AllgemeinUmweltFridaysForFuture

23. März 2019

Es tut sich was in Deutschland – die sonst so angepaßten Schülerinnen und Schüler demonstrieren für das Klima und gegen die Kohle. Die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg aus Schweden wurde durch ihren Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos schlagartig berühmt. Viele Schüler gehen nun demonstrieren, riskieren Einträge in das Klassenbuch und fehlende Tage auf dem Zeugnis.

Natürlich ist es eine wesentliche Aufgabe der Schulbildung mündige und wehrhafte Bürgerinnen und Bürger zu erziehen. Demokratie muss permanent gelernt werden,  jeden Tag und immer wieder. Deshalb ist es besonders wichtig, dass man sich mit der Demokratie und mit dem Streik- und Demonstrationsrecht auseinandersetzen muss. Es ist erfreulich, wenn Schülerinnen und Schüler auf die Straße gehen und für den Klimaschutz demonstrieren.

Kooperation vs. Individualismus

Um es vorwegzunehmen: Ich glaube nicht daran, dass individuelle Verhaltensänderungen nachhaltig den Klimawandel beeinflussen. Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen, die den Eindruck erwecken, dass durch individuelle Verhaltensweisen der Klimawandel aufgehalten oder bekämpft werden kann, handeln unverantwortlich, denn menschliche Überlebensgemeinschaften basieren auf Kooperation und eben nicht auf Individualismus. Außerdem werden die Marktinstrumente den Klimawandel nicht aufhalten. Der Markt versagt an dieser Stelle komplett. Um nachhaltig etwas zu bewirken, ist der Staat aufgefordert, strenge Grenzwerte und durchgreifende Gesetze zu verabschieden und vor Verboten nicht zurückzuschrecken, denn die Klimaziele müssen zwingend eingehalten werden. Um Politikerinnen und Politiker in solch eine Richtung zu drängen sind Proteste dringend nötig.

Proteste, ja bitte

Greta Thunberg sei Dank, sie ist der Auslöser für die Schülerproteste. Leider kommt die Erwachsenengeneration überhaupt nicht aus dem Quark. Die Schülerproteste werden zwar überwiegend positiv gesehen aber häufig hört man: Proteste ja, aber nicht zu viel und bei Schulausfall sollten doch Sanktionen greifen. Was vergessen wird – die Jugendlichen kämpfen um ihre Existenzgrundlage und beklagen zurecht das Versagen der Elterngeneration. Es ist beschämend, wenn die Klimaziele in Deutschland nicht einhalten werden können. Deutschland ist hinsichtlich des Klimaschutzes alles andere als vorbildlich. Dies habe ich in über 10 Blogs auf meiner Homepage dokumentiert.

Greta Thunberg hat auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos in ihrer eindrucksvollen Rede formuliert: „Ich will, dass ihr handelt wie in einer Krise. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“ Und auf der Klimakonferenz im polnischen Kattowitz forderte sie die Delegierten auf, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten: „Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie als Krise zu behandeln.“ Mit solchen Aussagen trifft Greta Thunberg den Nagel auf den Kopf. Eine 16-jährige Jugendliche spricht das aus, was Politikerinnen und Politiker aussprechen müssten.

Leider wird Greta Thunberg in den (sozialen?) Medien häufig diffamiert und es wird ihr ein Asperger-Syndrom unterstellt. Ihre Aktionen werden negiert, entwertet und sie wird als Pippi Langstrumpf dargestellt. Unglaublich, aber wahr – die FDP-Politikerin Ann-Kristin Spindler nennt die Klimaaktivistin ein „krankes Kind“. Dies ist aber nichts neues, Klimaaktivisten werden gerne als realitätsfremd dargestellt.  Gerade die marktradikalen Ökonomen und Politiker meinen, dass der Klimaschutz  “Sache für Profis” (Christian Lindner) ist. Diese sogenannten Profis halten die Klimaziele nicht ein und das naturwissenschaftliche Fachwissen über klimatische Zusammenhänge ist häufig nur sehr begrenzt vorhanden. Sind hier Amateure am Werk? Oder ist es besser, in Anlehnung an Christian Lindners Aussage zur ersten Groko – Verhandlung, keinen Klimaschutz zu realisieren als einen falschen Klimaschutz umzusetzen? Unser „Minister für Verkehrspolemik“ (Süddeutsche Zeitung) Andreas Scheuer behauptet, dass ein Tempolimit auf Autobahnen „gegen jeden Menschenverstand“ sei. Es stellt sich die Frage, wer hier realitätsfremd ist? Solche Sprüche zeigen doch sehr deutlich, dass Politiker sich zunehmend vom Gemeinwohl verabschieden. Es ist beschämend – viele Menschen kämpfen gegen den Klimawandel und unser Verkehrsminister kämpft für die freie Raserei auf deutschen Autobahnen.

Die Jugendlichen um Greta Thunberg merken sehr genau, dass die Party vorbei ist und dass die Verantwortlichen trotzdem ihr Verhalten nicht ändern bzw. die Wirtschafts- und Verkehrspolitik keine nachhaltigen Lösungen anbieten kann. Unser ressourcenvertilgendes Konsummodell scheint über jeden Zweifel erhaben zu sein. Der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch stellt fest: „Wir dachten immer, wir könnten unsere Abfälle in die Meere, die Atmosphäre oder den Boden entsorgen, jetzt kommt die Retourkutsche. Wir haben auf viel zu großem Fuß gelebt und merken allmählich, dass die Party vorbei ist.“

In Deutschland scheint das noch nicht angekommen zu sein. Die Gesetze bezüglich der Grenzwerte werden nicht eingehalten, im Gegenteil, Politiker erdreisten sich, geltende Gesetze anzuzweifeln und auch zu ändern[1] – Vorbildfunktion Fehlanzeige. Wenn schon das mickrige N02 Problem in Deutschland nicht gelöst werden kann, dann scheint die wesentlich größere C02 Herausforderung für deutsche Politiker unlösbar zu sein.

Die sympathische Greta Thunberg hat gezeigt wie es geht, sie verhält sich vorbildlich. Es ist unverschämt, die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler als pubertär zu bezeichnen. Pubertär sind die Erwachsenen, die mit Tempo 180 über die Autobahn rasen und den Motor der Konsumgesellschaft, die Verschwendung, beschwören.  Das westlich geprägte Konsummodell infantilisiert die Gesellschaft zunehmend und Erwachsene entwickeln eine kindliche Konsumstruktur.  Die klare Sichtweise von Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen ist nicht pubertär, sondern realistisch. Der demokratische Prozess braucht engagierte Schülerinnen und Schüler die intensiv miteinander kommunizieren, streiten und für ihre Zukunft auf die Straße gehen. Das dieses geschieht, ist eine gute Nachricht.

 

[1] Deutschland hat ein Gesetz beschlossen, dass den Stickoxid Grenzwert auf 50 Mikrogramm erhöht. Zum Glück funktionieren die demokratischen Reflexe noch und die EU-Kommission besteht auf die gesetzlich festgelegten 40 Mikrogramm. Nach Aussagen der Bundesregierung geht es bei diesem Gesetz um die Festlegung von Verhältnismäßigkeiten von Fahrverboten. Der Streit geht also weiter – never ending story.