Der anthropogene Klimawandel

09. November 2019

Im Jahre 2012 fand in Brisbane der 34. Internationale Geologische Kongress statt. Die Internationale Kommission für Stratigraphie, unter der Leitung des britischen Paläobiologen Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester, setzte sich mit dem Begriff „Anthropozän“ auseinander. Dies ist keine Kleinigkeit – eine Epoche zu definieren ist in wissenschaftlichen Kreisen eine träge und langwierige Auseinandersetzung. Der Kongress prüfte also den Begriff „Anthropozän“ (känos für „neu“ und anthropos für „menschlich“), der eine neue geochronologische Epoche benennen soll. Im Protokoll des Treffens in Brisbane war dann zu lesen:

„Die Forschungsgruppe erachtet für den Augenblick das „Anthropozän“ als eine möglich geologische Epoche, das heißt auf derselben Hierarchieebene wie das Pleistozän und das Holozän, was impliziert, dass es im Quartär lokalisiert ist, dass das Holozän aber beendet ist….“[1]

Geologen lassen sich sehr lange Zeit, um Epochen zu benennen. Kein Wunder, es geht oftmals um Zeiträume von Jahrmillionen. Die Wissenschaftler halten sich verständlicherweise bedeckt. Auf dem darauffolgenden 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt im Jahre 2016 sollte der „Golden Spike“ (engl., sinngemäß Goldener Punkt) definiert werden. Sie erklärten zwar das Holozän als beendet, haderten aber mit dem Begriff des Anthropozäns. Eine große Gruppe von Wissenschaftlern ist der Meinung, dass das Anthropozän im Jahre 1800 beginnt, also mit der industriellen Revolution. Die Menschheit konnte sich während des Holozäns, „diese elftausend Jahre relativer Stabilität zwischen zwei Eiszeiten entwickeln.“[2] Im Holozän, auch als Nacheiszeit bezeichnet, blieb die Erde und das Klima stabil. Nun greift die Menschheit seit über 200 Jahren in die natürlichen Prozesse der Erde ein und verändert sie damit. Dies bringt eine Vielzahl von Problemen mit sich. Das größte Problem der Menschheit erfahren wir momentan – den Klimawandel.

Es gibt aber auch Wissenschaftler, die meinen, dass Anthropozän beginnt im Jahre 1610. In dieser Zeit hatte der gemessene CO2-Wert einen idealen Tiefstwert. Danach wurde eine regelmäßige und ständig zunehmende CO2Konzentration  gemessen. Warum war der Wert so niedrig? Begründet wurde es mit der Entdeckung Amerikas und dem großen Völkermord an den Ureinwohnern. Millionen Indianer wurden ermordet bzw. sie verloren ihr Leben durch Ansteckungskrankheiten. Außerdem lebten die Indianer von ihren reichhaltigen Büffelherden, die ebenfalls stark dezimiert wurden. Dies hatte zur Folge, dass der Wald in Amerika zunahm. „Weil die Wiederbewaldung des amerikanischen Kontinents zu diesem Zeitpunkt eine solche Speicherung von atmosphärischen Kohlendioxid im Boden herbeigeführt hatte, dass die Klimatologen bei der Messung der CO2-Quote in der Luft den gefundenen Wert als Tiefstwert ansetzen konnten, von dem aus ihre regelmäßige Zunahme meßbar war.“[3] Wie solche Werte bestimmt werden können, habe ich in einigen  Blogs beschrieben[4].

Das „Indianerbeispiel“ der Wissenschaftler (Geologen, Philosophen, Klimatologen) halte ich für sehr problematisch. Natürlich betont die Wissenschaft, dass sie nicht politisch sei und wertneutrale Tatsachenforschung betreibe. An dieser Stelle ist es aber angebracht, auf die unvermeidbaren Begleiterscheinungen weißer Landnahme hinzuweisen; denn das langsame Sterben der Indianer durch Massaker und Krieg begann mit der Ankunft des ersten weißen Mannes. Dieser unfassbare Völkermord an den Indianern wurde aber unzureichend bedauert oder entschuldigt, im Gegenteil, Schriftsteller und Drehbuchautoren haben ein ge- und verdrehtes Zerrbild vom „Indianer“ geschaffen. Der Völkermord an den Indianern war einer der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Die Indianer lebten von den reichen Büffelherden, die fast ausgerottet wurden. Diese Büffel (fachsprachlich: amerikanischer Bison) gehören zur Gattung der Rinder und sie sind, wie alle Rinder, auch für den CO2-Ausstoss verantwortlich.

