Die Fischerei und der Kapitalismus (4)

24. November 2022

„Der Kapitalismus folgt aber der Logik der Krebszelle. Er muss unaufhörlich wachsen und zerstört damit erst seine Umwelt – und dann sich selbst.“ (Ulrike Herrmann) 

Im dritten Teil vom 13.November 2022 habe ich die Ausgangssituation der kleinen Fischerinsel beschrieben und ausgeführt, dass die Fischer Kredite aufnehmen müssen, um die neuen Motorboote anzuschaffen. Warum müssen sie nun Kredite aufnehmen? In meiner Kindheit habe ich gelernt zu sparen. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Geldes nicht wert – so sprachen die damaligen Erwachsenen. Die Fischer auf der Insel könnten doch auch Geld beiseitelegen. Sie sparen eine gewisse Zeit und dann könnten sie sich die Boote ohne eine Kreditaufnahme kaufen. Das klingt doch ökonomisch sehr vernünftig. Ist es im Prinzip auch. In meiner kaufmännischen Ausbildung in den 1970er Jahren habe ich von meinen VWL-Lehrern gelernt, dass in einer Volkswirtschaft zunächst gespart werden muss, damit sich anschließend die Unternehmen diese Ersparnisse in Form von Krediten bei den Banken besorgen können, um dann gewinnbringende Investitionen tätigen zu können. Lang, lang ist es her. Damals gab es noch keinen Turbokapitalismus.

In unserer wachstumsgetriebenen Ökonomie wäre dieses aber keine gute Idee, denn im Kapitalismus führt das Sparen in einer Volkswirtschaft zur Verarmung. Warum ist das so? Wenn die beschriebenen Fischer[1] sparen würden, könnten sie nicht mehr konsumieren, denn Sparen bedeutet immer Konsumverzicht. Dies hätte zur Folge, dass andere Branchen der Insel, beispielsweise der Kneipenwirt, keine Einnahmen generieren könnte. Dann könnten die Fischer dem Kneipenwirt und auch dem Lebensmittelladen keine Fische mehr verkaufen. Dies hätte zur Folge, dass die Erlöse der Fischer sinken und das Sparen schwerer fallen würde. Also wird man sich langfristig keine Motorboote mehr leisten können. Sparen ist in einem heutigen Turbokapitalismus deshalb so gefährlich, weil der Wirtschaft die Nachfrage entzogen wird. Also lässt sich Wachstum nicht mit Ersparnissen erzeugen, es lässt sich nur mit Krediten finanzieren.

Betriebswirtschaftslehre vs. Volkswirtschaftslehre

Auch hier fällt, wie so oft, die betriebswirtschaftliche Logik mit der volkswirtschaftlichen Sichtweise auseinander. Sparen mag für den einzelnen Haushalt sinnvoll sein. Wenn der Haushalt Geld zurücklegt, wächst sein Konto und er fühlt sich reicher. Wenn dieses aber alle machen würden, entzöge man der Volkswirtschaft die Nachfrage. Ein Wirtschaftswachstum ohne Kredite und Verschuldung ist also nicht möglich, beziehungsweise wäre kontraproduktiv.

Mit dem Geld verhält es sich wie mit dem Strom aus der Steckdose. Strom ist zunächst nur ein Energieträger und keineswegs eine Energiequelle. Energiequellen sind beispielsweise Öl, Gas, Kohle, Wind- und Atomkraft. Aus diesen Quellen kann Strom, häufig sehr ineffizient, erzeugt werden. Der Strom aus der Steckdose wird dann produziert, wenn er verbraucht wird.[2]  Mit dem Geld verhält es sich ähnlich. Im Augenblick der Darlehensvergabe entsteht also neues Geld.[3]  Daraus folgt, dass Geld und Kredit immer zusammen entstehen. Da in unserem Wirtschaftssystem Kredite verzinst werden, gibt es zu jedem Zeitpunkt mehr Schulden als Geld.

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht den Zusammenhang. Auf unserer fiktiven Insel hat sich auf Anraten der Unternehmensberater der Bankensektor etabliert. Wir stellen uns vor, dass ein Fischer exakt null Euro auf seinem Girokonto hat. Da er dringend ein Motorboot braucht, benötigt er einen Kredit in Höhe von 10.000,00 Euro. Diese Anschaffung ist möglich, weil die Bank ihm erlaubt hat, das Girokonto zu überziehen. Also überweist der Fischer die 10.000,00 Euro an den Bootshändler. Genau in diesem Moment bucht die Bank ein Minus von 10.000,00 Euro auf das Konto des Fischers. Plötzlich sind 10.000,00 Euro in der Welt, nur durch einen einfachen Buchungssatz. Der Fischer muss diese 10.000,00 Euro aber auch zurückzahlen. Dies wird er nur schaffen, wenn er entsprechende Profite generiert. Das bedeutet, er muss nun möglichst viele Fische fangen und die Natur möglichst maximal ausbeuten, um seinen Kredit zurückzuzahlen. Und dies wäre nicht möglich, wenn unser Fischer Verluste machen würde.

Zusammenfassung

Im ersten Teil dieser Ausführungen wurde der „faule“ Fischer beschrieben, der kein Kapital bilden will. Im dritten Teil wurden die Fischer durch die Unternehmensberater animiert, Kapital in Form von Motorbooten zu bilden. Die Inselbewohner wurden insgesamt reicher, es entstand materieller Wohlstand. Die Kehrseite der Medaille war die Ausbeutung der Natur und die rückläufigen Fischbestände. Wie im 2. Teil vom 30.Oktober 2022 beschrieben, haben die Fischer intergenerativ diese Ausbeutung noch nicht einmal bemerkt.

