AllgemeinPolitik und GesellschaftPlädoyer für die Eigenzeit

18. Dezember 2019

„Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet.“

Walter Benjamin

 Das Credo der Konsumgesellschaft lautet: alles, immer und überall.  Wer alles sofort bekommt, so die herrschende Meinung, ist in der heutigen Zeit privilegiert. Arme Menschen müssen warten und in der Schlange stehen. Demzufolge ist Warten und Verzichten ein Makel. Wer heute etwas auf sich hält, ist „turbomäßig“ unterwegs, mit einem „Turboauto“ steuert man durch die „Turbogesellschaft“ und fasst „turbomäßige“ Entscheidungen in einem „Turbokapitalismus“. Fragt man nach dem Sinn dieser modernen Realität, dann werden die sogenannten Sachzwänge ins Feld geführt. „In der Praxis schafft man selbst einen beträchtlichen Teil der Zwänge, auf die man sich nachher beruft.“[1] Wer zwingt uns diesen Lebensstil auf? Oder ist vielleicht ein Lebensstil der behutsamen Langsamkeit vernünftiger?

Warten, warten, warten

Immanuel Kant (1724-1804) verglich die gedankliche Öde als „Vorgefühl eines langsamen Todes“ [2].  Der deutsche Philosophen Ernst Bloch (1885-1977)  untersuchte  „Das Prinzip Hoffnung“ und er ging davon aus, dass wir auf etwas Besseres hoffen , dieses existiert aber noch nicht. Um Perspektiven jenseits des Kapitalismus zu entwickeln, muss die notwendige  utopische Kraft entfaltet werden.  Im ersten Kapitel widmet sich Bloch den “kleinen Tagträumen”, um das Warten, Wünschen, Sehnen und Hoffen zu skizzieren.

In unserer schnelllebigen „Turbogesellschaft“ wird über die Ausarbeitungen dieser beiden Philosophen über das Warten und Hoffen kaum noch diskutiert, offensichtlich „fehlt“ uns die Zeit. Heute müssen Wünsche sofort befriedigt werden und zwar mit Wirtschaftsgütern die einen Preis haben, einem Geschäftsmodell entspringen und „Wohlstand“ symbolisieren. Warten ist eine Fähigkeit die zunehmend verlernt wird. Das Warten wird als Last empfunden – wir warten beim Arzt, an der Busstation und an der Supermarktkasse. Die meisten Menschen empfinden das Warten als Zumutung und die digitale Welt wartet überhaupt nicht mehr, sie transportiert ihre Daten in Lichtgeschwindigkeit (300.000 km/sec.)[3], schließlich muss das Mantra des Turbo-Kapitalismus erfüllt werden: „weiter, höher, schneller. Aber wohin?“[4]

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen sind damit verbunden, wenn wir nicht mehr warten können bzw. das Warten verlernen und uns in Lichtgeschwindigkeit im Netz bewegen?

Der amerikanische Psychologe und Ökonom George Loewenstein hat im Jahre 1987 ein bemerkenswertes Experiment durchgeführt. Die Versuchspersonen waren bereit, dafür zu bezahlen, wenn sie den Kuss eines Filmstars nicht heute, sondern später bekommen. Der sofortige Kuss wurde also geringer geschätzt, als der zukünftige Kuss. Offensichtlich spielt die Vorfreude eine zentrale Rolle. In dieser Phase denken wir an den, zu erwartenden, schönen Moment. Unsere Phantasie und Kreativität werden angeregt und das Warten erhöht sogar die Vorfreude. Je mehr Konsumgüter zur Verfügung stehen und je schneller wir uns im digitalen Zeitalter bewegen, desto rascher schreitet die armselige Informations- und Wissensgesellschaft voran, verdrängt die Bildungsgesellschaft und die Schule, einst die Ruhe- und Mußestunde im Kloster (lat. Schola), wird zunehmend digitalisiert und ver“apple“t. Um das Tor zur Muße zu öffnen, muss man auch Langeweile und Leerlauf aushalten können. Dies gilt vor allem in der frühkindlichen Entwicklung, denn Faulheit und Langeweile müssen gefördert werden, weil sie die Plattform für die Kreativität und Produktivität bieten. Kinder mit Behinderungen oder eingeschränkter Gesundheit muss man selbstverständlich fördern. Ansonsten muss die Kindheit nicht besonders gefördert werden, im Gegenteil, Kinder müssen Zeit bekommen um Kreativität und Produktivität ausprägen zu können. Deshalb ist ein mit Spielzeug vollgestelltes Kinderzimmer, ein Smartphone oder ein voller Terminkalender nicht gerade günstig für die Förderung der Langeweile. Um kreativ zu werden, müssen Kinder zunächst lernen die Langeweile auszuhalten.