Unabhängig vom Völkermord zeigt das „Indianerbeispiel“ aber sehr eindrucksvoll, wie wichtig ein gesunder Boden  für die CO2-Speicherung ist und der Verzicht auf Rindfleisch führt ebenfalls zu einer Reduzierung der CO2-Konzentration. Historisch ist aber nicht nur Amerika zu betrachten.

In Europa waren im Jahre 1610 ebenfalls große Umbrüche zu verzeichnen, wir schauten in die Sterne und wollten den Himmel erobern. Es gab einen Lehrer der Mathematik in Padua, Galileo Galilei, der mittels eines Fernrohres den Himmel erforschte und das neue kopernikanische Weltsystem beweisen konnte. Bertold Brecht schreibt in seinem Buch „Leben des Galilei“: „Heute ist der 10. Januar 1610. Die Menschheit trägt in ihr Journal ein: Himmel abgeschafft.“[5]

Vielleicht sollte man sich darauf einigen, dass das Anthropozän damit begann, als der Mensch das erste Mal, circa im Jahre 1600, mit einem Fernrohr in den Himmel schaute. Dies hat auch der Wissenschaftsjournalist Prof. Dr. Harald Lesch in seinem Vortrag „Das Kapitalozän“ ( https://www.youtube.com/watch?v=BlXgHcd7tok) angedeutet. Als Ökonom finde ich den Ausdruck von Harald Lesch zutreffend: Kapitalozän, zumal in der Neuzeit die europäischen Herrscher anfingen, die Wälder abzuholzen um Plantagen anzulegen und Menschen aus Afrika zu versklaven. Diese Aneignungs- und Akkumulationsprozesse werden mit dem Begriff Kapitalozän besser beschrieben als der Begriff Anthropozän, der die Schuld auf alle Menschen verteilt und die Verantwortlichen für diesen Raubbau nicht benennt.

Geologisch möge man sich darüber streiten, ob das Anthropozän im Jahre 1610 oder im Jahre 1800 begann. Sicher ist aber, dass der Mensch nach dem wissenschaftlichen Verständnis den entscheidenden Anteil an der globalen Erwärmung hat. Die Messmethoden und die Möglichkeiten der Datenauswertung haben sich in den letzten Jahren verbessert. Demzufolge können bestimmte Indikatoren zum Klimawandel mit wissenschaftlicher Exaktheit gemessen werden. Beispielsweise das Abschmelzen der Polkappen, das Abschmelzen von Gletschern, die Degradation von Böden, der Rückgang von Permafrost, der Anstieg der Meeresspiegel, die Versauerung, die Korallenbleiche, die Veränderung des Sauerstoffgehalts und die Veränderung der Meeresströmungen. Die energiebedingten CO2-Emissionen wuchsen im Jahr 2018 mit einer Rekordrate von 1,7 %.  Die atmosphärische Konzentration von Methan stieg 2017 auf über 1850 ppb, die von Lachgas auf etwa 330 ppb. Methan ist um ein vielfaches klimaschädlicher als CO2.

Für die ökologische Interpretation des anthropogenen Klimawandels ist das Datum des Beginns sekundär. Dafür steht aber zweifelsfrei fest, dass der Klimawandel anthropogen ist. Somit haben wir kein Wissensproblem, wir haben aber ein massives Handlungsproblem.

[1] Subcommision on Quaternary Stratigraphy, „What is the „Anthopocene? – Current defintion and status“, 2011.

[2] Bruno Latour, Kampf um Gaia, Berlin, 2017, S. 195.

[3] Bruno Latour, Kampf um Gaia, Berlin, 2017, S. 314.

[4] Dies lässt sich beispielsweise mit Hilfe von Eisbohrkernen beweisen. Wissenschaftler haben am Dome C in der Ostantarktis einen Eiskern erbohrt, der drei Kilometer lang ist. Es wurden hier stückweise 3 Meter lange Bohrkerne eingesetzt. Damit konnte man in Laboranalysen herausfinden, wie sich das Erdklima und die Zusammensetzung der Atmosphäre verändert haben. Die Analyse des Bohrkerns aus gepresstem Schnee brachte folgendes Ergebnis: Die Erde hat während der letzten 740.000 Jahre acht Eiszeiten und acht wärmere Perioden erlebt.

[5] Bertold Brecht, Leben des Galilei, 1988, S. 206.

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