AllgemeinUmweltDie Semantik der Natur

10. Juni 2019

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Giuseeppe Tomasi di Lampendusa aus dem „Gattopardo“

In Gedenken an Elmar Altvater, der letztes Jahr im Mai gestorben ist.

 Die traditionellen Volksparteien haben im Europa–Wahlkampf eine deftige Niederlage erhalten. Die anschließenden Erklärungsmuster der CDU und auch der SPD sind sehr ähnlich, nämlich: Wir haben uns im Wahlkampf zu wenig um den Umwelt- und Klimaschutz gekümmert; deshalb sind die Wähler abgesprungen. Hätten die Volksparteien den Naturschutz in den Mittelpunkt des Wahlkampfes gestellt, wäre das Ergebnis auch besser ausgefallen. Wie blauäugig muss man eigentlich sein – die Volksparteien haben diese Thematik nicht erörtert, weil sie sich nicht ausreichend  mit dem Klimawandel auskennen, deshalb keine zielführenden Lösungen anbieten können und mit Symbolpolitik ist kein Wahlkampf zu gewinnen. Die normative Kraft des Faktischen lässt sich eben nicht durch die Fakten ersetzende Kraft des Phraseologischen substituieren. Die traditionellen Parteien ordnen die Interessen der Wirtschaft höher ein als die ökologische Frage. Es ist aber höchste Zeit, den Schutz der Natur und des Klimas über die Interessen der Wirtschaft zu stellen. Im Wahlkampf haben die Grünen klare Aussagen zur Klimapolitik gemacht. Jetzt kommen sie nicht darum herum, ihre Versprechungen in Handlungen umzusetzen. Man darf gespannt sein.

Wir sind klein

Auf der einen Seite wird uns ständig suggeriert, dass wir klein sind und nichts verändern können. Viele Sachverhalte sind angeblich alternativlos. Man hört immer häufiger: Klimawandel und Digitalisierung sind Schicksalsschläge, sie lassen sich nicht aufhalten. Die traditionellen Volksparteien werden nicht müde zu behaupten, dass nur durch  internationale Abkommen Änderungen möglich sind. Auf der anderen Seite greifen wir fundamental in die Natur ein und machen aus der Natur eine Maschine, eine gigantische Fabrik, die durch ein exponentielles Wirtschaftswachstum angetrieben wird. Wir sind im Stande, die gesamte Natur bis in die kleinsten Verästelungen zu berechnen. Wir sind es gewohnt, Sachverhalte fortzuschreiben und glauben, dass die Entwicklung immer so weiter geht. Dabei wird vergessen, dass die Natur und das Klima träge Systeme sind, die spät reagieren. Deshalb werden die Auswirkungen des Klimawandels wahrscheinlich erst in der Zukunft sichtbar, dann ist eine Umkehr aber nicht mehr möglich.

Die unberechenbare Natur

Unsere Sprache hat die Begriffe Natur und Technik vereint, obwohl ein großer Widerspruch auszumachen ist. Bei allen technischen Vorgängen geht es um Takt und um Wiederholungen. Die Technik lebt gewissermaßen von der permanenten Wiederholung eines Vorgangs.. Ein Automotor dreht beispielsweise mit 4.000 Umdrehung pro Minute. Dies tut er ständig in immer gleicher Art und Weise. Durch die Künstliche Intelligenz ist es auch möglich, dass technische Systeme befähigt werden zu lernen, und deshalb werden Algorithmen immer komplexer. Es steht zu befürchten, dass Algorithmen unsere neuen digitalen Götter werden. Die Natur kennt aber keine Algorithmen.

Die Natur funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten und exakte Wiederholungen gibt es in der Natur nicht. Viele Dinge sind zwar ähnlich, sie kehren wieder, aber sie verändern sich ständig, weil die Bedingungen einem permanenten Wandel unterliegen. Das bedeutet, die Natur entwickelt ständig neue Optionen und kommt auch immer wieder ins Gleichgewicht, auch wenn es mal einige tausende Jahre dauert. Naturgesetze heißen deshalb Naturgesetze, weil sie sich nicht beeinflussen lassen. Je mehr die Technik kultiviert wurde, desto stärker haben sich die Menschen von der Natur entfernt.