Verzichten, verzichten, verzichten

Zurück zur Freude, nein besser noch – zur Vorfreude. Jetzt in der Vorweihnachtszeit ist es angebracht, die Vorfreude zu genießen. Wir sollten uns die Vorfreude zurückerobern. Das bedeutet zunächst verzichten  zu können, denn ohne Verzicht keine Vorfreude. Ansatzpunkte gibt es viele – nicht bei amazon bestellen, auf den Sonntag warten, denn dann gibt es Fleisch, im Winter auf Erdbeeren und Avokados verzichten. Auch kann man auf den „freien Zwang“, auf den „digitalen Diktator“ und dieser “paradoxen Freiheit” verzichten – das Smartphone. Es gibt viele Maßnahmen und Ansatzpunkte, die uns die Vorfreude wieder ins Leben bringen.

Moment mal – es soll auf Konsum verzichtet werden. Das bringt doch keine Freude und erst recht keine Vorfreude. Doch, gerade die Vorweihnachtszeit sollte durch Konsumverzicht geprägt sein. Anstatt sich auf die wesentlichen Werte des Lebens zu besinnen, wird stattdessen eingekauft bis zu Erschöpfung.

Unser Wirtschaftssystem fordert die Selbstoptimierung, die Selbstausbeutung  und die permanente Leistung ein, schließlich leben wir doch in einer Leistungsgesellschaft. Wieso eigentlich? Warum ist Verzichten und Nichtstun so schwierig? Viele Menschen halten den Leerlauf und die Langeweile nicht mehr aus. Dabei liegt doch genau hier die Chance: Wer jede Pause und jede freie Minute mit Geschäftigkeit füllt, läuft Gefahr, sich nie wieder zu langweilen. Diese Person muss auf Langeweile verzichten und wird keine neuen Ideen und Gedanken für die eigene Lebensqualität „produzieren“ können. Er wird zum Mitläufer einer großen Herde, die durch die zunehmende Digitalisierung auch noch von facebook und Co. dressiert wird. Als freiheitsliebender Mensch kann ich auf diese Dressur gerne verzichten.

Zeitökonomie vs. Zeitökologie

Die Ökonomie beschäftigt sich mit der vernünftigen Einteilung der Vorräte, der Energie und der menschlichen Kräfte. Demzufolge bedeutet Haushalten, dass nichts schneller verbraucht werden darf, als es sich erneuern kann. Hier spielt die Zeit eine wesentliche Rolle. Der „Turbokapitalismus“ will diese Zeit beschleunigen und er kommt mit der Natur und mit der natürlichen Zeit in Konflikt. Manager ökonomisieren die Zeit und entwerfen Effizienzstrategien. Sie wollen die Zeit beherrschen, denn schließlich verlangt die Geschäftsführung wachsende Quartalszahlen und der monetäre Gewinn muss permanent gesteigert werden, denn „Zeit ist Geld“ (Benjamin Franklin, 1748). Oder ist Zeit Geldverschwendung (Oscar Wilde)? Man muss die Zeit nicht nutzen, Zeit lässt sich auch nicht sparen – die Lebensqualität ergibt sich aus der Eigenzeit. Deshalb ist es erforderlich, nicht die Zeitökonomie, sondern die Zeitökologie in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. „Der Ökologie der Zeit geht es vielmehr um die Frage, inwiefern die Zeit, vor allem die zyklische, objektive Voraussetzung allen Seins ist, welche Maßstäbe für den praktischen Umgang mit Zeit daraus abzuleiten sind, also auch, woher der Erfolgsdruck eigentlich kommt.“[5]

