AllgemeinDigitalisierungHumboldt und die Digitalisierung

30. September 2019

„Computer sind nutzlos. Sie können uns nur Antworten geben.“

 Pablo Picasso

 Zuerst möchte ich gratulieren: Herzlichen Glückwunsch zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldt. Der Forscher und Universalgelehrter Alexander von Humboldt (1769 – 1859) prägte ein Naturverständnis, das noch heute aktuell ist. Wirtschaftswachstum, Klimawandel, Artenvielfalt und Ressourcennutzung können auf die Erkenntnisse dieses Forschers zurückgeführt werden, denn – „alles hängt mit allem zusammen.“ Sein Bruder, Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) reformierte das Bildungswesen und formte das nach ihm benannte Bildungsideal, das ebenfalls noch Gültigkeit hat.

Seit dem 18. Jahrhundert wird die Dialektik, als Kunst der Unterredung, gelehrt. Nach neuerer Auffassung kann die Dialektik vereinfachend als Diskurs beschrieben werden, der die Begriffe -These, Antithese, Synthese – impliziert. Der Sozialwissenschaftler und Philosoph Oskar Negt hat sich intensiv mit bildungspolitischen Fragestellungen beschäftigt und meint: „die Dialektik ist nichts den Dingen Äußerliches, keine Organisationsgröße, sondern das vitale Lebensprinzip der Dinge und der Methode, Dinge und Verhältnisse aus ihren verdinglichten, versteinerten Formen zu lösen und für Alternativen freizusetzen.“ [1]

Wird die Dialektik, im Rahmen der flächendeckenden Digitalisierung,  bildungspolitisch noch eine Rolle spielen? Kann ein Algorithmus überhaupt das vitale Leben widerspiegeln und dialektisch „denken“?

Der Bologna-Prozess

Die Bildungspolitik hat sich im Jahre 1999 durch den sogenannten Bologna-Prozess grundlegend gewandelt. 29 europäische Bildungsministerien verfassten eine politisch-programmatische Erklärung, die die Verschulung der höheren Bildung auf Kosten individueller akademischer Freiheit vorsah. Dies war der Startpunkt für eine Wende im Bildungssystem.[2] Die Spielräume für freiheitliches Lernen wurden beschnitten. Anschließend fand eine Aufteilung der Lerninhalte in Module statt, die dann häppchenweise verabreicht wurden. Der Bildungsbegriff wurde mit dem Wissensbegriff gleichgesetzt und dem Verwertungsimperativ der Ökonomie zunehmend geopfert. Die Medienunternehmen konnten nun verstärkt ihre Macht in der Bildung organisieren. Viele Medienexperten sprechen mittlerweile vom Verfall der Debattenkultur, weil die Diskussionen durch den Algorithmus von Goggle dominiert werden. Dieser Algorithmus belohnt die lauten, tonangebenden und sich vordrängelnden User mit Aufmerksamkeit und strukturiert damit die Debattenkultur. Inzwischen erobern auch die autistischen Algorithmen die Klassenzimmer. Welche Risiken sind damit verbunden?

