Droht der cyberlibertäre Faschismus?
»Die Demokratie gedeiht nur in einer Atmosphäre der Versöhnung und des Dialogs. Wer seine Meinung verabsolutiert und dem Anderen nicht zuhört, ist kein Bürger.« (Byung-Chul Han)
Begreifen sich die cyberlibertären Tycoons und die Multimillionäre aus der KI-Branche als Bürger? Wahrscheinlich nicht. Richtig problematisch wird es, wenn sich die Tycoons des Silicon Valley auch noch die Deutungshoheit über die neuen Technologien verschaffen und lebende Organismen nicht als etwas Besonderes, Einzigartiges oder gar Heiliges begreifen. Technik-Utopisten hängen eben »nicht besonders an Menschen, das ist ein Grund, warum sie sich keine Sorgen um den Verlust der Bedeutung des Menschen machen.«[1] Wenn es nach den Willen der Erfinder der Künstlichen Intelligenz geht, sollen Menschen jegliche Art von Bindungen, auch Traditionsbindungen, überwinden, „das heißt, die Menschen flexibler und besser verwendbar zu machen.“[2] Dabei ist es doch ein besonderes Merkmal von Menschen. dass sie glücklicherweise fehlerhaft sind. Und da ist die Krux: Die Funktion von KI ist es, Fehler auszumerzen. Menschen lernen aus Fehlern. Indem wir stolpern und wieder aufstehen, mit Konfrontationen und Widerständen umgehen und kritikfähig bleiben, erfahren wir die Welt. Wir benötigen die Resonanz, um die Welt zu erfahren und zu gestalten. Schließlich sind wir Menschen und keine Maschinen. Das wird von den Amerikanern Nick Land und Curtis Yarvin aber vollkommen anders gesehen. Yarvin und der Philosoph Land träumen vom Ende der Demokratie, einem amerikanischen Autokraten und vor allem von den Errungenschaften auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Damit begeistern sie den rechten deutschstämmigen Tech-Milliardär Peter Thiel und US-Vizepräsident JD Vance. Der Philosoph Nick Land verbreitet schon seit vielen Jahren seine fragwürdigen »Visionen« an US-Universitäten. Demzufolge ist der Mensch nur eine evolutorische Vorstufe zur KI-Maschine. Sobald die KI hyperintelligent geworden ist, kann der Mensch liquidiert werden. Der verstorbene Sozialphilosoph Andre´ Gorz zog gegen solche Ideen zu Felde und führte aus, dass man sich im Kampf um das Dasein auf die Seite des Menschen stellen müsse und nicht auf die Seite der Maschinen. Die transhumanistischen Ideen von Land und Yarvin als faschistisch zu bezeichnen wäre eine glatte Untertreibung. Selbst Adolf Hitler wollte nur bestimmte Menschen ausrotten und nicht die gesamte Menschheit. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Denkweisen nicht in Deutschland durchsetzen, denn wer die Menschenrechte verneint ist auch gegen die Menschen. Humanität »bedeutet die Ehrfurcht vor dem Menschen. Jeder einzelne Mensch ist eine Unendlichkeit« (Karl Jaspers).
Treten wir nur noch „mitgeschichtlich“ in Erscheinung?
»Unser demokratischer Staat ist mehr als ein Dienstleistungsbetrieb und auch mehr als eine Agentur zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts.« (Johannes Rau, Bundespräsident, 2004)
In Deutschland hat sich die Künstliche Intelligenz in der Finanzwirtschaft schon durchgesetzt und die Herrschaft der Algorithmen wird uns in naher Zukunft die Finanzwirtschaft komplett auf den Kopf stellen. Der Hochfrequenzhandel der Börse ist jetzt schon durchgehend digitalisiert. Menschen spielen nur noch eine geringe Rolle. Zukünftig wird die KI den Handel explosionsartig beschleunigen und ausschließlich nach ökonomischen Profitaussichten Entscheidungen treffen. Ob die KI beurteilen kann, wie Finanzkrisen entstehen und welche Auswirkungen diese für die Menschheit hat, bleibt eine offene Frage. Es wird schwer werden, die KI nur als Hilfsmittel einzuhegen. Vielleicht wird sie sogar zum bestimmenden Element der gesamten Gesellschaft.
