AllgemeinUmweltDie Begrenztheit individueller Verhaltensänderungen

26. September 2022

„Die Gesetze jeder Art von Bewegung werden ihm (dem Menschen, Anmerkung U.K.)  erst dann verständlich, wenn er willkürlich einzelne Abschnitte herausgreift und betrachtet. Doch aus dieser willkürlichen Unterteilung der endlosen Bewegung in begrenzte Einheiten ergibt sich ein Großteil der menschlichen Irrtümer.“ (Lew Tolstoi, Krieg und Frieden)

Überwälzungsstrategien

Die beiden US-amerikanischen Soziologen, Andrew Jorgenson und James Rice, haben empirisch herausgefunden, dass die Länder des globalen Nordens einen großen ökologischen Fußabdruck aufweisen, weil der Flächenverbrauch und der Konsum hoch sind. Erstaunlicherweise ist aber die Umweltbelastung niedrig. In den Ländern des globalen Südens stellt es sich genau umgekehrt dar. Hier ist das Konsumniveau niedrig und die Umweltverschmutzung hoch. Dieses „Fußabdruck/Umweltzerstörungs-Paradoxon“ erklären Jorgenson und Rice damit, „dass die reichen Industriegesellschaften in der Lage sind, die Voraussetzungen und Folgen ihres überbordenden Konsums systematisch in andere Weltregionen, nämlich an die Gesellschaften der ärmeren, Rohstoff exportierenden Länder, auszulagern.“[1] Wir leben im globalen Norden in Externalitätsgesellschaften und überwälzen die ökologischen Probleme auf die Gesellschaften des globalen Südens.

Diese Überwälzungsstrategie haben die Unternehmen auch im binnenwirtschaftlichen Bereich für sich entdeckt. Der individuelle CO2-Fußabdruck wurde von der Firma BP vor zwanzig Jahren beworben, um dem Verbraucher einzureden, er müsse diesen Fußabdruck für sich reduzieren. Dies blieb nicht ohne Konsequenzen. Es wurde somit suggeriert, dass das Problem nicht beim Produzenten, sondern bei den Konsumenten liegt. Welch ein perfider Marketingtrick. Seit dieser Zeit nutzen die großen multinationalen Konzerne inflationär die Begriffe Nachhaltigkeit und Effizienz. Der globale Norden wurde immer nachhaltiger und effizienter. Es wurden Energiesparlampen und energiesparende Elektronik gekauft, trotzdem stieg der Energie- und Materialverbrauch jedes Jahr an.

Effizienz und Rebound-Effekt

Es ist der Wissenschaft schon seit vielen Jahren bekannt, dass der Klimawandel mit mehr Effizienz nicht aufzuhalten ist. Jeder Unternehmer weiß seit der industriellen Revolution vor knapp 200 Jahren, dass er am Markt nur überleben kann, wenn er permanent seine Effizienz steigert. Die Erhöhung der Effizienz hat aber zu keiner Zeit zu einer Verbesserung des Klimaschutzes bzw. zu Energieeinsparungen geführt. Im Gegenteil, sehr häufig ist der Rebound – Effekt eingetreten. Auch wenn eine, positiv gemeinte, Effizienzsteigerung den Energie- und Ressourcenverbrauch gesenkt hat, wurde dieser Vorteil sofort wieder „aufgefressen“, da die Marktlogik vom Gesetz der Massenproduktion dominiert wird. Diese Logik fordert vom Unternehmer, dass er seine Effizienzvorteile sofort wieder nutzt, um noch mehr Waren herzustellen und zu verkaufen. Effizienzsteigerungen haben noch nie dazu geführt, dass weniger produziert und verkauft wurde. Im Gegenteil. Effizienzsteigerungen gehen einher mit dem Wirtschaftswachstum, und das wiederum erhöht den Naturverbrauch.

Die klimaschädliche Autoindustrie

In der Automobilindustrie werden Effizienzsteigerungen leider nicht dazu genutzt, um verbrauchsärmere Autos zu produzieren, sondern bei fast gleichem Verbrauch schnellere und schwerere PKWs herzustellen. Einerseits ist die Automobilindustrie in der Lage den Kraftstoffverbrauch zu verringern, andererseits werden diese Vorteile sofort wieder „kaputtgemacht“, weil die Autos mit verbrauchserhöhenden Hilfs- und Komforteinrichtungen (z.B. Klimaanlagen) ausgestattet werden. Auch muss berücksichtigt werden, dass ein Teil der durch technische Effizienzverbesserungen erreichten Einsparungen durch einen steigenden Verkehrsaufwand wieder geschmälert wird.