Scheinbar kann der Homo faber  ohne Natur- und Zeitausbeute nicht mehr Leben. Dabei ist gerade die Pause lebens- und überlebenswichtig. Der Körper benötigt diese Ruhephasen und es ist definitiv nicht gesund, wenn man nachts nicht mehr zur Ruhe kommt. Pausen fördern die Kreativität und bringen uns auf andere Gedanken. Problematisch wird es, wenn das Schlafen sogar als “Zeitverlust” angesehen wird. [6] Die zukünftige digitale Maschinenwelt benötigt weder Schlaf noch Pausen, weil diese Systeme durch einen starren, immer wiederkehrenden, Takt gesteuert werden. Obwohl das Leben durch einen variablen Rhythmus gekennzeichnet ist, steht zu befürchten, dass wir uns diesem digitalen Takt anschließen und unsere Eigenzeit aufgeben werden. Dies ist keine Utopie, viele Menschen haben ihre Eigenzeit schon an ihr Smartphone abgegeben. Autoren, wie beispielsweise Peter Handke und Hannah Arendt, beschreiben in ihren Werken die energieverzehrende Selbstausbeutung der modernen Menschen. Viele Menschen werden müde, einige sogar lebensmüde und es fehlt die Energie, um neue, produktive Gedanken zu fassen, um uns und die Erde wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Deshalb diagnostiziert der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han, dass wir in einer Müdigkeitsgesellschaft leben. Byung-Chul Han skizziert einen grundsätzlichen Wandel von der Foucault´schen  Disziplinargesellschaft[7], die sich durch Befehl und Gehorsam charakterisieren lässt, hin zu einer Leistungsgesellschaft, die durch eine freiwillige Bereitschaft zum Aufopfern gekennzeichnet ist.

Fazit

Was ist eigentlich daran erstrebenswert, wenn Maschinen den Menschen ersetzen und überflüssig machen? Eins ist sicher, KI-unterstütze Arbeitsplätze werden uns nicht mehr Freizeit generieren. In Deutschland nehmen die mobilen Arbeitsplätze zu, crowd-working wird immer populärer und die ständige Erreichbarkeit gehört fast schon zum guten Ton. Viele Menschen beuten sich selbst aus, sind überarbeitet und arbeiten in „Bullshit Jobs“ (David Graeber). Die Japaner haben für diesen Sachverhalt ein eigenes Wort geprägt – Karṓshi. Es bedeutet, Tod durch Überarbeitung als Ergebnis der „zwingenden Freiheit“ alles für die Firma zu tun und die Eigenzeit aufzugeben.

Es ist paradox, wir schlagen das Wertvollste, was wir haben, beim Warten tot – die Zeit. Es gibt aber nur eine Zeit, deine Zeit.

 

Anmerkung: Oben ist die Original-Uhr von Karl Marx abgebildet. Ich habe sie im Haus von Marx in Trier fotografiert.

 

[1] Erhard Eppler, Der Sound des Sachzwangs, Der Globalisierungs-Reader, Berlin,2009, S. 143

[2] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, in: Kant: Werke in zwölf Bänden, Band IV, Frankfurt am Main, 1968

[3] „Die höchste Wirkungstransportgeschwindigkeit im gesamten Universum“ (Harald Lesch).

[4] Fritz Reheis, Die Resonanzstrategie, München, 2019, S.9

[5] Fritz Reheis, Die Resonanzstrategie, München, 2019, S.39

[6] Schlafphasen sind deshalb sehr wichtig, weil Erinnerungen über den Hippocampus ins Langzeitgedächnis wandern. Das Gelernte bzw. die neuen Eindrücke werden besser verinnerlicht und nach dem Aufwachen hat man neue und tiefere Einsichten gewonnen.

[7] Unklar ist in diesem Zusammenhang die Haltung des Philosophen Han zur Disziplinargesellschaft. Michel Foucault hat sich u.a. auch mit der Analyse von Macht beschäftigt und demzufolge untersuchte er auch Ordnungssysteme. Seine Haltung zum Ordoliberalismus, der durch Walter Eucken geprägt wurde, entzieht sich meiner Beurteilung. Einige Historiker und Philosophen sind der Auffassung, dass sich Foucault unzureichend mit den Verursachern von gesellschaftlichen Ungleichheiten beschäftigt hat. Insofern wird ihm eine Nähe zum Neoliberalismus vorgeworfen.