AllgemeinPolitik und GesellschaftDie schrankenlose Kapitalakkumulation

27. Dezember 2020

„Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Menschen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen, wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias[1] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“[2]

(Karl Marx)

 

In den Ausführungen zum „tendenziellen Fall der Profitrate“ im dritten Band des „Kapital“ von Karl Marx heißt es: „Die Ökonomen also, die wie Ricardo die kapitalistische Produktionsweise für die absolute halten, fühlen hier, daß diese Produktionsweise sich selbst eine Schranke schafft, und schieben daher diese Schranke nicht der Produktion zu, sondern der Natur (in der Lehre von der Rente). Das Wichtigste aber in ihrem Horror von der fallenden Profitrate ist das Gefühl, daß die kapitalistische Produktionsweise an der Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke findet, die nichts mit der Produktion des Reichtums als solcher zu tun hat; und diese eigentümliche Schranke bezeugt die Beschränktheit und den nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistische Produktionsweise; bezeugt, daß sie keine für die Produktion des Reichtums absolute Produktionsweise ist, vielmehr mit seiner Fortentwicklung auf gewisser Stufe in Konflikt tritt.“ (MEW 25:252)

Die Kapitalakkumulation entwickelt sich zunehmend zu einem „Feind der Natur“ (Joel Kovel). Deshalb wird sie möglicherweise eine Schranke finden und sich in Luft auflösen. Außerdem wird sie durch innerökonomische Widersprüche blockiert. Können diese Kapitalverhältnisse  nun zerbrechen? Scheinbar beschränkt die Natur die kapitalistische Produktionsweise. Kollabiert die Natur oder die Ökonomie? Wird erst die Natur, aufgrund der permanenten Verwertungsinteressen des Kapitals, zusammenbrechen oder fällt der Kapitalismus in sich zusammen, wenn die Natur vollends ausgebeutet wurde? Wahrscheinlich wird beides gleichzeitig stattfinden. Einige Philosophen, wie beispielsweise Peter Sloterdijk, meinen, dass die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals permanent neue Räume für Verwertungsprojekte öffnen werde. Können Räume unendlich expandieren? Dies scheint problematisch, weil alle materiellen Dinge aus der begrenzten Natur kommen. Selbst die virtuelle Wirtschaft lebt in einer Fantasiewelt, wenn sie glaubt, ohne Transformation von Energie und Material auskommen zu können. Möglicherweise kennt Peter Sloterdijk eine Wachstumsstrategie, die die Natur nicht an systematische Grenzen führt und natürlichen Ressourcen bis in alle Ewigkeiten bereitstellt. Schön wäre es, dann hätten wir tatsächlich die „beste aller möglichen Welten“ (Leibnitz). Selbst wenn die Endlichkeit der Erde bezweifelt wird, gibt es Grenzen der ökonomischen Rentabilität der Ressourcenausbeutung. Die Verfechter von de-growth, green growth oder auch green capitalism glauben ebenfalls an die Gestaltbarkeit und an die unendliche Ausbeutbarkeit der Natur . Ob der New-Green-Deal[3] die Natur retten wird, ist fraglich, denn “Naturbedingungen als restringierende Variable” (Elmar Altvater) interferieren auch Marktprozesse.

Die überlastete Natur

Die Naturgesetze setzen uns Grenzen, denn Wachstum in der Zeit  und Expansion im Raum lassen sich nicht unendlich fortsetzen. Auch Marx war der Auffassung, dass die Profitabilität im Zeitablauf sinkt und drückte diesen Sachverhalt im ökonomischen Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate aus.[4] Marx folgerte daraus, dass der Sinn des Kapitalismus nicht die Warenproduktion für den Bedarf der Gesellschaft sei, sondern der Profit. Dieser Widerspruch bewirke, dass das System immer wieder aus dem Gleichgewicht gerate und der permanente Verwertungsimperativ des Kapitals  die Natur be- bzw. überlastet und die Ressourcenbasis der kapitalistischen Akkumulation schrumpft.