Risiken in der Bildung

Interdisziplinäres Lernen scheint von vorgestern zu sein. Wir haben uns angewöhnt, die Schulfächer fein säuberlich zu trennen und keine, oder nur wenige, Verbindungen herzustellen. In der Bildung müssen aber Zusammenhänge hergestellt werden, sonst würde man ja nur Wissen vermitteln. Dies trifft im Übrigen auch auf die Begriffe Klimawandel, Flüchtlinge, Digitalisierung, Globalisierung, Artensterben, Wirtschaftswachstum, Krieg und Überwachung zu. Diese Begriffe können in der Realität natürlich nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Die Bürgerinnen und Bürger einer Bildungsgesellschaft müssen imstande sein, diese Zusammenhänge herzustellen. Eine Schule ist schließlich eine Bildungsstätte und keineswegs ein Wissensvermittlungsinstitut und erst recht kein Wissenskonsumtempel. Algorithmen können uns nur Wissen beibringen. Wissen zu akkumulieren bedeutet aber nicht, dass man etwas verstanden hat.  Es bedeutet auch nicht, dass man gebildet und intelligent ist. Die allumfassende Bildung ist eher eine Lebenseinstellung. Diese Einstellung befähigt uns,  Zusammenhänge herzustellen, Erkenntnisse [3] zu gewinnen, die Urteilskraft auszubilden, und auch die Charakterbildung, das Sozialverhalten und das gute Leben werden geschult. Die Schulbildung und auch die akademische Ausbildung laufen Gefahr, immer mehr Spezialisten auszubilden. Dabei benötigen wir zunehmend Generalisten, die Zusammenhänge verstehen. Natürlich sind Unternehmen wie beispielsweise Google und Apple daran interessiert, die Wissenskonsumgesellschaft in der Bevölkerung zu implementieren, weil Unternehmen logischerweise nur dem Verwertungsimperativ folgen. Google und Apple lösen ausschließlich Probleme, die wir nie gehabt haben. Zum Glück ist eine Schule aber kein Unternehmen und wird es hoffentlich auch nie sein. Unternehmen nutzen die Suggestion und haben Marketingabteilungen, um die Konsumenten zu verführen. Beispielsweise wird eine sogenannte „Cloud“ als körperlos und amorph dargestellt. Dabei handelt es sich um eine energieverschlingende Serverfarm aus Stahl und Beton und keineswegs um eine smarte, körperlose Maschine. Andere Begriffe sind werbetechnisch ebenfalls hervorragend gewählt, zum Beispiel Smartphone, Mouse, I-Pad, Apps, soziale Medien. Geschickte Marketingabteilungen sorgen dafür, dass diese Begrifflichkeiten „smart“ und umweltschonend klingen. Maschinen und energieverschlingende Software werden damit nicht verbunden.  Die digitale Welt ist weder neu noch smart, sondern sie stellt eine noch heimtückischere Form der Naturzerstörung, Überwachung und Ausbeutung dar.

Der Bildungskonsum

Die Schule ist  eingebunden in einer Gesellschaft die von der Politik, insbesondere der Bildungspolitik, beeinflusst wird. Die Politik der letzten Jahre war aber nie ein „Korrektiv des marktwirtschaftlichen Datenrauschs.“[4] Im Gegenteil, der Staat hat im großen Umfang selbst Daten gesammelt, um die Bevölkerung zu überwachen. Die Datensammelwut ist ungebrochen. „Google sammelt pro Tag 24 Petabyte, Facebook erhält pro Stunde 10 Millionen neue Fotos, und pro Tag geben die Nutzer dieses sozialen Netzwerks etwa drei Milliarden Kommentare oder >Gefällt mir<-Klicks ab. Die Nutzer des Videokanals YouTube laden pro Sekunde eine Stunde Videomaterial hoch. Und die Anzahl der Twitter-Kurznachrichten lag 2012 bei über 400 Millionen pro Tag.“[5] Für heutige Verhältnisse sind diese Zahlen sehr, sehr alt, sie stammen nämlich aus dem Jahre 2013. Die heutigen Klick-Zahlen sind natürlich wesentlich höher. Neben der Totalüberwachung mit oder über die eigene Stasi-Leitstelle, genannt Smartphone, stößt jeder einzelne Klick ein Rechenzentrum an und es wird viel Energie[6] benötigt, und die wiederrum heizt den Klimawandel  an. Dies gilt auch für mobile Streamingdienste, die in naher Zukunft so viel CO2 emittieren wie der Flugverkehr. Trotzdem glauben viele Menschen, dass die „smarten“ Digitalunternehmen umweltfreundlich sind, weil weniger Papier benötigt wird. Das Gegenteil ist der Fall, die digitale Industrie schwingt sich zum Klimakiller Nr. 1 auf.  Ja, ja die Kreidezeit in der Schule ist vorbei und der ressourcen-, konsum- und energieschonende Unterricht gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Es gilt nun das Credo der Konsumgesellschaft: alles, immer und überall.