Ja, aber – wir betreiben doch schließlich nachhaltigen[1] Umwelt- und Naturschutz, das ist doch eine gute Sache. Diese Begrifflichkeit gefällt mir überhaupt nicht, weil sie den Eindruck vermittelt, dass Menschen überhaupt nicht zur Natur und zur Umwelt gehören. Fakt ist, ohne Menschen gäbe es keinen Naturschutz. Die Umwelt wird als eine Kulisse verstanden, die geschützt werden muss. Warum? Wir müssen uns und unsere Mitwelt schützen und den “Stoffwechsel des Menschen mit der Natur”, den Hannah Arendt so wunderbar beschreibt, in den Mittelpunkt unserer Analyse stellen.

Der Physiker Fritjof Capra hat in seinem Buch »Das Tao der Physik« treffend formuliert: »Wir können nicht von der Natur sprechen, ohne zugleich von uns zu sprechen.« Die Natur, die Umwelt und das Klima müssen nicht geschützt werden. Sie werden immer, wenn auch in veränderter Form, weiter existieren. Fraglich ist, ob wir Menschen in ihr dann noch eine Rolle spielen werden, weil wir es zunehmend verlernen, mit der Umwelt in den Dialog zu treten. Die Natur ist weder eine Kulisse noch ist sie dafür da, von weißen Männern, wie beispielsweise Donald Trump, ausgeplündert zu werden. Weiße Männer sind eben nicht die Krönung der Schöpfung.

Charles Darwin

Gerade neoliberale Ökonomen und Politiker[2] haben zweifelhafte sozialdarwinistische Ansichten, weil sie glauben, der Stärkere hat das Recht den Schwächeren zu dominieren. Leider wird der Ausspruch von Charles Darwin, nämlich „Survival of the fittest“, immer wieder falsch interpretiert. Nicht der Stärkere überlebt, sondern das Lebewesen, das sich am besten der Natur anpassen kann. Der Ausdruck „Fit“ beschreibt also den Grad der Anpassung an die Umwelt bzw. an die Natur. Es geht in der Theorie von Darwin weder um die körperliche Stärke noch um die Durchsetzungsfähigkeit im Sinne einer Konkurrenzverdrängung.

Die große Menschheitsaufgabe besteht darin, fit zu werden – wir müssen die Natur nicht beherrschen, sondern wir müssen uns ihr anpassen, denn „für uns ist Natur zu einer bloßen Kulisse verkommen, vor der sich unser ökonomisches Handeln abspielt. Die Natur hat einfach nur zu funktionieren und zu liefern.“[3] Wir begreifen die Natur als Hochleistungsmaschine und das findet sich auch in unserem Sprachgebrauch wieder. Diese Maschine läuft aber schon lange nicht mehr rund, sie fängt mittlerweile an zu stottern und der Glaube an ein unendliches Wachstum zerfällt vor unseren Augen.  Die Natur stellt uns „Gratisgeschenke“ (Karl Marx) in Form von Rohstoffen zur Verfügung. Wenn wir wirklich so gute Ökonomen wären, müssten wir diese Geschenke auch zukünftigen Generationen zur Verfügung stellen können.[4]  Ökonomen müssen endlich aufhören, die Natur als Maschine zu betrachten, die beherrscht werden muss. Diese, auf Herrschaft basierende, Logik führt dazu, dass Menschen und die Erde selbst als Wegwerfartikel behandelt werden. Wenn aber der Wettbewerb vergöttert wird und wir in dem „Primitivbewusstsein“ (Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker) leben, dass es nur darauf ankommt in diesem Wettbewerb zu überleben und der kurzfristige Erfolg entscheidend ist, scheint irgendetwas falsch gelaufen zu sein.

