AllgemeinDigitalisierungTheater um die Digitalisierung

15. Juni 2019

„Du selbst zu sein, sei dein Ruhm.“

Die Märchenfigur Peer, aus dem Versdrama „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen.

 „Liebes Publikum,

Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Daten sich vermehren, Öl nicht. Aber mit beidem lässt sich Geld machen, auch schmutziges Geld.

Das ist der Grund, warum das Theater Paderborn mit Beginn der Spielzeit 2018 / 2019 seine Accounts bei Facebook und Instagram löschen wird (so weit das überhaupt möglich ist – wir werden unsere Erfahrungen machen). Wir wollen nicht mit unserer Arbeit Plattformen attraktiver machen, die Daten ihrer Nutzer für zwielichtige Zwecke nutzen. Wir sind keine „dumb fucks“, die Mark Zuckerberg vertrauen.“

Katharina Kreuzhage, Intendantin des Theater Paderborn, Programmheft für die Spielzeit 2018/19, S. 4.

Diese Sichtweise teile ich uneingeschränkt und es ist erfreulich, dass immer mehr Institutionen und Personen sich von Mark Zuckerberg abwenden und ihre Accounts kündigen.  Ich wehre mich ebenfalls gegen Ausspähung, Propaganda und Verführung.

Die Zeiten, als das kritische Marketingbuch „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard gelesen wurde, sind längst vorbei und die Verführung ist allgegenwärtig und wird heutzutage eher positiv dargestellt. Viele Menschen, vor allem jüngere, lassen sich gerne durch „Influencer“ auf den neuesten Stand bringen und schwimmen mit dem Strom. Vom wunderbaren Schauspieler Groucho Marx stammt der schöne Spruch:“ Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn Sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“  Beeinflussung und Verführung scheint für viele Menschen nichts negatives zu sein. Natürlich werde ich auch gerne von der wunderbaren Institution Theater beeinflusst und verführt, bei den Sozialen Medien wittere ich aber Propaganda, Überwachung und schlimmstenfalls sogar die Gehirnwäsche.

Das Theater lässt uns das Menschsein spüren

Gerade Institutionen wie das Theater leben von der Vielfältigkeit, Differenziertheit und Ausdrucksstärke der Sprache. Durch die binäre Logik der Computer passt sich der Menschen immer stärker der Technik an und gibt tendenziell sein Menschsein auf. Trauriges Beispiel hierfür ist das Sozialkredit-System in China. Die meisten Menschen in diesem Land werden “zwangsweise” erfasst. Durch die allseitige Vernetzung können die Bürgerinnen und Bürger überwacht werden und nicht regierungskonformen Verhalten wird dann von der Regierung sanktioniert. Dadurch wird die gesamte Kultur in China plattgewalzt und missliebige Journalisten bekommen einen Maulkorb verpasst. Man kennt das von Diktaturen: Irgendwann wird der gesamte Kulturbetrieb an den Pranger gestellt, den ich eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht kenne. Nun kommt er in Form des digitalen Prangers mit aller Macht zurück und das johlende und geifernde Publikum kommentiert im Internet in einer Sprache, die mich sprachlos macht. Obwohl – es geht auch anders – dem Blogger Rezo sei Dank.

Neben der Sprache spielt die kritische Auseinandersetzung im Theater eine große Rolle. Das Theater muss Räume für autonomes Denken schaffen, auch „wenn die Welt und der Geist mit sprechenden und spionierenden Geräten wie Alexa vollgestellt wird.“[1] Wir gewöhnen uns immer stärker daran, Probleme technisch zu lösen und verlieren den Menschen aus unserem Blickfeld. In den Schulen werden sich die zukünftigen Apple – Klassen immer stärker auf die Technik fokussieren. Wir verlieren den kritischen Anspruch und laufen Gefahr, uns auch in der Bildung „verapple(n)“ zu lassen. Die rückläufige Kritikfähigkeit wird leider auch noch unterstützt, weil die sozialen Medien ihren Nutzern personalisierte Öffentlichkeiten einrichten, die bewirken, dass die Kommunikation mit Personen, Auffassungen und Angeboten stattfindet, die zu unseren eigenen Vorlieben und Auffassungen passen. Insofern werden viele Menschen mit anderen Auffassungen nicht mehr konfrontiert – der eindimensionale Mensch lässt grüßen.  Wollen die sozialen Medien unsere Kritikfähigkeit kassieren oder spielt der ökonomische Verwertungsimperativ eine größere Rolle? Fairerweise muss festgestellt werden, dass die IT-Konzerne natürlich im Wettbewerb stehen und sie werden darüber „gezwungen“ sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten. Wie ist das zu erklären?

Der tendenzielle Fall der Profitrate

Karl Marx bietet eine Erklärung an. Um zu überleben sind Unternehmen ständig gezwungen zu investieren. Je höher die Rendite (lt. Marx Profitrate) einer Investition, desto größer der Wettbewerbsvorteil. Bei diesem Versuch stößt der Kapitalist oder das IT – Unternehmen allerdings auf Schwierigkeiten. Die konkurrierenden Unternehmen sind ebenfalls gezwungen, ihre Produktivkraft in ihren Betrieben durch Kauf von neuen Maschinen oder Start-ups zu erhöhen. Aufgrund der Konkurrenzsituation wird notwendigerweise die Verzinsung des Kapitals fallen. Also erlahmt die Kapitalproduktivität allmählich. Marx begründete damit seinen Lehrsatz vom allgemeinen Fall der Profitrate. Er betonte aber, dass dieser Lehrsatz nur einen tendenziellen Charakter habe. Daraus entstand das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Jedes Unternehmen versucht natürlich den Fall der Profitrate aufzuschieben, indem immer neue gewinnbringende Investitionen die Stagnation verhindern. Mit zunehmender Investitionstätigkeit findet zwangsläufig eine Konzentration des Kapitals statt, und die Macht der multinationalen Konzerne vergrößert sich zusehends, insbesondere wenn es sich um sogenannte smarte[2], digitale Unternehmen handelt.

