Die proprietären Märkte

18. April 2020

„Wenn es online etwas umsonst gibt, dann sind Sie nicht der Kunde. Sie sind das Produkt.“

Mariana Mazzucato

Nach der traditionellen Volkswirtschaftslehre treffen Angebot und Nachfrage auf dem Markt, der Gewinner und Verlierer hervorbringt, zusammen. Die »Bezieher« der Konsumentenrente sind die Gewinner, weil sie bereit sind, mehr Geld für ein Wirtschaftsgut auszugeben, dies aber nicht erforderlich ist, weil der Gleichgewichtspreis niedriger ist. Die anderen Nachfrager werden vom Konsum ausgeschlossen, da sie den Gleichgewichtspreis nicht zahlen können bzw. nicht zahlen wollen. Ähnlich verhält es sich bei den Anbietern, die die Produzentenrente bekommen, sie erhalten einen Gewinn. Die übrigen Anbieter werden langfristig den Markt verlassen müssen, weil sie den Gleichgewichtspreis nicht halten können, sie sind gewissermaßen mit ihren Produkten zu teuer bzw. ihre Kosten sind zu hoch. Daraus folgt, dass die marktwirtschaftliche Zuteilungsform von Gütern zwangsläufig Gewinner und Verlierer hervorbringt.

Die klassische Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo) haben Gewinne und Renten klar unterschieden und definierten die Rente eindeutig als Einkommen aus nicht produzierten, aber knappen, Vermögenswerten. Dazu gehören beispielsweise Patente, Lizenzen oder auch, in der heutigen Zeit, Software. Diese Vermögensgegenstände werden nur einmal produziert. Eine Reproduktion ist nicht nötig, weil man sie unbeschränkt verkaufen kann, ohne das sich die Kosten nennenswert erhöhen. „Im Wesentlichen handelt es sich um einen Anspruch darauf, was Marx als das Reservoir an sozialem Mehrwert bezeichnet hat – das enorm ist im Vergleich zum einzelnen Produktions- oder Zirkulationskapitalisten, Landbesitzer, Patentinhaber et cetera.“[1]

Da die Ökonomie ein komplexes System ist, führen die Annahmen der neoklassischen Theorie dazu, dass das Marktgleichgewicht ein sehr seltener Sonderfall ist und nur unter den Prämissen des vollkommenen Marktes, der die absolute Markttransparenz impliziert, zu erreichen ist. Hinsichtlich der Markttransparenz ist es gar nicht möglich, dass alle Marktakteure über dieselben Informationen verfügen. Macht und Informationen sind grundsätzlich immer asymmetrisch verteilt, denn durch bessere Informationen wird noch mehr relative Macht erlangt. Aufgrund der rigorosen Datensammelwut haben die GAFA-Unternehmen[2] ohnehin die besten Informationen. In einem marktwirtschaftlichen System, dass auch noch den Anspruch hat sozial zu sein, muss die Macht begrenzt werden und es darf zu keinem privaten Marktbesitz kommen.

Der digitale Kapitalismus

Wie verhält es sich nun im real existierenden Digitalen Kapitalismus[3]?

In den letzten beiden Blogs habe ich das System der proprietären Märkte beschrieben, die sich von der traditionellen Sichtweise der Volkswirtschaftslehre sehr stark unterscheiden. Die Logik der Plattformunternehmen ist eher  mit der merkantilistischen Idee und dem Absolutismus verflochten. Wie oben beschrieben, muss der, sich im Wettbewerb befindliche, Anbieter seine Produzentenrente verdienen. Diese Risikoprämie stellt sich auf proprietären Märkten vollkommen anders dar, weil die GAFA-Unternehmen[4] relativ krisensicher die Gewinne kassieren können, da sie die Neutralität des Tausches aufgehoben haben. Diese Unternehmen besitzen die Märkte, können den Zugang steuern und über ihre Provisionshöhen selbst entscheiden.

Der Ökonom Joseph A. Schumpeter (1883-1950) war der Auffassung, dass Großunternehmen und Monopole notwendig seien, um – durch die systembedingte „schöpferische Zerstörung“ – Innovationen zu ermöglichen. Zur volkswirtschaftlichen Normalität gehört aber auch, dass auf traditionellen Märkten Güter häufig verknappt werden, um die Preise stabil zu halten bzw. nach oben zu treiben. Diese Verhaltensweise ist häufig bei Monopolen und Oligopolen zu beobachten. Walter Eucken verdeutlichte den Zusammenhang bereits in den 1940 er Jahren anhand eines Beispiels: Ein Monopolist (in einer bestimmten Region) besitzt einen Kaffeevorrat von drei Millionen Sack. Je nach angebotener Menge steigen oder fallen die Preise. Der Monopolist macht folgende Rechnung auf: Er kann 3 Millionen Sack Kaffee für 6,00 Euro[5] verkaufen. Seine Gesamterlöse betragen dann 18 Millionen Euro. Wenn er jetzt das Angebot künstlich verknappt, beispielsweise auf 2,9 Millionen Sack, steigt der Preis beispielsweise auf 7,00 Euro. Das hat zur Folge, dass seine Gesamterlöse nun um 2,3 Millionen Euro auf 20,3 Millionen Euro gestiegen sind. Um seinen Gewinn zu maximieren ist es für den Monopolisten also sinnvoll, 0,1 Millionen Sack Kaffee zu vernichten.[6]

