»Arendts (gemeint ist Hannah Arendt, U.K.) grundsätzliche Überlegung [ist], dass die »Politik des kleineren Übels« selbst von Übel ist, weil sie letztlich eben nicht größere Übel verhindere, sondern diese erst möglich mache, …« (Grit Straßenberger)
Was ein Leck im unterirdischen CO2-Speicher anrichten kann, wird durch den folgenden Vorfall deutlich. Am 04.03.2026 berichteten die regionalen Medien über den CO2-Austritt am Kurgastzentrum in Horn Bad-Meinberg. Dieser Vorfall in der Nähe meines Wohnortes in Nordrhein-Westfalen beschäftigte ausschließlich die regionalen Zeitungen und im WDR wurde in der Sendung „Aktuelle Stunde“ ein kurzer Film gezeigt. Was war nun passiert? Anfang März 2026 wurde rund um das Kurgastzentrum in Bad Meinberg ein erheblicher Austritt von Kohlendioxid festgestellt. Das CO2 stammt aus einer natürlichen Gasblase unterhalb des Kurparks. Der sogenannte Meinberger Dom beinhaltet ein sehr großes CO2-Vorkommen. Es wurde viele Jahre genutzt um die Kohlensäure als natürliches Heilmittel zu verwenden. In der Nacht zum 04.03.2026 begann ein deutlich verstärkter Austritt, sodass die regionalen Feuerwehren informiert werden mussten. Es rückten 120 Einsatzkräfte an. Jörn Fries (dpa) berichtete am folgenden Tag: »Nach dem Austritt erheblicher Mengen von Kohlendioxid bleibt das Kurzentrum von Horn – Bad-Meinberg in Nordrhein-Westfalen weiter geschlossen. Im historischen Kurpark werde die CO2-Konzentration kontinuierlich gemessen, hieß es seitens der Stadt im Kreis Lippe. Das Kurgastzentrum könne noch einige Tage nicht betreten werden. Veranstaltungen müssten ausfallen. Bei dem Zwischenfall mit natürlichem CO2 waren am Mittwoch laut Feuerwehr fünf Personen verletzt worden. Die Einsatzkräfte hatten zwei bewusstlose Menschen im Foyer vorgefunden: Eine Reinigungskraft war von ihrem Mann bewusstlos im Keller entdeckt und aus der Gefahrenzone gebracht worden. Der Ehemann war anschließend selbst bewusstlos geworden.« Soviel zur regionalen Berichterstattung. In den bundesrepublikanischen Medien fand dieser Vorfall keine Erwähnung. Dieser kleine, regional begrenzter und unspektakulärer Unfall zeigt doch, dass unterirdische Speicher nicht beherrschbar sind und das durch solche Unfälle lebensgefährliche Verletzungen nicht ausgeschlossen werden können.
In der Folgezeit habe ich versucht, nähere Informationen zu diesem Ereignis zu bekommen. Sowohl die regionalen Zeitungen als auch die regionalen Fernseh- und Radiosender konnten mir die gemessene CO2-Konzentration nicht mitteilen. Auch über die Ursache wurde nicht weiter berichtet. Selbst die Feuerwehr beantwortete meine Anfragen hinsichtlich der gemessenen Konzentration nicht. Allerdings wurde vier Wochen nach dem Vorfall im Regionalfernsehen (WDR) berichtet, dass der Kurpark wegen der hohen CO2-Konzentration immer noch in großen Teilen für die Öffentlichkeit gesperrt sei.
Es ist für die Feuerwehr natürlich nicht so einfach, Messdaten zu veröffentlichen. Die Daten verändern sich im Zeitablauf von Minuten zu Minuten. Trotzdem wäre es interessant gewesen, nähere Informationen zu erhalten.