Natürlich kann der Kapitalist, oder auch das IT-Unternehmen, aus diesem Prozess nicht aussteigen. Tut er es trotzdem, wird er untergehen. Die Kapitalisten und auch die Arbeiter werden bei Marx Charaktermasken genannt. Dies ist keineswegs bösartig zu verstehen. Der Kapitalist ist Träger einer Rolle, die er spielen muss, um in diesem System zu bestehen. Es macht keinen Sinn, einem Kapitalisten zu empfehlen, nicht so gierig zu sein und sich mit dem zu begnügen, was man hat. Daraus folgt lediglich, dass das Gesetz der Konkurrenz den genannten Kapitalisten »vernichtet«. Müssen wir nun Google, Amazon und Facebook bedauern, weil sie vom Markt gezwungen werden sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten?

Ein Fall für Kevin Kühnert

Die neoliberale Ökonomie stellt den Wettbewerb in den Mittelpunkt sämtlicher Betrachtungen. Der Wettbewerb löst angeblich alle ökonomischen, ökologischen und gesellschaftspolitische  Probleme. Aber was ist, wenn der Wettbewerb nicht die Lösung, sondern das Problem ist?

Die genannten Unternehmen werden  über den Wettbewerb gezwungen zu expandieren. Auch diese IT-Giganten benötigen ständig Wettbewerbsvorteile um am Markt bestehen zu können. Da verwundert es nicht, wenn Google und Amazon die Herrschaft über unsere Wohnungen und über unseren Computer erlangen wollen, um mit aggressiven Überwachungsgeräten unsere Konsumwünsche auszuspionieren und Facebook zu einer Datenkrake mutiert.

In der Vergangenheit wurde Google wegen Monopolrechtsverletzungen in Höhe von mehreren Milliarden Euro durch die EU bestraft. Als Google von der EU kürzlich mit einer zwei Milliarden Euro Strafe wegen Monopolrechtsverletzungen bestraft wurde, gab es im Konzern nur Achselzucken. Die Strafe hat den Konzern eigentlich nicht tangiert. Dies wird so weitergehen und die permanenten Bestrafungen werden nichts ändern. Warum begreifen wir die Soziale Medien nicht als das, was sie sind? Eigentlich sind sie doch schon öffentliche Einrichtungen in privater Hand. Also,: Warum sollen diese Einrichtungen nicht dem Gemeinwohl dienen und öffentlich kontrolliert werden?

Wir wissen, dass Monopole in einer Sozialen Marktwirtschaft nichts zu suchen haben und dass sie dem Allgemeinwohl schaden. Wir wissen auch, dass gerade der Wettbewerb im IT-Sektor dazu geführt hat, dass sich tendenziell Monopole herausbilden. Wir wissen auch, dass Monopole ihre Macht nutzen, um Wettbewerbsvorteile zu generieren und um uns letztendlich auch zu manipulieren. Wenn wir das alles wissen, warum fällt es uns so schwer, über eine Verstaatlichung dieser Monopole nachzudenken? Wäre es so schlimm, wenn die Bürger, die Nutzer und vor allem die Beschäftigen Eigentum und Kontrolle über diese Institutionen erhalten? Es geht doch nicht darum, die gesamte Wirtschaft zu verstaatlichen, und- natürlich lässt sich ein amerikanisches Unternehmen nicht so einfach in Deutschland verstaatlichen. Eine Verstaatlichung ist auch insofern problematisch, weil  der Enteignete  auch entschädigt werden muss. Trotzdem haben  Monopole in marktwirtschaftlichen Systemen nichts zu suchen [3]. Im Übrigen funktionieren Staatsbetriebe ( z.B. Pflegeheime, Krankenversorgung, Rentenversicherung, öffentlicher Rundfunk) vielfach besser als die Privatwirtschaft und die gesellschaftliche Teilhabe wird gestärkt. Kontrollierte man diese Medien öffentlich, verlöre möglicherweise auch das wunderbare Theater Paderborn ihre berechtigten Zweifel an den Sozialen Medien. Außerdem könnte ich mich persönlich dann auch mit dem Gedanken anfreunden, Facebook zu nutzen, in der Gewissheit, dass meine Daten über die öffentliche und demokratische Kontrolle geschützt sind.

Trotzdem bleiben Zweifel – die deutsche Demokratie ist nicht so gefestigt; denn der Staat hat in der Vergangenheit auch schon häufiger gezeigt, dass er vor der Überwachung von Bürgerinnen und Bürger nicht zurückschreckt und auch illegale Praktiken toleriert. Die Kritik am “Schnüffelstaat” ist ein ernst zu nehmendes Problem und muss in diesem Zusammenhang ebenfalls diskutiert werden.

[1] Harald Welzer, Mehr Zukunft wagen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, April 2019, S. 54.

[2] Das Wort „smart“   ist marketingmäßig hervorragend gewählt. Etwas „smartes“ kann doch nicht die Umwelt verpesten, Energien verschlingen und den Klimawandel befeuern. Auch können „smarte“ Unternehmen keine bösen Monopolisten sein.

[3] Diese Einsicht hatte Walter Eucken, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, schon vor 70 Jahren.