Dieser Sachverhalt stellt sich auf proprietären Märkten wesentlich ausgeprägter dar, weil die Angebotsseite nicht nur die Güter künstlich verknappen kann, sondern zusätzlich fallen bei der Herstellung kaum Kosten an. Diese paradiesische Möglichkeit der Gewinnakkumulation haben herkömmliche Produktionsbetriebe nicht. Ist beispielsweise eine Software auf dem Markt, kann sie beliebig oft vervielfältigt werden, ohne das nennenswerte Kosten entstehen. Die Preise werden auch selten am Markt gebildet, sondern sie werden durch eine rigide Steuerung der Konzerne kalkuliert und anschließend strikt vorgeschrieben. Im Smartphone-Bereich ist dies bei den Apps sehr ausgeprägt. Außerdem kann ein GAFA-Unternehmer „selbst bei sinkenden Umsätzen seine Profite konstant halten oder steigern, da er über Provisionshöhen und Nutzungsbedingungen den Zugang kontrollieren“[7] kann.

Traditionelle Märkte können nicht unbeschränkt das Angebot bzw. die Nachfrage steigern. Dieses strukturelle Problem trifft für die proprietären Märkt nicht zu. Falls die Nachfrage steigen sollte ist eine Angebotsausweitung für facebook relativ problemlos. Die Zusatzkosten mögen sich geringfügig erhöhen, weil eine höhere Serverkapazität benötigt wird. Die Stückkosten  hingegen bleiben weiterhin gering und sind zu vernachlässigen und Strom kommt ohnehin aus der Steckdose.[8]

Die Macht der GAFA-Unternehmen

Organisierte Plattformen sind gewissermaßen Märkte, die Angebot und Nachfrage in gleicherweise managen. Ob die GAFA-Unternehmen schon faktische Monopole sind, lässt sich nicht genau beweisen. Die App-Stores des mobilen Internets sind aber schon definitiv Duopole. Auf der einen Seite ist es Google mit dem Betriebssystem Android und auf der anderen Seite ist es Apple mit IOS. App-Entwickler werden über den Markt gewissermaßen gezwungen, beide Systeme zu bedienen. Insofern funktionieren die Apps auf beiden Systemen.

Google hat es vorgemacht – sie haben die Kunden bzw. User an ihr System gewöhnt. Heute gehört es zum allgemeinen Sprachgebrauch „etwas zu googeln“, suchen und googeln bedeutet für viele Menschen das gleiche. Somit hat die Marketing-Abteilung von Google hervorragend gearbeitet, weil sich die Nutzung dieses „Wirtschaftsgutes“ in Routine umgewandelt hat. Dieser Traum geht für die meisten wertschöpfenden Warenproduzenten nicht in Erfüllung, er lässt sich aber auf alle Unternehmen des GAFA-Sektors, die häufig nur wertabschöpfend agieren, übertragen. Mit welchen geschickten Marketingmethoden dieser Sektor vorgeht, um die Macht auszuweiten, habe ich in diversen Blogs beschrieben. Sämtliche Strategien zielen grosso modo darauf ab, einerseits den Gewinn zu maximieren und andererseits die Machtstellung auszubauen.

Die Fintech-Anwendungen stellen ebenfalls eine beträchtliche Machtanhäufung dar. Dies sind im Wesentlichen proprietäre Bezahlsysteme die die Schnittstelle zum Konsumenten herstellen. „Sie ermöglichen es, Zahlungsflüsse zu kontrollieren und mithilfe der auflaufenden Daten Sekundärprodukte wie Bonitätsratings oder Konsumkredite zu entwickeln und damit nicht nur neue Einnahmequellen zu generieren, sondern auch das eigene Produktportfolio zu erweitern.“[9] Wenn proprietäre Systeme die Zahlungsflüsse kontrollieren können, ergeben sich für die beteiligten Unternehmen zwei Vorteile. Sie können einerseits ihre Profite steigern indem sie die Transaktionsgebühren erhöhen und andererseits werden sowohl Konsumenten als auch Produzenten und Händler „über die Bezahlsysteme unmittelbar in die proprietären Märkte integriert.“[10] Den größten Vorstoß in dieser Richtung unternahm facebook im Sommer 2019, als sie verkündeten eine eigene Digitalwährung namens Libra zu präsentieren. Wenn dies geschieht, lässt sich der Staat ein wesentliches Hoheitsrecht[11] entreißen, denn die „Privatisierung des Geldes“ stellt einen Angriff auf die staatliche Geldhoheit  dar. Außerdem wäre Libra für die Schwellen- und Entwicklungsländer ein starker Eingriff in die Souveränität dieser Länder.

