Der Schattenbanken-kapitalismus

05. Januar 2022

 „Maximiere deinen Profit, egal ob andere dadurch geschädigt werden.“

(Rudolf Hickel in Anlehnung an den Kantschen Imperativ)

 

Die fiskalpolitischen Ausführungen im Koalitionsvertrag sind äußerst dünn. Viele wichtige Punkte wurden nicht oder unzureichend ausgeführt. Dabei gibt es gerade in diesem Bereich viel zu tun. Neben der Steuer-, Verschuldungs– und Fiskalpolitik muss auch das Schattenbanksystem unter die Lupe genommen werden. Da es im Ampelvertrag nicht genannt wird, können die Koalitionäre es auch nicht infrage stellen. Dabei ist gerade dieses paradoxe System bemerkenswert, weil es einerseits die Finanzmärkte in Zeiten der „Nichtkrise“ stabilisiert und andererseits Krisen hervorrufen kann.

Das System der Schattenbanken[1]

Das Finanzsystem war früher stark reguliert. Bedingt durch die neoliberale Wende (Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung der Märkte) in den 1990er Jahren entstand zunehmend das unregulierte Schattenbanksystem. „Im Schattenbankensystem werden inzwischen Wertpapiere im Umfang von mehr als 200 Billionen Dollar pro Jahr umgesetzt, das sind etwa 50 Prozent aller weltweit gehandelten Wertpapiere. Mit sechs bis neun Prozent jährlich wächst es deutlich schneller als das Bankensystem.“[2]  Das Schattenbanksystem befindet sich außerhalb des regulierten Finanzsystems und wird zunehmend für die Generierung der Liquidität benötigt. Zu diesem System zählen Investment-, Geldmarkt-, Pensions- und Hedgefonds sowie Broker-Dealer, Private-Equity-Gesellschaften und Verbriefungszweckgesellschaften. Schattenbanken nutzen die gleichen Methoden und Finanzierungsinstrumente wie Geschäftsbanken. Spekulation, Arbitrage oder Hedging werden je nach Marktlage von den Schattenbanken strategisch eingesetzt.

Im Mittelpunkt des Schattenbanksystems stehen die sogenannten Repos. Diese bieten kurzfristig die Möglichkeit sich Liquidität zu besorgen, ohne dass sie nennenswerten Restriktionen unterliegen. Repos sind Verträge, in denen Wertpapiere als Sicherheiten fungieren. Insofern handelt es sich hier um einen abgesicherten Kredit. Die Verträge sind so beschaffen, dass Wertpapiere zu einem Preis verkauft werden. Diese werden zu einem vorher vereinbarten Preis plus Zinsen wieder zurückgekauft. Da der Käufer rechtmäßiger Besitzer der Wertpapiere wird, gibt es an dieser Stelle keinen nennenswerten Unterschied zum regulierten Finanzmarkt. Trotzdem sind die Risiken im Schattenbankensystem anders gelagert.

Jeder Kredit kann „platzen“ und der Kreditgeber trägt dann das Insolvenzrisiko des Schuldners. Im regulierten Finanzmarkt wird dieses Risiko einerseits durch die Einlagensicherung und andererseits über das Eigenkapital abgedeckt. Außerdem werden die Banken durch die Zentralbanken, die die Rolle des Lenders of Last Resort übernommen haben, geschützt. Zusätzlich wird das Liquiditätsrisiko durch die Spitzenrefinanzierungsfazilität der Zentralbank abgesichert.

Dies ist im Schattenbankensystem anders gelagert. Die Sicherheitsstruktur ist privat organisiert und die Sicherheiten liegen fast ausschließlich in Form von Wertpapieren (beispielsweise Zins-Swaps und Devisen-swap-Geschäfte) vor. Dies stellt einen fundamentalen Unterschied zum Bankensystem dar. Das Schattenbanksystem kennt keine Einlagensicherung. In Nichtkrisenzeiten ist das alles kein Problem, da ist das Schattenbanksystem genauso sicher, wie der regulierte Finanzmarkt, weil die Repo-Transaktionen, die auf verbrieften Krediten basieren, ähnlich wirken wie die staatlich garantierte Einlagensicherung des Bankensektors. Aber wie verhält es sich in Krisenzeiten?

