AllgemeinPolitik und GesellschaftDas Virus und die Gelegenheiten

17. Dezember 2020

„Lasst uns die Ausbrüche, mit denen wir nicht fertigwerden, gar nicht erst entstehen lassen.“

(Rob Wallace)

 Am Mittwoch (09.12.2020) forderte ich einen „Totallockdown“ während Armin Laschet noch von Lockerungen für die Weihnachtszeit  sprach. Um sich vordergründig zu profilieren, änderte Herr Laschet zwei Tage später seine Meinung und er forderte einen strengen Lockdown. Seine Kultusministerin, die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte Yvonne Gebauer, blieb stur bei ihrer Meinung und verkündete: „Schulen sind keine Hotspots.“ Es stellen sich somit mindestens zwei Fragen: Woher weiß die Ministerin, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weniger ansteckend sind? Vielleicht hat sie auf ein diskussionswürdiges und nicht zielführendes Kinderarztgutachten gehört. Geschenkt, es ist nur Schade, dass sich viele Politikerinnen und Politiker so wenig mit dem Virus beschäftigen, sonst würden sie das Wort „Hotspot“ nicht so häufig verwenden. Diese Wortwahl erinnert an eine lokale und beherrschbare Epidemie. Wir haben es aber mit einer globalen Pandemie zu tun. Was sollen Hotspots überhaupt sein?

Hotspots

Selbst die Feuerwehrleute aus sehr kleinen Dörfern wissen, dass ein Brand sofort bekämpft werden muss. Es ist an dieser Stelle nicht zielführend, langwierige Diskussionen zu führen und abzuwarten. Diese schlichte Weisheit wurde nach den Sommerferien nicht beherzigt. Man sprach von einzelnen Corona-Hotspots, die man beobachten müsse. Die Verwendung des Begriffs „Hotspot“ hat die Ausbreitung der Viren falsch beschrieben und viele Menschen  dachten, dass nur diese Hotspots betroffen wären. Begriffe sind aber Wegweiser zum Baum der Erkenntnis und sie sollten sorgsam gewählt werden.

Viren sind ohnehin schwer zu begreifen und kaum fassbar. Sie sind mit optischen Mikroskopen nicht zu erkennen, sie lassen sich auch nicht, im Gegensatz zu Bakterien, in Nährlösungen kultivieren. Diese Halblebewesen sind einfach und gleichzeitig genial. Viren machen eine Evolution durch, weil sie durch natürliche Selektion geformt werden. Die meisten DNA-Viren haben eine relativ niedrige Mutationsrate und ihre Populationen sind meistens relativ klein. „Sie bemühen sich nicht, das Immunsystem zu besiegen, sonders sie verstecken sich vor ihm. Sie ruhen in bestimmten Zellen, vermehren sich – manchmal über viele Jahre hinweg – kaum oder überhaupt nicht.“[1] Das Corona-Virus ist aber kein DNA-Virus sondern ein RNA-Virus, dessen Mutationsrate wesentlich höher ist. Diese Rate kann unter Umständen tausendmal höher sein. RNA- Viren vermehren sich sehr schnell und produzieren in jedem Wirtsorganismus eine große Population von Virionen. Das heißt in der Konsequenz – RNA-Viren mutieren wie wild, oder in der Sprache der Feuerwehrleute, es ist eben kein einfaches, regionales Feuer (Hotspot), es ist ein kaum zu beherrschender Flächenbrand. Und dieser Flächenbrand verbreitet sich meistens durch die Luft. Das Corona-Virus kann innerhalb weniger Tage die Welt umrunden[2] und diese Viren gehören zu den heimtückischen Zoonosen. Da sie genetisch sehr variabel sind, können sie mehrere Arten von Wirten infizieren.

Coronaviren fristen unter normalen Bedingungen ein unauffälliges Dasein in der freien Wildbahn. Zug um Zug rückt aber der Mensch immer näher und die Entwaldung, die die zweitgrößte CO2-Emissionsquelle darstellt, nimmt zu. Wegen der Zerstörung ihrer Habitate suchen sich beispielsweise Fledertiere  Nischen in Städten und anderen Kulturlandschaften. Fledertiere dienen dem Corona-Virus als Reservoir- oder Zwischenwirt. Virale Zoonosen können nur verhindert werden, wenn die Barrieren zwischen natürlichen Reservoirs und der menschlichen Gesellschaft nicht eingerissen werden, sie müssen aufrechterhalten bleiben. Insofern ist COVID-19 zwar ein Ausdruck der ökologischen Krise, aber keine menschengemachte Naturkatastrophe[3], denn das Virus sucht ausschließlich Gelegenheiten.