Der englische Philosoph Francis Bacon (1561–1626) meinte: »Man kann die Natur nur dadurch beherrschen, indem man sich ihren Grenzen unterwirft.« Insofern hat Bacon schon damals die externe Natur in seinen Lehrsätzen zur Naturbeherrschung berücksichtigt. Und auch Friedrich Engels  war der Auffassung, dass kapitalistische Gesellschaften sich nicht vollends aus der Naturbedingtheit emanzipieren können. Natürlich hat Engels Recht – man kann sich nicht aus Naturgesetzen befreien. (Dies hat auch Angela Merkel, die naturwissenschaftlich denken kann, in ihrer Rede am 09.12.2020 zur Corona-Krise im Deutschen Bundestag klar und deutlich dargestellt.)

Kipp-Punkte

Zur Dialektik der Natur gehören auch die Kipp-Punkte, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel zunehmend an Bedeutung gewinnen. Früher waren Kipp-Punkte nicht Bestandteil des naturwissenschaftlichen Diskurses. Schließlich waren diese Kipp-Punkte in weiter Ferne und weite Teile der Forschung haben sich nicht für sie interessiert. Dies war auch nicht erforderlich, weil die klimatischen Kipp-Punkte noch nicht präsent waren und der Wirkungsgrad der Naturaneignung noch relativ gering war. Deshalb waren der Klimawandel und die Kipp-Punkte in den 1980er Jahren selten Bestandteil des wissenschaftlichen Diskurses.

Bedingt durch den Klimawandel kamen die Kipp-Punkte immer näher und wurden Bestandteil der gesellschaftlichen Diskussion. Aufgrund der unumstößlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ist es nun an der Zeit, dass individuelles und gesellschaftliches Handeln dazu führen muss, die Klimakatastrophe abzuwenden. Naomi Klein stellt uns in ihrem Buch -Kapitalismus versus Klima- vor die Alternative – entweder oder! Im Jahre 1970 war es nicht nötig über diese Alternative nachzudenken, weil die CO2-Konzentration  300 ppm betrug. Insofern hat sich zu dieser Zeit, und auch in den 800.000 Jahren davor, die Konzentration unwesentlich verändert. Heute gehört die kapitalistische Produktionsweise auf den Prüfstand, weil die CO2-Konzentration über 415 ppm beträgt. Deshalb muss sich die Ökonomie zwingend mit der Naturdialektik und dem Stoffwechsel der Natur  auseinandersetzen, um der größten Herausforderung der Menschheit entgegenzutreten – dem Klimawandel. Hier helfen uns auch keine vollmundigen Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit und erst recht keine folgenlose Wohlfühlsätze weiter, es muss gehandelt werden, sonst werden weitere Ökosysteme den Kollaps erleben. Wie ich in mehreren Blogs bereits ausgeführt habe, muss der Klimawandel zusammen mit den gesellschaftlichen Ungleichgewichten gedacht werden. Die Mächtigen sind hauptsächlich für den hohen CO2-Ausstoss verantwortlich und nun blockieren sie die Klimaziele und längst überfällige gesellschaftliche Veränderungen. Wie die neueste Oxfam-Studie vom 08.12.2020 belegt, sind die reichsten 10 Prozent der EU-Bürger für mehr als ein Viertel der europäischen Emissionen verantwortlich. Deshalb müssen Klima- und Vermögenswandel zusammen gedacht werden. In diesem Zusammenhang ist das Lauderdale-Paradox zu bedenken. Es besagt, dass öffentlicher Wohlstand und privater Reichtum in einem inversen Verhältnis zueinanderstehen können. Deshalb ist der gesellschaftliche Reichtum umzuverteilen beziehungsweise es muss eine Rückverteilung des angeeigneten Reichtums stattfinden. Dies gilt nicht nur für die menschliche Gesellschaft, sondern auch für die Natur.

 

[1]  Frei übersetzt: gute Familienväter

[2] Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, Berlin, 1957, S. 826.

