AllgemeinArm und ReichWir sitzen nicht im gleichen Boot

3. August 2020

Wenn ich einen Artikel zu einem beliebigen Umweltthema veröffentliche, wird dieser häufig dahingehend kommentiert, dass ein wichtiger Aspekt fehlt – das Bevölkerungswachstum. Wir sind einfach zu viele Menschen und die ökologischen Probleme lösen sich von selbst, wenn wir die globale Anzahl von Menschen reduzieren, zum Beispiel durch Geburtenkontrolle. Aha, da haben wir die Lösung. Diese vereinfachte Sichtweise verdeckt aber die eigentlichen Probleme.

Der Ressourcenverbrauch

 Es kommt nicht darauf an, wie viele Menschen auf der Erde leben, entscheidend ist der Ressourcenverbrauch eines jeden Menschen. Der Ressourcenverbrauch ist aber weltweit ungleich verteilt. Wenn jeder Erdenbürger genauso viele Ressourcen verbrauchen würde wie ein Nordamerikaner, wäre die Tragfähigkeit des Planeten bei circa 1,5 Milliarden Menschen überschritten. Die Bevölkerungszahl wäre nachhaltig, wenn wir bezüglich des Ressourcenverbrauchs das Land Guatemala zum Vorbild nehmen würden. Unter der Voraussetzung das wir uns ökologisch so verhalten würden wie die Dorfbewohner in Ladakh[1], könnten 15 Milliarden Menschen oder mehr auf diesem Planeten leben.

Natürlich ist es viel bequemer, nicht über den eigenen Ressourcenverbrauch reden zu müssen, sondern die Probleme auf das Bevölkerungswachstum zu schieben. Noch bequemer und perfider ist es, den Entwicklungsländern die Schuld zu geben. So geschehen in Paderborn am Tag des Handwerks im August des Jahres 2019. Der aus Rheda-Wiedenbrück stammende Großschlachter Clemens Tönnies war der Auffassung, dass man jährlich 20 Kraftwerke in Afrika bauen sollte, um dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Tönnies Begründung dafür: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn´s Dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ Für diese unqualifizierte, fehlerhafte und geschmacklose Aussage gab es in Paderborn Beifall, auch wenn einige Zuhörer und Zuhörerinnen zunächst irritiert waren. Ich erspare mir an dieser Stelle einen Kommentar. Diese und ähnliche Argumentationen unterschlagen, dass der Ressourcenverbrauch, der ökologische Fußabdruck und der Beitrag zur globalen Erwärmung eines Menschen aus Afrika wesentlich geringer ist als der, durch Massenkonsum geprägte, Beitrag eines durchschnittlichen Europäers oder Nordamerikaners. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird besonders deutlich bei der Energienutzung und den daraus resultierenden Emissionen.

Die anthropogenen Probleme

Geologen erklärten zwar das Holozän als beendet, hadern aber mit dem Begriff des Anthropozäns. Die Menschheit konnte sich während des Holozäns, „diese elftausend Jahre relativer Stabilität zwischen zwei Eiszeiten entwickeln.“[2] Im Holozän, auch als Nacheiszeit bezeichnet, blieb die Erde und das Klima stabil. Nun greift die Menschheit seit über 200 Jahren in die natürlichen Prozesse der Erde ein und verändert sie damit. Dies bringt eine Vielzahl von Problemen mit sich. Das größte Problem der Menschheit erfahren wir momentan – den Klimawandel. Ist die Menschheit schuld an diesen Problemen?  Beteiligen wir Menschen uns tatsächlich alle gemeinsam an der Plünderung des Planeten? Ist es überhaupt richtig, von „wir“ zu sprechen?

Klar, der Homo sapiens hat irgendwann angefangen im großen Maßstab Kohle zu verbrennen. „Um es ein wenig krude auszudrücken: Es waren irgendwelche reichen weißen Männer in einer bestimmten Ecke der Welt, die dieses Produkt entwickelt haben und es dann erst mithilfe der Macht, die sie daraus gewannen, in aller Welt verbreiten konnten. Die Ausbreitung dieses Energiesystems geschah also nicht durch irgendeine Art natürlicher Anpassung, sondern wurde anderen Teilen der Menschheit aufgezwungen. Dass wir alle, einige sagen sogar: alle Menschen, die jemals gelebt haben, dazu beigetragen haben, ist völlig unvereinbar mit den historischen Beweisen.“[3] Wir sitzen nicht alle im gleichen Boot und wir sind nicht alle dafür verantwortlich. Um den Ressourcenverbrauch und die gewaltige Schädigung der Umwelt zu begegnen, ist die Argumentation -wir sind einfach zu viele Menschen-, irreführend.  Die Länder des globalen Südens wurden in die Abhängigkeit gedrängt, weil sie beispielsweise die neoliberalen Kreditbedingungen von IWF und Weltbank akzeptieren mussten. Außerdem wurden die Märkte für transnationale Unternehmen sehr weit geöffnet, während die lokale Bevölkerung um ihre Lebensgrundlagen bangen mussten. Das sogenannte „landgrabbing“ verwehrt der lokalen Bevölkerung zunehmend den Zugang zu Land und Ressourcen.

Das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens wird nachhaltig zerstört, wenn eine Politik ausdrucksvoll auf Abwertung und Entmenschlichung von fremden Kulturen und Flüchtlingen setzt. Letztendlich benötigen wir ein zeitgemäßes Völkerrecht, dass die sogenannten Entwicklungsländer vor fremden Zugriffen schützt und die globalen, ökonomischen und sozialen Ungleichheiten abmildert. Die fortdauernde Hierarchisierung von Kulturen auf allen Ebenen muss unterbunden werden – dies wäre ein sinnvoller erster Schritt.

[1] Ladakh ist seit dem 31. Oktober 2019 ein Unionsterritorium Indiens. Ladakh ist bekannt für die Schönheit seiner entlegenen Berge und die tibetisch-buddhistische Kultur, daher wird es auch als Klein-Tibet bezeichnet.

[2] Bruno Latour, Kampf um Gaia, Berlin, 2017, S. 195.

[3] Mladen Gladic, Im Kapitalozän, Andreas Malm, in: der Freitag, Nr. 29 vom 16.07.2020, S. 3