Kipppunkt Kryosphäre und AMOC

23. Mai 2026

»Da der Kapitalismus die Umwelt in ihrer Gesamtheit grundlegend umgestaltet, existiere Natur als solche nicht, sondern werde durch die kapitalistische Entwicklung produziert.« (Kohei Saito)

Das Erdsystem ist von Natur aus resilient, dass bedeutet, es verfügt über die Fähigkeit sich selbständig zu erholen. Diese Fähigkeit geht verloren, wenn diese Eignung überstrapaziert wird. Somit kommt es zu katastrophalen, irreversiblen Veränderungen. Beispielsweise ist das Schmelzen des Polareises solch ein »Tipping Point« (Kipppunkt). Sowohl die Kipppunkte als auch die Albedoänderungen[1] des Erdsystems lassen sich kaum exakt vorhersehen, verlässlich kontrollieren oder begrenzen. Kipppunkte stehen für einen Kontrollverlust der Menschheit, weil sie keiner linearen Entwicklung folgen. Deshalb sind sie unkalkulierbar und demzufolge auch nicht planbar. Der Verlust planetarischer Lebensgrundlagen wird alle Menschen, ob arm oder reich, gleichermaßen treffen. Die Wissenschaftler um Johan Rockström haben mit dem Konzept der »planetaren Grenzen« die Belastungsgrenzen des Planeten diagnostiziert und festgestellt, dass die Grenzen bei folgenden Zuständen bereits überschritten sind: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Süßwasserverbrauch, Landnutzungsänderungen, die Störung des Stickstoffkreislaufs und die Einbringung von Substanzen wie Atommüll, Pestizide und Mikroplastik in die Umwelt. Die planetaren Grenzen existieren unabhängig vom menschlichen Willen, sind aber menschengemacht.

Ich habe schon einige Blogs zur Atmosphäre und zur Biosphäre veröffentlicht. Heute beschäftige ich mich mit der dritten Sphäre, die Kryosphäre. Hiermit ist das Eis auf und auch unterhalb der Erdoberfläche gemeint, also Land- und Meereis. Deshalb sei hier beispielsweise der Permafrostboden erwähnt, der durch seine selbstverstärkenden Effekte einen gravierenden Kipppunkt darstellt. 21 Millionen Quadratkilometer der Landfläche auf der Nordhalbkugel gehören zum Permafrostboden. Demnach sind Sibirien, Alaska, Nordskandinavien und Nordkanada permanent gefroren. Hier sind gigantische Mengen von Pflanzenresten eingefroren. Diese abgestorbenen Pflanzen kommen mit der Luft in Berührung, wenn das Eis taut. Im Permafrost befinden sich Bakterien, Archaeen (sogenannte Urbakterien), Algen, Pilze, Viren sowie Protisten (Einzeller mit echtem Zellkern). Nebenbei bemerkt – Klimaforscher warnen schon seit längerer Zeit vor der Gefährlichkeit dieser Viren und Bakterien. Die Pflanzenreste werden von diesen Mikroben zersetzt. Somit entstehen Treibhausgase wie Kohlendioxid, Lachgas und Methan. Wenn der Permafrostboden komplett auftauen sollte, wäre das gesamte Leben auf der Erde sehr stark bedroht, weil im Permafrostboden knapp 1.600 Milliarden Tonnen Kohlenstoff stecken. Dies entspricht der doppelten Mengen der bereits in der Erdatmosphäre befindlichen Treibhausgase.

Da der Permafrostboden auch permanent auftaut, kommt es nun zu diesen selbstverstärkenden Effekten, die sich irgendwann nicht mehr stoppen lassen. Nachweislich taut der Permafrost auf, es gelangen zunehmend Treibhausgase in die Atmosphäre, mit der Konsequenz, dass die Temperaturen steigen.  Dies führt dann dazu, dass der Permafrostboden weiter schmilzt und so weiter und so fort. Ob sich dieser Teufelskreis noch stoppen lässt, ist eine offene Frage.