Der im Mai 2019 veröffentlichte Bericht über das Artensterben[5] hat uns aufgerüttelt. Natürlich sind Artensterben und Klimawandel „Zwillingskrisen“[6]. Das Artensterben nimmt zu und der Mensch fühlt sich überhaupt nicht als Art, erst recht nicht als bedrohte Art, sondern der Mensch bedroht die Arten. Die Arten der Erde sichern uns das Überleben und wir begreifen nicht, dass wir ein Teil, und wirklich nur ein Teil, der Natur sind. Vielleicht ist uns das Gefühl zur Natur abhanden gekommen, weil viele Menschen an nichts mehr glauben. Sie glauben nicht mehr daran, dass es jenseits unserer technischen Potenziale noch etwas gibt, das größer ist als die Menschheit. Seit Jahrzehnten glauben neoliberale Ökonomen an das gleiche Heilsversprechen, nämlich das  die entfesselten Produktivkräfte nie nachlassen werden und für ewige Wohlstandssteigerungen im Diesseits sorgen. Ist das die Entschädigung dafür, dass vielen Menschen ihren Glauben an das Jenseits, das ewige Leben, verloren haben?  Im Diesseits rauben wir der Natur die Produktivkräfte und bedrohen die Arten. Merken wir nicht, dass wir selbst die Bedrohungskulisse aufspannen und dadurch selbst zu einer bedrohten Art werden?

„Denn für die Allgewalt der Natur, oder vielmehr ihrer uns unerreichbaren obersten Ursache, ist der Mensch wiederrum nur eine Kleinigkeit, dass ihn aber auch die Herrscher von seiner eigenen Gattung dafür nehmen, und als eine solche behandeln, in dem sie ihn teils tierisch, als bloßes Werkzeug ihrer Absichten, belasten, teils in ihren Streitigkeiten gegeneinander aufstellen, um sie schlachten zu lassen – das ist keine Kleinigkeit, sondern Umkehrung des Endzwecks der Schöpfung selbst.“[7]

Deshalb ist es in allen Facetten des menschlichen Zusammenlebens wichtig, dass der Mensch nicht zu dieser seiner Würde und seines autonomen Tätigkeitsumkreises beraubten Kleinigkeit wird.

[[1] Der Begriff Nachhaltigkeit wird mittlerweile inflationär verwendet.

[2] Ich verwende an dieser Stelle ganz bewusst nicht die weibliche Form.

[3] Harald Lesch, Wenn nicht jetzt, wann dann?, München, 2018, S. 359.

[4] Viele Ökonomen glauben tatsächlich, dass die Knappheit der Ressourcen durch die Preisbildung angezeigt wird. Dabei liegt gerade im Bereich der Preisbildung von Rohstoffen  ein Marktversagen epochalen Ausmaßes vor. Die Knappheit vieler Rohstoffe wird durch den Marktmechanismus falsch dargestellt, also kann auch kein Rückschluss für zukünftige Generationen, bezüglich der Knappheit von Rohstoffen, gezogen werden.

[5] Eine persönliche Anmerkung: Ich unterrichte nun seit sehr vielen Jahren das Fach Volkswirtschaftslehre. Zur VWL gehört natürlich auch die Ökologie. Seit mehreren Jahren lege ich  im Unterricht eine Folie auf, die das Artensterben mit 70 Arten pro Tag beziffert. Eine unglaubliche Zahl. Nun lese ich im neuen Artenschutzbericht, dass pro Tag über 150 Arten sterben – eine glatte Verdoppelung. Die Studie zur Artenvielfalt des Weltbiodiversitätsrates vom 06.05.2019 erklärt, dass die Artenvielfalt global in einem historisch beispiellosen Ausmaß abnimmt.

[6] Süddeutsche Zeitung vom 10. Mai 2019

[7] Thomas Hobbes, Lehre vom Menschen. Lehre vom Bürger. Grundzüge der Philosophie, Band II, Leipzig, 1949, S.135.