Der theoretische Unterbau sowie die Darstellung und Gesetzmäßigkeiten der Kapitalbildung und der Kapitalakkumulation wurde durch den Ökonomen und Philosophen Karl Marx herausgearbeitet. Zunächst kann festgestellt werden, dass Kapitalbildung das Ziel hat, hinterher noch mehr Kapital zu besitzen.[4] Die Investitionsgüterproduktion bewirkt, dass ein größeres Kapital zu einer höheren Produktion führt. Teile der Produktion werden nicht konsumiert, sondern investiert. Diese Investitionen erhöhen das Kapitalvolumen und dies führt wiederum zu einer noch höheren Produktion. Die Konkurrenz zwingt jeden Kapitaleigner oder Kapitalisten dazu, den erzielten Mehrwert permanent neu zu investieren. Das Kapital in Form von Investitionsgütern nutzt sich hingegen auch ab, wird dann abgeschrieben und als Schrott ausgeschieden. Je mehr Kapital eingesetzt wird, desto höher ist die jährliche Kapitalabnutzung und der entsprechende Naturverbrauch in Form von Material und Energie.

Nach Joseph Schumpeter (1883–1950) findet im Kapitalismus ein Prozess der schöpferischen Zerstörung statt. Die schlechteren Produktionsverfahren werden in einer immer größer werdenden Dynamik durch bessere ersetzt. Dies trifft ebenfalls auf den Konsum zu, denn eine Bedarfssättigung darf nie eintreten, sonst bricht das System zusammen. „Es kann nur existieren, wenn es immer weiter wächst.“ (Fabian Scheidler)

Marx begriff das Kapital nicht als Besitz, sondern vielmehr als einen Prozess. »Jeder Kapitalist unterliegt dem »Zwangsgesetz der Konkurrenz«, wird von seinen Wettbewerbern getrieben und weitet seine Produktion aus, um nicht unterzugehen.«[5] Deshalb bleibt ihm nichts anderes übrig als den Gewinn zu steigern, indem er permanent in neue und bessere Maschinen oder, um im Bild zu bleiben, Boote (Kapital) investiert. Er ist also kein autonomer, freier und souverän handelnder Mensch, sondern er wird von der Konkurrenz gewissermaßen gezwungen, sein Kapital zu vermehren. Marx nennt diesen Prozess Kapitalakkumulation. Der Kapitalist kann aus diesem Prozess nicht aussteigen. Tut er es trotzdem, wird er untergehen. Die Kapitalisten werden bei Marx Charaktermasken genannt. Dies ist keineswegs bösartig zu verstehen. Der Kapitalist ist Träger einer Rolle, die er spielen muss, um in diesem System zu bestehen. „Marx hütet sich aber davor, der „Charaktermaske“ des Kapitals, dem Kapitalisten, die Ãœbel der Produktionsweise anzulasten.“ (Elmar Altvater) Aber nicht nur der Kapitalist muss systemkonform handeln. Nach der marxschen Entfremdungstheorie entfremden wir uns von uns selbst, von den Mitmenschen und von der Natur.  Also muss Jeder systemkonform handeln um nicht unterzugehen. Es macht keinen Sinn, einem Kapitalisten zu empfehlen, nicht so gierig zu sein und sich mit dem zu begnügen, was man hat. Daraus folgt lediglich, dass das Gesetz der Konkurrenz den genannten Kapitalisten »vernichtet«. Er ist verpflichtet zu investieren und noch mehr Mehrwert zu schaffen. Der einzelne Unternehmer ist nur ein kleines Rad im Getriebe, der den Zwängen des Marktes unterliegt. Er mag sich und seine Entscheidungen als sehr wichtig ansehen, »aber tatsächlich ist er nur ein Vollstrecker der permanenten Verwertung«.[6]

Diese permanente Verwertung umfasst  nicht nur die Entfremdung einzelner Menschen,  sondern auch die  totale Ausbeutung der Natur. „Die Verbindung von endloser Geldvermehrung, staatlichem Expansionsdrang und rasanter technischer Entwicklung sollte diese moderne „Megamaschine“ zum dynamischen und aggressivsten System der Weltgeschichte machen.“[7] Das planetarische Zerstörungspotential der Natur durch den Kapitalismus ist einmalig in der Geschichte der Menschheit. Die Natur stellt Material und Energie zur Verfügung. Der Kapitalismus beutet diese Stoffe gnadenlos aus, sie werden immer knapper und die Verwertung setzt unter anderem CO2 frei. Deshalb ist es richtig, wenn Friday-for-future oder Extinction Rebellion fordern, dass neben dem Climate-Change zwingend auch ein System-Change erfolgen muss, denn eins ist sicher: die Menschheit hat zu mehr als 99 Prozent ihrer Geschichte unter nicht-kapitalistischen Verhältnissen gearbeitet und gelebt.

[1] Siehe Die Fischerei und der Kapitalismus, Teil 1, 2 und 3

[2] Natürlich lässt sich Strom auch speichern. Dies ist aber grundsätzlich ineffizient. Strom lässt sich auch nicht verbrachen, er wird lediglich umgewandelt. (Vgl. Thermodynamik )

[3] Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Verschuldung und Geldentstehung wird im Film „Oeconomia“, der in Kooperation von ZDF und 3Sat entstanden ist, wunderbar dargestellt.

[4] Vgl. Ulrike Hermann, Der Sieg des Kapitals, München Berlin, 2016, S. 9

[5] Ulrike Hermann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung, Frankfurt / Main, 2016, S. 125

[6] Ulrike Hermann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung, Frankfurt / Main, 2016, S. 123

[7] Fabian Scheidler, Der Stoff aus dem wir sind, München, 2021, S. 18/19

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