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13. Juli 2019

Es steht zu befürchten, dass durch die Digitalisierung Bildungseinrichtungen, wie Schulen und Universitäten, ihrem Bildungsauftrag nicht mehr gerecht werden. Es soll ja nicht nur Informationen und Wissen vermittelt werden, sondern Menschen müssen gebildet und erzogen werden. „Betrachtet man dagegen die Studenten als Kunden, denen wie in einem Warenhaus etwas angeboten wird, was sie kaufen können oder auch nicht, dann geht etwas verloren, was wir bisher als den Bildungsauftrag dieser Institutionen angesehen haben.“[1] In der postmodernen Gesellschaft werden den Studierenden aber auch den Bürgern im Internet personalisierte Angebote gemacht, die dazu führen, dass man mit Personen kommuniziert, die ähnlich Auffassungen und Einstellungen haben. Diese personalisierten Öffentlichkeiten reduzieren die Streit- und Diskussionskultur auf ein, fotografisch gesprochen, schwarz / weiß Niveau  und die Grautöne werden tendenziell abgeschafft.

Die Digitalisierung der Schulen  passt in das Akkumulationsprinzip des Kapitals und der Verwertungsimperativ wird jetzt auch noch in die Bildungseinrichtungen getragen. Die allumfassende Konsumhaltung hindern uns daran, über Sinnfragen, folgenreiche Lernprozesse und kulturelle Zwecke nachzudenken. Auch wenn uns permanent vorgegaukelt wird, dass Glück und Unglück am seidenen Faden der Ökonomie hängen, dürfen wir uns in der Bildungspolitik davon nicht beeindrucken lassen. Dies trifft insbesondere für die ökonomische Bildung zu.

Beschert uns das Smartphone die Wissenskonsumgesellschaft?

Die Schul- und teilweise auch Studienbücher übernehmen sukzessive die Inhalte der neoliberalen Ökonomie, Kritik wird nicht geübt und andere wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge werden verdrängt bzw. nicht mehr unterrichtet. Die Plurale Ökonomik fristet ein Schattendasein. Heute findet der ökonomische Unterricht kompetenzorientiert statt. Leider können sich häufig Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten und mittlerweile auch einige Lehrer kaum noch vorstellen, dass es zweck- und verwertungsfreie Inhalte von Bildung gibt. Wettbewerb um Leistungsnachweise, Aneignung und Speicherung von Wissen haben immer weniger mit Bildung zu tun. Da Wissen zunehmend vom Smartphone abgerufen wird, entfernen wir uns von der Bildungsgesellschaft. Die herkunfts- und geschichtslose Wissenskonsumgesellschaft steht in den Startlöchern. Die Reformen des deutschen Schulsystems haben bewirkt, dass Bildung in Informationen transformiert wird und somit eine Entkoppelung von Wissen und Denken stattfindet. Die geforderte Digitalisierung der Schulen und Hochschulen führt dazu, alles zu wissen, aber nichts zu verstehen. Bildung ist aber die beständige Suche nach Wahrheit. Das impliziert, dass die Skepsis und das kritische Urteilsvermögen kontinuierlich wachgehalten werden müssen. Unter den Bedingungen der Wissensvermittlung des Internets gedeihen keine ausgewogenen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Meinungen, sondern nur spontane, emotionale und einseitige Parteinahmen. Sowohl für die Bildung als auch für die Demokratie ist die Meinungsvielfalt von großer Bedeutung. Damit kritische Reflexionen und Diskussionen über ökonomische Inhalte wieder stärker in den Fokus geraten, müssen beständig Fragen gestellt werden. Wissensfragen werden durch die Algorithmen des Internets sehr gut beantwortet, Bildungsfragen können nicht beantwortet werden, weil sie allumfassend, vielschichtig, kritisch und auch mehrdeutig sein können.

Non scholae, sed vitae discimus

 Durch die kompetenzorientierten Lehrpläne in den ökonomischen Schulfächern wird deutlich, dass Schülerinnen und Schüler Stoffe und Fertigkeiten für Beruf und Arbeitsmarkt lernen sollen. Kompetenzen ersetzen leider das Denken und lebenslanges Lernen hat mit Bildung wenig zu tun, sondern soll nur auf einen flexibilisierten Arbeitsmarkt vorbereiten. Menschliche Qualitäten und Fähigkeiten, um ein gutes Leben zu führen und an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilzuhaben, werden zunehmend aus den Lern- und Lehrinhalten ausgeblendet. Ziel einer jeden Bildungspolitik ist das Hervorbringen von gebildeten, demokratischen und kritischen Bürgern und keineswegs die Massenausbildung für den Arbeitsmarkt.

Einige volkswirtschaftliche Lehrbücher setzen den Produktionsfaktor Arbeit mit Bildung gleich und behaupten, dass diese beiden Produktionsfaktoren weitestgehend identisch sind. Das ist nicht unproblematisch. Natürlich zählt die Bildung zu den Grundrechten und eine gute Ausbildung ist in der heutigen Zeit sehr wichtig. Problematisch wird es, wenn die Ausbildung nur noch aus ökonomisch verwertbarem Wissen besteht und die Qualität der Ausbildung mit einer Investition verglichen wird, die sich amortisieren muss. Wissen mag veralten, Bildung kann nicht veralten. Ganz im Gegenteil, Bildung muss immer wieder den Rückgriff in die Geschichte vollziehen. Wissen ist geschichtslos. Da das Wissen, in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit, veraltet und sichere Arbeitsplätze langsam verschwinden, kann die Konkurrenz um die guten Jobs auch eine Zumutung sein.