Gelegenheiten

 Zoonotische Übertragung bedeutet, dass Viren von Tieren auf Menschen überspringen. Da RNA- Viren sehr anpassungsfähig sind, ergreift dieser Virentyp die Gelegenheit, im Menschen Fuß zu fassen. Dies geschieht zufällig. Viren können die Menschen nicht mit Absicht angreifen. Sie ergreifen lediglich die Gelegenheit, von einem Wirt zum anderen zu springen. Das hat nichts mit Bösartigkeit zu tun, es ist schlicht und ergreifend die Evolution. Viren haben keine gezielten Strategien, sie ergreifen einfach die Gelegenheiten. Und diese Gelegenheiten gibt es überall, wo sich Menschen näherkommen. Man kann weder die Schule und die private Feier noch den Gottesdienst und die Geschäfte ausschließen. Deshalb ist es schon sehr abenteuerlich zu behaupten, Schulen (oder was auch immer) wären keine Hotspots. Wenn ich den Begriff „Hotspot“ höre, verbinde ich damit gesellschaftliche Gruppierungen, die uns den Vireneintrag bescheren – aber es gibt in diesem Zusammenhang keine Hotspots, sondern nur Menschen, die mehr oder weniger Spreader oder Superspreader sind und dem Virus eine Fülle von Gelegenheiten bieten. Das Alter der Menschen spielt bei der Übertragung  keine Rolle. Deswegen finde ich es ärgerlich, wenn Politikerinnen und Politiker von Vulnerabilität sprechen und damit ältere Menschen meinen. Somit wird, beabsichtigt oder nicht, suggeriert, dass die Vulnerabilität nicht auch auf junge Menschen zutrifft. Vulnerabilität ist derjenige Grad, bei dem ein von einem externen Stressor, in diesem Fall das Corona-Virus, affiziertes System anfällig wird für Schäden. Der Begriff stammt von lateinischen Wort vulnerabilis und er wurde von den Römern verwendet, um den gesundheitlichen Zustand eines Soldaten zu beschreiben, der verwundet auf dem Schlachtfeld liegt. Es ist indes abenteuerlich, die Vulnerabilität ausschließlich auf das Alter zu beziehen. Ach ja, ich vergaß – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erfreuen sich in Deutschland bester Gesundheit, sie sind nicht ansteckend und Krankheitsbilder wie Asthma, Allergien, Bluthochdruck und Fettleibigkeit gibt es in dieser Personengruppe nicht.

[1] . David Quammen, Spillover, München, 2020, S. 313

[2] Es fällt sehr schwer, an dieser Stelle nicht sarkastisch zu sein. Man möchte den Kultusministerinnen und Kultusminister zurufen – Ja, das Virus kann über die Luft in kürzester Zeit die Welt umrunden, aber es kann nicht von einem Klassenraum zum nächsten Klassenraum gelangen, denn in der Schule gibt es keine Superspreader. Lehrer und Schüler niesen und husten grundsätzlich nicht, dass haben schließlich Kinderärzte herausgefunden. Aber nun ernsthaft – nach den Sommerferien haben Lehrerinnen und Lehrer zielführende Konzepte erarbeitet. Wie das Kultusministerium mit guten Konzepten umgeht, hat ein Schulleiter aus Solingen schmerzlich erfahren müssen.

[3] Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen, sie kann auch falsch sein, denn Theorien bedürfen immer einer Überprüfung. An dieser Stelle lohnt es sich, Max Horkheimer (Frankfurter Schule) zu lesen um die horkheimersche „Revolte der Natur“ mit Covid-19 zu verbinden. Sein Weggefährte, Theodor Adorno meinte, dass „die Menschheit ihrer eigenen Naturwüchsigkeit inne wird und der Herrschaft Einhalt gebietet, die sie über die Natur ausübt“, denn eins ist klar – Zoonosen lassen sich nicht ausrotten. Sie erinnern uns daran, dass wir “Menschen ein untrennbarer Teil der Natur” (der heilige Franziskus) sind. Das Oberhaupt der weltgrößten Institution, der Papst, geht sogar noch einen Schritt weiter. “In seiner Enzyklika “Fratelli Tutti” wünscht Papst Franziskus tatsächlich den Kapitalismus zur Hölle und geißelt die Ideologie des Immer-Mehr” (Sebastian Blottner).