AllgemeinDie Abschaffung der Grautöne

1. Februar 2019

Die Kugeln werden uns um die Ohren pfeifen

Seit genau einem Jahr betreibe ich diese Homepage, also ist es Zeit einen ersten Rückblick zu wagen. Ich habe mich mit zwei Dingen auseinandergesetzt. Einerseits habe ich die Fotografie auf meiner Homepage berücksichtigt, andererseits Blogs verfasst, die ökonomische, ökologische und politische Inhalte umfassen.

Die Schwarzweißfotografie nimmt einen immer größer werdenden Raum ein und beschäftigt mich zunehmend, weil sie in ihrem Wesen die Reduzierung darstellt. Man beschränkt sich auf Schwarz-, Weiß und Grautöne. Fachleute meinen, ein gutes Schwarzweißfoto kann sogar völlig auf Grauwerte verzichten. Dies mag richtig sein, wenn man eine bestimmte grafische Wirkung erzielen möchte. Für mich persönlich sind die Grauwerte aber sehr wichtig.

Wenn ich mir meine unterschiedlichen Blogs betrachte, ist eine Gemeinsamkeit zur Fotografie festzustellen: die Farbe Grau scheint es bald nicht mehr zu geben, Schwarz und Weiß sind leider im ökonomischen und ökologischen Mainstream angekommen.

In einem Jahr habe ich 34 Artikel für die Homepage geschrieben. Davon beschäftigt sich der überwiegende Teil mit der Abschaffung der Farbe Grau. Das bedeutet, die gleichgewichtige Mitte löst sich in vielen Bereichen langsam auf und Schwarz und Weiß dominieren die Gesellschaft.

Unsere Ökonomie spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Der Markt ist unerbittlich, wer den Preis nicht zahlen kann wird vom Konsum ausgeschlossen und wer als Unternehmer die Kosten nicht decken kann, muss sich vom Markt verabschieden. Der zunehmende Wettbewerb konzentriert sich und wird in fast allen gesellschaftlichen Bereichen immer härter. Leider müssen wir beobachten, dass der soziale Ausgleich rückläufig ist und dass die Gesellschaft in arm und reich zerfällt. Die Mittelschicht, die durch die Graustufen symbolisiert wird, erodiert. Die keynesianisch geprägte gleichgewichtige Ökonomie ist auf dem Rückzug und extreme Positionen setzen sich immer stärker durch. Der Staatsfeind Nr. 1, Milton Friedmann, wird verehrt[1] und die marktradikalen und fundamentalistischen Theorien von Friedrich von Hayek werden weitgehend kritiklos als „Naturgesetze“ hingenommen. Ich habe mich in 14 Blogs mit diesen ökonomischen Sachverhalten beschäftigt und die sogenannten Marktgesetze kritisiert.

Dass die Digitalisierung keine Grautöne kennt ist bekannt. Hier gibt es nur Schwarz oder Weiß, 1 oder 0, Strom fließt oder Strom fließt nicht. Digital ist eine Bezeichnung für die Art der Darstellung von Werten  in Zahlenform. Hier sind natürlich keine theologischen, philosophischen, oder moralischen Werte gemeint, sondern einfache Zahlenwerte, die nur mit den Ziffern 1 und 0 ausgedrückt werden können. Etwas dazwischen gibt es nicht, die Graustufen sind nicht vorhanden. Ich habe mich in vier Blogs mit der Digitalisierung beschäftigt. (1. die Digitalisierung, 2. die digitalen Dealer, 3. die digitale Arbeit und 4. Politik, Demokratie und Digitalisierung)