Lasst uns für das gute Leben lernen

Die traditionelle Volkswirtschaft nimmt grundsätzlich an, dass Allokationsentscheidungen am besten von den Märkten getroffen werden. Das hat zur Konsequenz, dass sich Arbeitsmärkte herausbilden, die die Arbeitskraft als Ware behandeln. Die sogenannte Ware Arbeitskraft kann man aber nicht so behandeln wie jede x-beliebige Ware. Menschen sind Individuen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Vorlieben, mit Träumen, Wünschen und Hoffnungen. Bei aller Interpretation und Diskussion um die Arbeit darf niemals vergessen werden, dass sich hinter jeder Arbeitskraft ein Mensch befindet, der eine Würde besitzt und mit Respekt zu behandeln ist. Die neoliberale Denkweise hat sich in unseren Köpfen schon so weit ausgebreitet, dass kritiklos behauptet wird, Menschen müssen sich ähnlich wie Waren verkaufen und entsprechend miteinander konkurrieren. Sie müssen flexibel, anpassungsfähig und am besten widerspruchslos an jedem Ort einsetzbar sein. Dies überfordert viele Menschen, denn der kritische Widerspruch gehört zwingend zum Leben und auch zur Bildung. Ziel einer jeden Bildungspolitik ist das Hervorbringen von gebildeten, demokratischen und kritischen Bürgern und keineswegs die Massenausbildung für den Arbeitsmarkt.

Wir müssen uns nicht verkaufen

Problematisch ist auch der Zusammenhang zwischen Bildung und Außendarstellung. Viele Schülerinnen und Schüler aber auch Studentinnen und Studenten lernen es förmlich, sich zu verkaufen und ihre Arbeitskraft zu inszenieren. Die Bildung wird verdrängt durch kurzfristiges Wissen, dass häufig nur für die Außendarstellung  benötigt wird. Man möchte sich ja gut verkaufen. Das Problem ist aber, dass Bildung nichts mit kaufen oder verkaufen zu tun hat und auch nicht mit kurzfristig erworbenem Wissen; denn die Wissenskonsumgesellschaft bringt nicht zwangsläufig gebildete Menschen hervor. Dieses ist nicht unerheblich und auch keine Kleinigkeit  – die Konsequenzen sind weitreichend. Beispielsweise behauptete der niedersächsische SPD-Vorsitzende Stephan Weil nach der verlorenen Europawahl, dass die SPD Probleme in der Außendarstellung habe. Was ist das für ein Politikverständnis? Scheinbar müssen sich heutzutage Parteien und Politiker auch, ähnlich wie Konsumartikel, verkaufen und der Marktlogik folgen. Wo bleibt die politische Haltung?  Ich kann mich noch an die Diskussionen des Nato – Doppelbeschlusses Anfang der 1980 er Jahre erinnern. Da hat niemand auf die Außendarstellung geachtet, sondern Positionen wurden vertreten. Helmut Schmidt war für den Doppelbeschluss und Willy Brandt war dagegen. Die heutige Politikergeneration möchte sich am Internet orientieren und maßgeschneiderte, personalisierte Angebote machen. Die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen wird ebenfalls diesen Pfad beschreiten. Auch wenn sich das Internet in diese Richtung bewegt, sollten wir in der Bildung diesen Weg kritisch hinterfragen, weil gerade für Kinder und Jugendliche das Internet ein Ort des Konsums ist.

Fazit

Damit kein falscher Eindruck entsteht – ich habe überhaupt nichts gegen das Internet, es ist eine sehr nützliche Einrichtung, die ich häufig im Unterricht einsetze. Ich halte es aber für einen großen Irrtum, die digitale Schule als zukunftsweisend zu betrachten. Im bildungspolitischen Schockjahr 2000 haben die Finnen sich klar als Pisa-Gewinner herausgestellt. Warum ist das so? Der finnische Reichtum ist relativ homogen verteilt und es gibt eine ausgeprägte gesellschaftliche Gleichheit. Dies macht es den Lehrerinnen und Lehrern leicht, Unterrichtsinhalte zu vermitteln. Wenn dann noch kleine Klassen hinzukommen, kann guter und kognitiv interessanter Unterricht stattfinden. Die finnischen Schülerinnen und Schüler lernen vernünftig lesen, schreiben und rechnen. In Deutschland werden diese Begriffe bildungspolitisch aufgebläht und mit Kompetenzen versehen. Semantisch verdoppelt man zwar die Begrifflichkeiten, indem Lesekompetenzen, Schreibkompetenzen, Rechenkompetenzen und zukünftig auch digitalen Kompetenzen eingefordert werden; trotzdem können deutsche Schülerinnen und Schüler mit zunehmender Digitalisierung immer weniger lesen, schreiben und rechnen.

[1] Oskar Negt, Der Politische Mensch, Göttingen, 2010, S. 193.