Resümee`

Inspiriert vom wunderbaren Buch -Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit- des Hochschulprofessors für Soziologie Philipp Staab habe ich mich in den letzten drei Blogs mit proprietären Märkten auseinandergesetzt. Dieses Buch sollte jeder Ökonom gelesen haben, weil Phillip Staab es versteht, einen spannenden und neuen Fokus auf die gegenwärtigen Märkte zu legen, ohne technik- oder innovationsfeindlich zu sein. Märkte existieren nicht von sich aus. Sie werden von der gesamten Gesellschaft gestaltet und sind die Folge von Entwicklungen, die durch zahlreiche Sektoren und wirtschaftlichen Akteuren gestaltet wurden. Diese kulturellen und ökonomischen Errungenschaften dürfen wir nicht kampflos an Google und Co. abtreten.

Beim Lesen des Buches habe ich mich an der einen oder anderen Stelle an Antonio Gramsci (1891-1937) erinnert. Gramsci wurde von Mussolinis faschistischem Regime inhaftiert und schrieb am 19. Dezember 1929 aus dem Gefängnis: „Ich bin ein Pessimist wegen der Intelligenz, aber ein Optimist wegen des Willens.“ Auf die heutige Zeit übertragen, könnten die proprietären Märkte bedrohlich wirken und Pessimismus verbreiten, zumal sie es aus den oben beschriebenen Gründen geschafft haben, in kürzester Zeit zu den wertvollsten Unternehmen aufzusteigen und eine entsprechende Machtausstattung angehäuft haben. Wir befinden uns sowohl in der Digitalisierung als auch in der Umweltproblematik (CO2-Konzentration und Klimawandel) im, von Gramsci beschriebenen, Interregnum, nämlich „dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“ (Antonio Gramsci). Und an dieser Stelle sollte dann doch der Optimismus walten, weil die Digitalisierung und auch die CO2-Konzentration anthropogener Natur sind und deshalb auch zum Wohle der Menschen gestaltet werden können – eine wache und kritische Zivilgesellschaft vorausgesetzt.

[1] Mariana Mazzucato, Wie kommt der Wert in die Welt?, Frankfurt/New York, 2018, S.107.

[2] Die sogenannten GAFA-Unternehmen sind Google, Amazon, Facebook und Apple. Wobei Apple eine Sonderstellung einnimmt, weil dieser Konzern tatsächlich materielle Güter produziert.

[3] Vgl. Phillip Staab, Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin.

[4] Ausgenommen ist Apple, weil diese Unternehmung tendenziell zum produzierenden Sektor gehört.

[5] Walter Eucken hat mit der Währungseinheit DM gerechnet.

[6] Jetzt können noch andere Konstellationen durchgespielt werden, um den Gewinn noch weiter zu maximieren. Zugegeben ist dies ein einfaches Beispiel. Volkswirte würden jetzt die Angebots- bzw. Nachfrageelastizitäten mit in die Überlegungen einbeziehen. Dies ist sicherlich richtig, würde aber an dieser Stelle zu weit führen.

[7] Phillip Staab, Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin, 2019, S.48.

[8] Das Problem der Elektrizität wird betriebswirtschaftlich häufig unterschätzt, diese externen Kosten können aber für eine Volkswirtschaft durchaus problematisch werden. Die „smarten“ Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie haben es verstanden, dem Verbraucher einzureden, dass die digitale Übertragung von Daten umweltneutral sei. Diese Übertragung geschieht aber mit Lichtgeschwindigkeit (300.000 km/sec.). Ich habe gerade etwas „gegoogelt“. Die Suchmaschine teilt mir mit, dass sie 200.000 Einträge innerhalb von 0,45 Sekunden gefunden hat. Wie ist das möglich? Die Übertragung vollzieht sich mit elektrischem Strom der mit Lichtgeschwindigkeit, der höchsten Wirkungstransportgeschwindigkeit im gesamten Universum, die Daten zusammenstellt. Die Probleme der Energiegewinnung und der daraus resultierenden CO2 – Problematik habe ich in diversen Blogs dargestellt. Die Rechenleistung eines Smartphones kostet sehr viel Energie, weil immer ein Rechenzentrum angestoßen werden muss. Dies wird häufig vergessen, wenn „witzige“ Bilder und Filme um die Welt geschickt werden. Im Übrigen ist die Rechenleistung eines einzelnen Smartphones 120 Millionen Mal höher als die Leistung des Bordcomputers der Apollo 11, die die erste Mondlandung im Jahre 1969 absolvierte.

[9] Phillip Staab, Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin, 2019, S.188.

[10] Phillip Staab, Digitaler Kapitalismus, Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin, 2019, S.189.

[11] Dies ist, mit der Einführung der Apple-Systeme, im hoheitlichen System Schule und Bildung auch schon ansatzweise geschehen.

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