Das Schattenbankensystem in der Krise

Die Finanzkrise 2007/2008 hat gezeigt, dass die Schattenbankenaktivitäten, wie beispielsweise die Verbriefung von Krediten, erheblich zu der Krise beigetragen haben. Die Krise konnte von diesem Sektor, ohne stattliche Hilfe, nicht beendet werden. Dies ist im darlehensbasierten Kreditwesen anders, weil die Gefahr von Bank Runs  über die staatliche Einlagensicherung vermindert wird. Außerdem agiert die Zentralbank als Lender of Last Resort im System der Banken. Für Schattenbanken existiert weder eine staatliche Einlagensicherung noch ist dieses System im Zentralbankenverbund beteiligt. Und dies ist in Krisenzeiten nicht unerheblich, denn Schattenbanken simulieren die staatlichen Garantien durch ihr marktbasiertes Kreditsystem. „In Krisenzeiten ist dieser Unterschied [aber] entscheidend, da sich ab einem bestimmten Moment keine Käufer mehr für die Wertpapiersicherheiten finden oder diese weit unter dem regulären Marktpreis verkauft werden müssen.“[3] Also sind die Sicherheiten der Schattenbanken abhängig von der Marktbewertung. Und dies kann fatale Folgen haben. Während Geschäftsbanken sich ihre Liquidität bei der Zentralbank besorgen kann, sind Schattenbanken bezwungen, Vermögenswerte auch zu sehr geringen Preisen zu veräußern, um sich die gewünschte Liquidität zu besorgen. Ihnen fehlt der direkte Zugang zur Zentralbankliquidität.

Die Finanzkrise ist noch nicht überwunden. Es wäre fatal und unredlich, die Schuld bei der Infektionskrankheit Covid 19 zu suchen. Noch vor Corona waren die Finanzmärkte im Krisenmodus. Damals und auch heute ist die Fiskalpolitik untätig, während die Zentralbanken die Misere managen müssen, mit der Prämisse, dass die klassische Leitzinspolitik tendenziell wirkungslos geworden ist.

Wünschenswert wäre eine Einführung von Eurobonds, die eine gemeinschaftliche Haftung aller Mitgliedsstaaten impliziert. Dies wird aber von vielen nordeuropäischen Ländern abgelehnt, stattdessen setzt Europa auf den, bereits von mir kritisierten, Repo-Markt. Paradoxerweise setzen die Marktliberalen auf ein „freies“ Schattenbanksystem, „welches jedoch ohne die permanente Produktion neuer Staatsanleihen und also Staatschulden nicht funktionieren kann.“[4] Außerdem handelt es sich beim Schattenbankensystem nicht um ein „freies“ System, weil es das tägliche Eingreifen der Notenbanken benötigt, die ständig dieses System stabilisieren müssen. Die EZB ist die Institution, die das System am Laufen hält, während in der Fiskalpolitik, gewollt oder ungewollt, geschlafen wird. Dies wird sich vermutlich unter einem Finanzminister Lindner auch nicht ändern, auch wenn die Modern Monetary Theory eine neue Sichtweise eröffnet. Diese moderne Finanztheorie passt so gar nicht in das Fortschritts-Narrativ Lindners.

Fazit

Es ist paradox – weltweit fordern immer mehr Zentralbanken mehr Engagement in der Fiskalpolitik. Die Zentralbanken wissen sehr genau, dass der westliche Kapitalismus und das globale Finanzsystem ohne das Engagement der Zentralbanken  nicht überleben können. Deshalb sind die Regierungen aufgerufen, aus ihrem fiskalpolitischen Tiefschlaf zu erwachen. Ausgerechnet in Deutschland haben wir nun einen Finanzminister, der der marktliberalen Rationalität folgt und keine Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigt, weil die unsichtbare Hand  und der freie Markt es schon richten werden. Welch ein Trugschluss. Staatliche Institutionen, und dazu gehört in erster Linie das Finanzministerium, müssen starke und sanktionsbewehrte Gesetze auf den Weg bringen. Hier sind klare Schranken, in denen sich die Finanzakteure bewegen dürfen, zu formulieren. Die Lehmann-Pleite hat gezeigt, dass private Sicherungssysteme nicht funktionieren, sie versagen in der Krise. Die Zentralbanken nehmen zwangsweise die Rolle des Lender of Last Resort  oder die des Dealer of Last Resort an. Dies kann keine dauerhafte Lösung sein.

Wie ich in meinem Blog Finanz-Crash: Over the counter (OTC) bereits an 30.08.2018 ausführte, wäre es ebenfalls wünschenswert, wenn sich der Hochfrequenzhandel, sowie das gesamte Finanzwesen entschleunigen würde. Dies wird aber nicht geschehen – im Gegenteil; der Einfluss von wachstumsfixierten Schattenbanken wie Black Rock ist seit der Finanzkrise massiv gestiegen. [5]  Darüber hinaus muss auch noch angemerkt werden, dass das mächtige Schattenbankensystem auch gerne für die weltweite Geldwäsche missbraucht wird. Aber dies ist eine andere Baustelle.

[1] Einige Ökonomen halten den Begriff „Schattenbanken“ für unglücklich gewählt, weil er negativ konnotiert ist.

[2] Joscha Wullweber, Zentralbankkapitalismus, Berlin, 2021, S. 141

[3] Joscha Wullweber, Zentralbankkapitalismus, Berlin, 2021, S. 155

[4] Joscha Wullweber, Zentralbankkapitalismus, Berlin, 2021, S. 249

[5] Der designierte CDU-Parteivorsitzende, Friedrich Merz, war vor einiger Zeit noch Aufsichtsratsvorsitzender von Black Rock, Deutschland.

Weitere Artikel