Der Golfstrom

Auch der überlebenswichtige Golfstrom[2] könnte sich als ein Kipppunkt erweisen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Golfstrom in absehbarer Zeit kollabieren wird. Er ist für unser Klimasystem von fundamentaler Bedeutung, weil er uns einen milden Winter und Afrika und Süd-Amerika den lebenswichtigen Regen bringt. Kippt der Golfstrom, dann würde Europa eiszeitliche Winter, mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius, erleben und die Sommer wären unerträglich heiß und wesentlich trockener.

Paradoxerweise wird in einem Meeresabschnitt südwestlich von Grönland eine leichte Abkühlung registriert, obwohl der Klimawandel doch zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen führen sollte. Die Abkühlung in diesem Meeresabschnitt hat trotzdem mit der Erderwärmung zu tun. Hier liegt kein Widerspruch vor, weil der Golfstrom, diese große Meeresströmung im Nordatlantik, sich abschwächt und weniger Wärme nach Norden transportiert. Die zunehmende Menge an Schmelzwasser aus Grönland verdünnt das salzige Meerwasser. Das Abtauen des Eisschildes von Grönland verstärkt sich immer schneller. Somit verlangsamt sich die Zirkulation des Wassers, das natürliche Gleichgewicht kommt aus dem Tritt und die Folgen könnten verheerend sein. Allein Grönland hat seit dem Jahr 2002 mehr als 5.600 Mrd. Tonnen Eis verloren. Hinzukommen die geschmolzenen Gletscher Kanadas, die ebenfalls als Süßwasser in den Nordatlantik fließen und den Golfstrom beeinflussen.

Dies hat massive Auswirkungen auf das Klima und die Ökosysteme. Das günstigste Szenario wäre ein sofortiger Stopp aller weltweiten Emissionen. Dann würden nur 110.000 Kubikkilometer Eis unwiederbringlich abtauen und der weltweite Meeresspiegel stiege um mindestens (nur) 27 Zentimeter an. Dies ist aber eine Utopie. Wir werden uns also auf weit mehr als 27 Zentimeter einstellen müssen. Einige Berechnungen gehen davon aus, dass es auch durchaus 7 Meter werden können. Dann wären Städte wie Hamburg, Emden, Bangkok, Basra, Jakarta aber auch New York nicht mehr zu retten. Die Kipppunkte machen sehr deutlich, dass der menschengemachte Klimawandel nicht zurückgedreht werden kann, er ist irreversibel. Die Chance, dass die Kipp-Elemente stabil bleiben, ist sehr gering, so der vierte Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPPC). Außerdem hat ein Forscherteam aus den USA im Fachjournal Geology im Januar 2026 einen Artikel veröffentlicht, der belegt das der Untergrund Grönlands nicht aus festem Felsen besteht, sondern aus einer Sediment-Schicht. Die Dicke dieser Schicht beträgt bis zu 200 Meter. Auf Sediment gleitet das Eis wesentlich leichter als auf Felsen. Es kann somit schneller ins Meer gelangen.


[1] Die Albedo ist eine Maßeinheit für das Rückstrahlvermögen von Objekten und Oberflächen auf der Erde. Je geringer die Zahl, umso mehr zur Erderwärmung beitragende Energie wird absorbiert. Die am stärksten reflektierenden Oberflächen sind Schnee und Eis, die bis zu 90 Prozent der von der Sonne einstrahlenden Energie in den Weltraum zurücklenken. Wenn Meereis schmilzt, tritt darunter die stärkere Energie absorbierende Wasseroberfläche zutage. Dunkles Wasser nimmt fast die gesamte Strahlungsmenge des Sonnenlichts auf und erhitzt sich.

[2] Der umgangssprachliche Ausdruck Golfstrom wird wissenschaftlich als Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC) bezeichnet. Diese riesige Warmwasserheizung verliert deutlich an Kraft. Laut eines wissenschaftlichen Fachartikel in der „Nature Geoscience“ vom 25.02.2021 ist die Strömung bereits schwächer, als sie in den letzten 1000 Jahren jemals war. Ein Zusammenbruch der Strömung wäre eine Bedrohung für die gesamte Menschheit.

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