Konsum und Bildung hängen unmittelbar zusammen, da das westlich geprägte Konsummodell die Gesellschaft zunehmend infantilisiert und Identitäten werden immer brüchiger. Erwachsene bilden eine kindliche Konsumstruktur aus und spielen vermehrt. Das hat für die Bildungsgesellschaft weitreichende Konsequenzen. »Eine Person ist mit sich selbst identisch, wenn sie sich bewusst ist, dass sie heute im Grunde noch derselbe Mensch ist, der sie gestern war und morgen sein wird. Wer umgekehrt erklärt, ihn kümmere sein Geschwätz von gestern genauso wenig, wie ihn seine Verantwortung für morgen interessiere, dem werden wir als Person nicht recht über den Weg trauen können. Soziologen stellen nun seit Längerem fest, dass genau dieses Identitätsbewusstsein des Menschen aufgrund der Beschleunigung, Flexibilisierung und Mobilisierung des Lebens immer brüchiger wird. Das vor allem durch die Ökonomie vorgegebene Lebenstempo zwingt, so die Diagnose, den Menschen immer mehr dazu, sich nicht zu sehr an Tätigkeiten, Berufe, Wohnorte und andere Menschen zu binden, ja sogar innere Einstellungen und letztlich auch den Charakter den Zwängen des Marktes anzupassen. Solche Menschen entwickeln, so Hartmut Rosa, eine »situative Identität«: Im Betrieb sehen sie sich ganz anders als zu Hause, zu Hause wiederum anders als im Sportverein usw. Nicht mehr ein personales Zentrum, sondern das jeweilige »Projekt« stiftet die Einheit im Alltag, die Menschen werden zu »Spielern««[7] Man kann nur hoffen, dass die Digitalisierung die zukünftigen Schülerinnen und Schüler aber auch die Lehrerinnen und Lehrer nicht zu Spielern werden lässt und der Unterricht zukünftig nicht, wie im Kindergarten, spielerisch stattfindet.

Im Kindergarten lassen sich viele Fertigkeiten spielerisch erlernen. Mit fortschreitendem Alter muss sich aber die Urteilskraft herausbilden. Dies wird aber mit zunehmender Digitalisierung problematisch, weil Ursache und Wirkung nicht mehr klar voneinander abgegrenzt werden können. Dies bedeutet in der Konsequenz, dass Kausalitäten nicht mehr erkannt werden, denn Algorithmen können nur Korrelationen erkennen. Der Erkenntnisgewinn im Sinne von Ursache und Wirkung wird durch die Digitalisierung geschmälert. Die zu kommunizierenden Erkenntnisse werden nicht mehr vorhanden sein, wenn wir uns zukünftig auf Algorithmen basierte Lösungen verlassen. Für den Unterricht hat das erhebliche Folgen, denn nicht kommunizierbare Erkenntnisse lassen sich auch nicht unterrichten. Dann ist die Schule keine Bildungseinrichtung mehr, die die Urteilskraft stärkt, sondern nur noch eine reine Wissensvermittlungsanstalt, die möglicherweise von Google und all den anderen Firmen dominiert wird. Eine Urteilskraft kann sich aber nur herausbilden, wenn Ursache und Wirkung klar benannt und dialektisch aufgearbeitet werden.

Kommt die smarte Schule oder ist sie schon da?