[3] Dieser, von der Europäischen Kommission unter Ursula von der Leyen vorgestellte, Deal soll die Netto-Emissionen von Treibhausgasen bis zum Jahre 2050 auf null reduzieren. Es wäre erfreulich, wenn dieser Weg gelingen könnte. Leider hat das Europäische Parlament und der Rat der europäischen Agrarminister die Tür sofort zugeschlagen. Ende Oktober wurde die Reform der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) ausgehandelt und damit wurde der Vorschlag von Ursula von der Leyen faktisch beerdigt. Es bleibt bei der bekannten Subventionspolitik – Wer viel hat, dem wird viel gegeben.

[4] Es ist kaum möglich, an dieser Stelle auf die umfangreiche, zum Teil kontroverse, Literatur zum Fall der Profitrate einzugehen. Die Höhe der Profilrate wird durch den real produzierten Mehrwert und dem vorgeschossenen Kapital bestimmt. Da im kapitalistischen Akkumulationsprozess der notwendige Kapitalvorschuss (das Mittel) im Verhältnis zum Mehrwert (der Zweck) ansteigt, muss die Profitabilität insgesamt sinken. Dies muss aber nicht zwangsläufig so sein, deshalb sprach Marx auch vom tendenziellen Fall der Profitrate. Betriebswirtschaftlich, hoffentlich dreht sich Karl Marx nicht im Grab um, lässt sich der Sachverhalt folgendermaßen verdeutlichen: Je höher die Rendite (lt. Marx Profitrate) einer Investition, desto größer der Wettbewerbsvorteil.  Bei diesem Versuch stößt der Kapitalist allerdings auf Schwierigkeiten. Die konkurrierenden Unternehmen sind ebenfalls gezwungen, ihre Produktivkraft in ihren Betrieben durch Kauf von neuen Maschinen (Investitionen) zu erhöhen. Aufgrund der Konkurrenzsituation wird notwendigerweise die Verzinsung des Kapitals fallen. Also erlahmt die Kapitalproduktivität allmählich. Marx begründete damit seinen Lehrsatz vom allgemeinen Fall der Profitrate. Er betonte aber, dass dieser Lehrsatz nur einen tendenziellen Charakter habe. Unbestritten ist die Konzentration des Kapitals, die Macht der multinationalen Konzerne vergrößert sich zusehends, insbesondere wenn es sich um sogenannte smarte, digitale Unternehmen  handelt. Immer mehr kleinere und mittlere Betriebe werden durch kapitalkräftige Multis geschluckt. Diese (hier sehr verkürzte) Analyse nutzte Marx unter anderem dazu, den Untergang des Kapitalismus zu skizzieren. Sehr vereinfacht könnte man diesen Prozess in eine volkswirtschaftliche Kausalkette übersetzten. In einem wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem fallen logischerweise die Profitraten der Unternehmen. Warum ist das so? Beispielsweise hat ein Unternehmen durch eine kluge Unternehmenspolitik Wettbewerbsvorteile, weil diese Unternehmung ein neues Produkt erfunden hat. Aufgrund der mangelnden Konkurrenzsituation ist die Gewinnspanne relativ hoch, diesen Mehrgewinn wird diese Unternehmung natürlich vereinnahmen. Angelockt durch die hohen Gewinnerwartungen kommen weitere Unternehmungen auf den Markt, weil sie ebenfalls einen Profit erzielen möchten. Durch die Wettbewerbssituation fallen logischerweise die Preise, die Konsumenten freuen sich und die Produzenten müssen Gewinneinschränkungen hinnehmen. Einige kleinere Unternehmen können die niedrigen Preise nicht mehr halten, entlassen Arbeitskräfte und verschwinden vom Markt. Der Markt dünnt sich immer stärker aus, im Zweifelsfall bleibt nur noch ein Unternehmen übrig. Das hat dann die absolute Marktmacht und kann sie auch negativ gegenüber der Gesellschaft ausüben. Der Markt hat an dieser Stelle seine wesentlichen Eigenschaften verloren: Wettbewerb und Konkurrenz. Dies ist eine sehr vereinfachte Darstellung des Sachverhalts, sorry Karl Marx.