WM in Katar, nein danke!

17. Januar 2022

 „Im Fußball findet sich eine ganze Menge Welt.“ (Ror Wolf)

„Also, ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum.“ Dies formulierte Franz Beckenbauer vor einigen Jahren. Und er führte weiter aus, dass die Menschen dort weder in Ketten gefesselt seien noch hätten sie irgendwelche Büßerkappen am Kopf. Beckenbauer schließt mit der Bemerkung: „Vom arabischen Raum habe ich mir ein anderes Bild gemacht, und ich glaube, mein Bild ist realistischer.“

So viel zur Vorgeschichte und zur „realistischen“ Wahrnehmung des Fußball-Kaisers.  Die Jahre sind vergangen und nun ist es bald so weit, denn am 21.November 2022 beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft im Wüstenstaat Katar. Um die Fußballinfrastruktur zu bauen, ist der Tod von tausenden Arbeitsmigranten in Kauf genommen worden. Ein Land wie Katar hat mit Fußball aber nichts am Hut. Es gibt in diesem Land keine Fußballvereine und demzufolge auch keine Fußballtradition. Warum also diese Weltmeisterschaft im Winter in der Wüste?

Die Fifa

Natürlich ist diese Weltmeisterschaft ein Politikum, auch wenn der Weltfußballverband Fifa beteuert, er sei nicht politisch. Es ist offensichtlich, dass Katar die WM dafür nutzt, um sich ein modernes Image zu geben. Katar ist ein Emirat und die Staatsreligion ist der Islam. Laut Artikel 1 der Verfassung ist die Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung. In der Vergangenheit wurde Katar aufgrund seiner Unterstützung der Muslimbrüder kritisiert. Die Nähe zu radikalislamischen Gruppen und Terrororganisationen führten dazu, dass wesentliche Staaten der Golfregion Katar boykottieren bzw. boykottierten.  Nebenbei bemerkt: Nach zwölf Jahren Exil in Damaskus verlegte im Jahre 2012 der Hamas-Führer Khaled Meschal sein Büro von Syrien nach Katar. Aus Protest gegen Syriens Präsidenten Assad wurde dieser Umzug im Jahr 2012 vollzogen.  Seitdem lebt und arbeitet  der Hamas-Führer in Katar und agiert von Doha aus. Fraglich ist, ob man in einem Land, dass „Terrorfürsten“ beheimatet, eine WM ausrichten sollte.

Außerdem lässt sich das gesamte Vergabeverfahren der Fifa kritisieren, weil in der Vergangenheit die Korruptionsvorwürfe immer stärker wurden. Auch lässt sich die ökologische Nachhaltigkeitsstrategie einer Weltmeisterschaft mitten in der Wüste kritisieren. Ich möchte mich aber an dieser Stelle mit der modernen Sklaverei beschäftigen, die Franz Beckenbauer nicht wahrgenommen hat, weil die Arbeiterinnen und Arbeiter keine sichtbaren Fesseln und schwere Eisenkugeln getragen haben.

Die moderne Sklaverei

Die Arbeitsmigranten stammen meist aus Nepal, Sri Lanka und Bangladesch und sie stellen 95 Prozent der gesamten Erwerbsbevölkerung in Katar dar. Nach den Aussagen von Amnesty International sind sie in kargen Massenunterkünften untergebracht und sind einer extremen Hitze ausgesetzt. Es stehen nicht ausreichend Lebensmittel zur Verfügung und die Krankenversorgung ist unzureichend. Die englische Zeitung „Guardian“ hat herausgefunden, dass seit der WM-Vergabe im Jahre 2014 über 6.500 Arbeiterinnen und Arbeiter auf den WM-Baustellen gestorben sind. Inzwischen ist diese Zahl, nach Aussagen von Amnesty International, auf über 15.000 Menschen angewachsen. Möglicherweise ist auch diese Anzahl höher, weil es eine hohe Dunkelziffer gibt. Das liegt an den unzureichend ausgefüllten Totenscheinen. Viele dieser Dokumente enthielten keine genauen Angaben zu den Todesursachen. Erschwerend kommt hinzu, dass Autopsien in Katar gesetzlich sehr stark eingeschränkt sind.

Durch das sog. Kafala-System des Emirats wird die Ausbeutung sichtbar. „Innerhalb dieses „Bürgschaftssystems“ werden Arbeitskräfte im Baugewerbe von privaten Agenturen angeworben und an Arbeitgeber im Golfstaat vermittelt, die für ihre Einreise „bürgen“. Daraus entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, das nur als moderne Sklaverei bezeichnet werden kann: Die Arbeiter*innen werden gezwungen, ihrem „Bürgen“ bei der Einreise ihre Ausweisdokumente auszuhändigen, und dürfen ohne deren Einverständnis weder den Arbeitgeber wechseln noch das Land verlassen. Ihr Aufenthaltsstatus und die Arbeitserlaubnis hängen vom Wohlwollen einzelner Personen ab.“[1]   

Der Zugang zur Justiz bleibt den Arbeitsmigranten weitgehend versperrt. Die Konsequenz ist, dass nicht gezahlte (Billig-) Löhne kaum einklagbar sind. Außerdem ist es untersagt, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen sind nach wie vor unzureichend und die extremen klimatischen Bedingungen werden in den Sicherheitsmaßnahmen der Baufirmen nicht berücksichtigt.

 Fazit

Diese Fußball-Weltmeisterschaft muss boykottiert werden. Dies wird aber in Deutschland kaum gelingen, bei 80 Mio. potenziellen Bundestrainern, die sich zunehmend mit dem Mia san Mia – Virus infiziert haben. Obwohl – an dieser Stelle muss man die FC-Bayern-Fans in Schutz nehmen, weil die schon lange und lautstark gegen den eigenen Verein bezüglich der WM in Katar protestieren. Recht so.

[1] Inga Hofmann, Werbe-Event mit Todesfolge, Die Fußball-WM in Katar, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1`22, Berlin, 2021, S.42

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