Bei der Beschäftigung mit dem Klimawandel werden die Graustufen ebenfalls verwischt und die Gleichgewichte sind auf dem Rückzug. Extreme Wetterereignisse (kalt oder warm) nehmen zu. Das ist an dieser Stelle besonders bemerkenswert, weil die Natur grundsätzlich ein fragiles und gleichgewichtiges System ist. Die Naturgesetze setzen uns Grenzen. Viele Menschen beschäftigen sich nicht ausreichend mit dem Klimawandel, trotzdem wird häufig argumentiert, dass die Erderwärmung nicht anthropogen sei beziehungsweise nicht existiert, weil es gegenwärtig doch sehr kalt ist. In meinen Ausführungen habe ich stets versucht den Unterschied zwischen Wetter und Klima herauszuarbeiten und erklärt, dass lokale Eiszeiten mit dem Abreißen des Golfstroms auch möglich sind. Da der Jetstream die Winde abschwächt, bleiben die Hochdruck- und Tiefdruckgebiete lange stehen und verursachen extreme Wetterlagen. Im mittleren Westen der USA ist gegenwärtig zu beobachten, dass innerhalb von nur 48 Stunden die Außentemperatur von 40 Grad minus auf 12 Grad plus ansteigt. Solche ungewöhnlichen Wetterlagen entstehen, so die Meteorologen, wenn sich arktische Luftmassen vom Polarwirbel lösen und Richtung Süden drehen. Auch hier wird als Auslöser der Klimawandel angenommen. Möglicherweise gibt es zukünftig nur zwei extreme Klimazonen beziehungsweise Wetterlagen und die Graustufen verschwinden auch hier. In neun Blogs habe ich mich mit dem Klimawandel auseinandergesetzt. (Wer mehr erfahren möchte, muss mein Buch lesen.)

Als Ernst Bloch vor über 40 Jahren starb und ich mich studienmäßig mit der Volkswirtschaft beschäftigte, habe ich mir ein Poster gekauft und über meinen Schreibtisch gehängt. Das Poster hängt noch immer, wenn auch in einem anderen Raum, und hat von seiner Gültigkeit und Aussagefähigkeit nichts verloren. Der Text lautet:

Aber es gibt zweierlei Pack:

Das oben, kaum am Leben, plärrend schon,

doch verdörrt und verdustert.

Leer wie ein ausgetrunkener Weinschlauch.

Und dann das andere:

Das von unten, dreckig gewiß, aber wie!

Offenherzig, aber auch lauernd:

Will zugreifen.

Trockenes Pack:

Wie euch die Kugeln

um die Ohren pfeifen werden.

Ernst Bloch (1885 – 1977)

Damals konnten wir in unserer Wohngemeinschaft vortrefflich über den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen des Philosophen Ernst Bloch streiten, weil die Soziale Marktwirtschaft in den 1970 er und den 1980 er Jahren glücklicherweise die dargestellte Spaltung der Gesellschaft partiell verhindert hat. Im Jahre 1990 wurde dann die neoliberale Wende mit dem Washingtoner Consensus eingeführt, die Trickle-down Theorie wurde wieder salonfähig und Gerhard Schröder schuf den “besten Niedriglohnsektor , den es in Europa gibt”.  Heute habe ich den Eindruck, dass Ernst Bloch recht behalten hat. Zumal ein Friedrich Merz kürzlich behauptet hat, dass ein Einkommensmillionär zur gehobenen Mittelschicht gehört. Leidet dieser Mann unter einem Realitätsverlust? Seine Aussage ist vollkommen absurd. Wir haben in Deutschland circa 82 Millionen Einwohner, davon sind 19.000  Einkommensmillionäre. Wenn wir diese Zahlen in Relation setzen erhalten wir 0,00023 Prozent. Diese, gegen Null strebende, Prozentzahl repräsentiert also die (arbeitende) gehobene Mittelschicht. Auch der Wirtschaftsfachmann Friedrich Merz müsste erkennen, dass seine Definition von Mittelschicht komplett falsch ist. Außerdem erodiert die (statistisch korrekt ermittelte) Mittelschicht weil marktradikale und fundamentalistische Strömungen die Ökonomie dominieren. Märkte werden vergöttert und der Wettbewerb prägt mittlerweile die gesamte Gesellschaft. Auch wenn der volkswirtschaftliche Mainstream meint, dass der Markt, das Wirtschaftswachstum, der Wettbewerb und die Digitalisierung alternativlos sind, bin ich der Auffassung, dass es immer Alternativen und Graustufen gibt und dass das Gleichgewicht in der Ökonomie, in der Ökologie und in der gesamten Natur ein erstrebenswerter Zustand ist. Damit kein falscher Eindruck entsteht – es gibt natürlich Grautöne die Mittelmäßigkeit und Gleichgültigkeit symbolisieren. Diese Grautöne sind aber nicht gemeint, sondern das facettenreiche Grau, dass die Differenziertheit widerspiegelt.

Jetzt ist die Fotografie mal wieder viel zu kurz gekommen. Deshalb schnell noch einen Nachsatz: In der heutigen Verdrängungsgesellschaft ist es scheinbar verpönt, aber was wäre die Fotokunst ohne die besondere Poesie melancholischer Stimmungen? Solch eine Stimmung lässt sich nur mit Grautönen ausdrücken.

[1] Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften im Jahre 1976