Ein kurzer Rückblick in die Coronazeit
In der Corona-Krise wurden viele CO2-Messgeräte in den Klassenzimmern aufgestellt, um dann, nach einem bestimmten Wert, zu lüften. Pandemiebedingt wurden die Techniken »Stoßlüften« und »Fenster auf Kipp« in den Schulen kultiviert. Eines Tages wies das Messgerät in meinem Klassenraum eine Konzentration von über 900 ppm aus. Meine Schülerinnen und Schüler witzelten über diesen Wert und ein erwachsener Schüler schrie bedrückt, nein eher vergnügt: „Müssen wir nun alle sterben?“ Daraufhin ergab sich dann eine ausgelassene, und zugegeben, witzige Diskussion über den Klimawandel. Auf einmal stand der Klimawandel, die CO2-Konzentration und die Temperaturschwankungen auf der Tagesordnung. Nach kurzer Zeit wurde es dann doch wieder ernst und wir konnten feststellen, dass man bei einer CO2-Konzentration von über 900 ppm nicht sofort stirbt. Allerdings beeinträchtigen Schadstoffe, Aerosole und CO2 in der Raumluft die menschliche Konzentration und die Atemwegserkrankungen nehmen zu. Der arbeitsrechtliche Richtwert liegt zwischen 800 und 1.000 ppm. Bei solch einer Konzentration muss die Arbeit niedergelegt und der Raum verlassen werden. Bei der Überschreitung der Richtwerte des Arbeitsrechts kommt es zu Kopfschmerzen, Müdigkeit und langsamen Denken. Neben dem neutralen Kohlendioxid gibt es aber noch andere echte Luftverschmutzer wie Feinstauf, Ozon, Schwefel- und Stickstoffdioxid. Außerdem findet man in vielen Schulen auch noch Schimmel, und feuchte Wände sind oftmals normal. Solche offensichtlichen Verschmutzungen führen dann langfristig zu Asthma, Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen.
Wir hatten vor vielen Millionen Jahren schon einmal eine CO2-Konzentration von über 900 ppm. Da diese Konzentration bekanntermaßen immer flächendeckend wirkt, war diese Erde unwirklich, krank und ließ kaum Leben zu. Dies ist deshalb schwer zu verstehen, weil wir Mensch kurzfristig in Räumen leben und arbeiten können, die ebenfalls ein CO2-Gehalt von 900 ppm haben. Da CO2 ein ubiquitäres Gas ist und sich gleichmäßig auf der Erde verteilt, können wir aber vor einer weltweiten CO2-Konzentration von 900 ppm nicht flüchten. Wenn in einem geschlossenen Raum diese Konzentration herrscht, verlässt man einfach den Raum. Den Raum Erde kann die Menschheit aber nicht verlassen.
Was ist „normal“?
Nun wieder zurück in den Klassenraum. Heutzutage werden in geschlossenen Räumen Werte von 1.000 ppm gemessen. Davon sterben wir natürlich nicht sofort, der Raum muss aber verlassen werden. Bei dieser hohen Konzentration werden schon nach Stunden leichte Störungen der körperlichen und geistigen Funktionen eintreten. Eine weitere Steigerung um 400 ppm auf 1.400 ppm führt dazu, dass die kognitiven Fähigkeiten um die Hälfte sinken.
An dieser Stelle habe ich dann den Unterricht beendet. Die Stunde war ohnehin vorbei und das CO2-Messgerät stand wieder auf 900 ppm – es musste dringend wieder gelüftet werden. Um die Schülerinnen und Schüler optimistisch entlassen zu können, habe ich mir den folgenden Sachverhalt zur CO2-Konzentration verkniffen: »Ab 2000 ppm kommt es mittelfristig zu Demineralisierungen der Knochen, Nierenverkalkungen und Schädigungen von Blutgefäßen.«[1] Also führen zwei Promille CO2 flächendeckend in der Luft dazu, dass Körpergewebe zerfällt. Nicht auszudenken, wie sich diese Konzentration auf sämtliche Lebewesen und auf das gesamte Ökosystem auswirken wird. Dagegen scheinen Waldbrände, Dürren, Überschwemmungen und ähnliche Katastrophen harmlos zu sein. Darauf wollte ich in dieser, von Corona gebeutelten, Zeit nicht eingehen. Im Übrigen würde ich auch in normalen Unterrichtszeiten solche Horrormeldungen vermeiden, da sie nicht förderlich sind für die Motivation. Erwachsene hingegen müssen sich auch mit solchen Szenarien auseinandersetzen, um den Ernst der Lage zu begreifen. Hilfreich wäre dabei, wenn die Feuerwehr in Horn Bad-Meinberg offen die CO2-Daten kommunizieren würde.
[1] Fabian Scheidler, Der Stoff aus dem wir sind, München, 2021, S.132.

































































































