bei aktuellem Verbrauch noch reichen würde. Die dynamische Reichweite berücksichtigt die Verbrauchsentwicklung. Der Begriff der statischen Reichweite wird zunehmend problematisch,  je weiter das Fördermaximum überschritten ist.

Die deutsche Ölproduktion

Um den Sachverhalt anhand eines Beispiels zu klären, wird die Ölförderung der Bundesrepublik Deutschland untersucht. Deutschland hat bekanntlich keine großen Ölvorkommen, die Ölquellen funktionieren aber weltweit nach dem gleichen Muster, unabhängig ob die Quelle groß oder klein ist. Das Fördermaximum (peak) war in Deutschland im Jahre 1968 erreicht. Die statische Reichweite betrug damals 11 Jahre. Jetzt könnte man meinen, dass es ab 1977 kein Öl mehr in Deutschland gab. Es gibt aber noch Öl in Deutschland. Wurde die statische Reichweite falsch berechnet? Die Antwort lautet: Nein. Das Förderniveau in Deutschland beträgt gegenwärtig nur noch 34 Prozent der Maximalförderung. Wir befinden uns sozusagen auf der anderen Seite der Glockenkurve. Wesentlich weniger verbleibende Reserven führen dazu, dass sich die Reichweite auf 18 Jahre erhöht hat. Das bedeutet, die statische Reichweite des deutschen Öls beträgt heute (im Jahre 2019) noch 18 Jahre, sie hat sich verlängert. 34 Prozent der Maximalförderung lassen sich also noch fördern, leider ist der ökonomische Ertrag sehr gering, weil bei diesem Fördervolumen die Inputenergie mit der Outputenergie in etwa übereinstimmt. Da sich die Ölförderung ökonomisch kaum noch lohnt, wird unter wirtschaftlichen Aspekten die Förderung zurückgefahren, mit der Konsequenz, dass die statische Reichweite des Öls sich noch mehr verlängert. Dieser Sachverhalt trifft natürlich nicht nur auf deutsche Erdölfelder zu, sondern auf alle weltweiten Ölvorkommen. Insofern sind die veröffentlichten Zahlen über die Reichweiten dieses Rohstoffes höchst problematisch und fehlerhaft.

Bis zum letzten Tropfen

»Der wesentliche Aspekt ist der, dass ab dem Moment, ab dem ein Feld sein Fördermaximum überschritten hat, die genaue Höhe der Reserven für die Höhe der künftigen Produktionsraten keine Rolle mehr spielt. Wie auch immer sich am Ende der Produktion die insgesamt förderbare Menge darstellen mag (im Vergleich zu den anfänglichen Schätzungen), die Förderraten werden nur noch zurückgehen. Selbst wenn die Produktion ausläuft, wird noch Öl im Boden zurückbleiben. Es ist an dieser Stelle ökonomisch widersinnig und technisch nicht machbar, den letzten Tropfen abzupumpen.«[1] Man kann eine Ölquelle eben nicht mit einem Glas Bier vergleichen. Wenn ein Glas Bier halb ausgetrunken ist, befindet sich die andere Hälfte des Biers noch im Glas und kann ausgetrunken werden. Dies ist bei einer Quelle, die einen gewissen Druck benötigt, naturgemäß anders. Die andere Hälfte lässt sich eben nicht so ohne Weiteres nutzen. Schlussendlich  sind die Diskussionen um die Reichweiten und um Peak-Öl  nicht zielführend. Um den Klimawandel wirksam zu bekämpfen, muss das Öl da bleiben wo es ist – in der Erde.

[[1] Richard Heinberg, Öl – Ende, München, 2008, S. 154