Hannah Arendt formulierte Mitte der 1960 er Jahre in der vita activa: »Schon seit geraumer Zeit versuchen die Naturwissenschaften auch das Leben künstlich herzustellen, und sollte ihnen das gelingen, so hätten sie wirklich die Nabelschnur zwischen dem Menschen und der Mutter alles Lebendigen, der Erde, durchschnitten. Das Bestreben, „dem Gefängnis der Erde“ und damit den Bedingungen zu entrinnen, unter denen die Menschen das Leben empfangen haben, ist am Werk in den Versuchen, Leben in der Retorte zu erzeugen oder durch künstliche Befruchtung Übermenschen zu züchten oder Mutationen zustande zu bringen, in denen menschliche Gestalt und Funktionen radikal „verbessert“ werden würden, wie es sich vermutlich auch in dem Versuch äußert, die Lebensspanne weit über die Jahrhundertgrenze auszudehnen.«[3] Auch wenn Hannah Arendt bereits 50 Jahre Tod ist, bleibt sie trotzdem die »schärfste Beobachterin der Moderne« (Björn Hayer).
In der heutigen Zeit würde auch die Künstliche Intelligenz (KI) bei der Philosophin Hannah Arendt Erwähnung finden. Ihr Ex-Ehegatte, der Medienphilosoph Günther Anders, sieht es ähnlich, wenn er die Technik als »Subjekt der Geschichte« beschreibt. Daraus folgert der dezidierte Technikkritiker Günther Anders, dass wir Menschen nur noch »mitgeschichtlich« in Erscheinung treten werden. Günther Anders meint, »dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können: und dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen […]».[4]
Wenigen Menschen ist bewusst, dass wir mit der Digitalisierung Prozesse anstoßen, die in Lichtgeschwindigkeit (circa 330.000 Kilometer pro Sekunde) ablaufen. Häufig wird dieser technologische Zwang und der Innovationsdruck mit der menschlichen Neugier begründet. Dies mag teilweise richtig sein. Menschliche Neugier hat aber im Gegenzug auch viel Schaden angerichtet. Man denke an die grauenhaften Menschenversuche in KZs oder die grausigen Bilder von Pornografie und Folterungen, die sich Minderjährige im Internet ansehen. Insofern ist Neugier gesellschaftlich auch zu ächten, denn alles zu dürfen, was man kann, ist keine Selbstverständlichkeit und hat mit Freiheit kaum etwas zu tun. Vielleicht ist die Digitalisierung sogar genau das Gegenteil von Freiheit, denn die digitale Welt führt zunehmend zur Vereinsamung. Hannah Arendt führte schon im Jahr 1951 in ihrer Schrift Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft aus: »Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit.« Inzwischen gibt es genug Studien darüber, wie die digitale Welt Vereinsamung und Verlassenheit fördert und somit den Nährboden für faschistische Tendenzen bereitet.
Es gibt in der Welt der Silicon-Valley-Technokraten nur ein Vorwärts oder ein Rückwärts, nur ein Schwarz oder Weiß und nur eine Eins oder eine Null und politisch entweder links oder rechts. Wobei die MAGA-Bewegung eindeutig dem rechten Lager zuzuordnen ist. Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Bewegung tendenziell faschistische Züge trägt. Ökologische Probleme werden ausschließlich technisch gelöst, die Natur wird als eine nie versiegende Ressource begriffen, die Demokratie wird negiert und ethische Fragestellung werden einfach mathematisiert. Die Technokraten blenden in ihrer Gedankenwelt aus, dass Fortschritt eine fortschreitende Ausbeutung der Natur (Menschen, Tiere, Rohstoffe und Flora und Fauna) bedeutet. Deshalb bin ich lieber MEGA-Fan als MAGA-Süchtig. Übersetzt heißt das, dass mir ein gründliches Studium der Marx-Engels Gesamtausgabe (MEGA) sinnvoller erscheint, als der irrsinnige Glaube an Make America great again (MAGA).
[1] Bill McKibben, Die taumelnde Welt, München, 2019, S. 245.
[2] Oskar Negt, Der Politische Mensch, Göttingen, 2010, S. 67.
[3] Hannah Arendt, Vita activa, München, 1972, S. 9.
[4] Günther Anders, Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, in: Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1 (1956), München, 1988, S.VII.



























































