Also gehört die Digitalisierung als gesellschaftliches Phänomen unbedingt in den Lehrplan eines jeden Faches. Vor allem der Politik–Unterricht muss sich intensiv damit auseinandersetzen. Die Gefahren der Digitalisierung für die Demokratie müssen klar benannt werden, denn eine smarte Diktatur rückt immer näher. Als EDV-Lehrer beschäftige ich mich seit jeher mit der Digitalisierung. Man kann den jüngeren Menschen nicht oft genug sagen, dass Computer nur digital denken können. Insofern sind Rechner besonders doof, weil sie nur der binären Logik folgen können.

Dies ist bei Menschen vollkommen anders. Sie “bilden ihre Subjektivität also ihre eigenen Möglichkeiten, jemand zu sein und zu bedeuten, gerade an Reibungen, Widersprüchen, Fremdem, Neuartigem aus. Das ist eigentlich ein Gemeinplatz. Wenn ich Kinder in sozial homogene, physisch voll gesicherte und digital überwachte Umgebungen setze, habe ich nur sehr reduzierte Möglichkeiten, ihre Subjektivität zu entwickeln,“[8] Digitale Unternehmen wollen verführen und sie interessieren sich nur dann für Bildung, wenn sie sich auch verwerten lässt. Dies darf aber niemals für die Schule gelten. Digitale Medien können nur ein Hilfsmittel für den Unterricht sein. Diese Hilfsmittel sollten sparsam, reflektiert und kritisch eingesetzt werden.

Auf einer IT-Fortbildung wurde ich einmal gefragt, ob ich etwas gegen die Digitalisierung habe. Genauso könnte man fragen, ob ich etwas gegen die Mathematik habe. Es geht doch nicht darum, Algorithmen, Zahlen oder Rechenmethoden gut oder schlecht zu finden. Die Digitalisierung muss als gesamtgesellschaftliches Phänomen begriffen werden. Es geht darum, dass Unternehmen, die keinen Bildungsauftrag haben, Zug um Zug Bildungseinrichtungen kapern und die pathologischen Abhängigkeiten der Schülerinnen und Schüler vom Smartphone forcieren. Außerdem ist es sehr bedenkenswert, wenn Lehrerinnen und Lehrer sich zu der Aussage hinreißen lassen: „Die Digitalisierung ist unausweichlich, wir können daran nichts ändern.“ Doch, wir können die Digitalisierung so kanalisieren, dass sie bildungspolitisch sinnvoll und vernünftig eingesetzt wird, denn –   „Alles Interesse der Vernunft vereinigt sich zu drei Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen?“[9]

Eins ist sicher, ein Algorithmus wird die Fragen von Kant nicht beantworten können, denn das Leben ist glücklicherweise nicht digital, sondern analog.

[1] Oskar Negt, Erfahrungsspuren, Göttingen, 2019, S. 81/82.

[2] Bologna – Prozess und Washingtoner Consensus sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

[3] “Denken und Erkennen sind nicht dasselbe. [….] Das Erkennen verfolgt stets ein bestimmtes Ziel, das ihm sowohl praktische Erwägungen wie “müßige Neugier” gesetzt haben mögen; ist dies Ziel erreicht, so ist der Erkenntnisprozeß an sein Ende gelangt. Denken hingegen hat weder ein Ziel noch ein Zweck außerhalb seiner selbst, und es zeitigt strenggenommen noch nicht einmal Resultate.” (Hannah Arendt, Vita activa, München, 1967, S.206.)

[4] Süddeutsche Zeitung, 23.07.2015, S. 9.

[5] Selke, Stefan: Livelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert, Berlin, 2014, S. 228.

[6] Im Jahre 1992 benötigte der weltweite Datenverkehr 100 Gigabyte am Tag, heute sind es über 50.000 Gigabyte pro Sekunde.

[7] Fritz Reheis, Wo Marx Recht hat, Darmstadt, 2011, S. 173

[8] Harald Welzer, Die smarte Diktatur, Frankfurt am Main, 2016, S.151.

[9] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, in: Kant: Werke in zwölf Bänden, Band IV, Frankfurt am Main, 1968, A 804 f. / B 832 f.