Ein zweiter Aspekt des Rebound-Effektes ist die Produktion selbst. Wenn effizientere Autos auf den Markt kommen und die älteren Modelle verdrängen, muss mitberücksichtigt werden, dass, bedingt durch die Produktion des neueren, effizienteren Modells, Ressourcen und Energie verbraucht werden. Deshalb ist es, unter ökologischen und klimatechnischen Aspekten, häufig günstiger ein altes Auto nicht zu verschrotten, sondern sehr lange damit zu fahren. Schließlich wird die meiste Energie nicht beim Fahren des Autos verbraucht, sondern in der Produktion des Autos. Nach Aussagen des Branchenverbandes ACEA sind es durchschnittlich 40,5 Megawattstunden pro Fahrzeug. Energie und CO2 wird gespart, wenn nicht produziert werden. Moment mal, dies kostet doch richtig viele Arbeitsplätze. Nicht unbedingt. Die Arbeitsplätze werden nur umgelagert, vom Individualverkehr zum, ökologisch sinnvollen, Gemeinschaftsverkehr. Viele Arbeitsplätze könnten beispielsweise bei der Deutschen Bahn entstehen. Außerdem denkt die Wissenschaft schon seit längerem über neue Gesellschafts- und Arbeitsmodelle nach; schließlich ist Wirtschaft kein Naturgesetz, sondern eine Versorgungspraxis, die von Menschen gestaltet wird. TINA („There is no alternative“, Margaret Thatcher ) hat ausgedient, es gibt immer Alternativen zu unserer Wirtschaftsweise.

Außerdem läuft keine Produktion umweltneutral ab. Effizientere Fahrzeuge werden dieses nicht kompensieren können. Unter ökologischen Gesichtspunkten bringt die neue Technologie selten Fortschritte. Betriebswirtschaftlich ist eine Reduzierung von 180 gr. / km CO2 auf beispielsweise 140 gr. / km sicherlich ein Erfolg und führt zu einer erhöhten Nachfrage dieses Autos. Dieser ökologische Erfolg muss aber nicht zwangsläufig für die gesamte Volkswirtschaft gelten. Wenn nun ein Autokonzern, bedingt durch die erhöhte Nachfrage, seinen Umsatz verdoppelt und dann zwei statt einem Auto produziert und verkauft, hat sich natürlich die volkswirtschaftliche CO– Emission dieser beiden PKWs auf 280 gr./km erhöht. Der Rebound- Effekt wirkt volkswirtschaftlich dann wie ein Bumerang.

Fazit

Volkswirtschaftliche Fehlentwicklungen werden selten durch persönliche Faktoren und individuelle Verhaltensweisen hervorgerufen. Politiker, Wissenschaftler und Ökonomen, die den Eindruck erwecken, dass durch individuelle Verhaltensweisen der Klimawandel aufgehalten oder bekämpft werden kann, handeln unverantwortlich. »Menschliche Überlebensgemeinschaften basieren nicht auf Individualismus und Konkurrenz, sondern auf Kooperation.«[2] Natürlich ist es sinnvoll, den Müll zu trennen, Fahrgemeinschaften zu bilden und den Geschirrspüler erst anzustellen, wenn er voll ist. Diese Verhaltensweisen werden aber nicht reichen. Da das ökonomische Prinzip unserer Wirtschaftsform auf Wachstum und Ressourcenverbrauch basiert, ist der Staat bzw. die Staatengemeinschaft gefordert, gesetzgeberisch tätig zu werden. Freiwillige, individuelle Verhaltensänderungen werden kaum etwas bewirken.

Mittlerweile wird fast jedes Produkt als nachhaltig bezeichnet. Plastikverpackungen, die angeblich aus recyceltem Material bestehen, werden als energieeffizient und nachhaltig beworben. Werden wir die Welt retten, wenn wir derartige Plastikverpackungen erwerben? Wohl kaum. Leider ist es nun so, dass viele Politikerinnen und Politiker ähnlich denken, wie die wachstumsorientierten Unternehmen mit den großen Marketingabteilungen. Selbst ein grüner Wirtschaftsminister fordert zum Energiesparen auf. Man solle doch kürzer duschen und weniger Plastikverpackungen kaufen. Wir sollen freiwillig verzichten. Welch ein Trugschluss, wer verzichtet schon freiwillig. Volksvertreter werden gewählt, um das Volk zu vertreten. Wenn wir zu viel Plastikmüll produzieren, muss diese Produktion gestoppt werden. Und dafür werden entsprechende Gesetze benötigt, die die plastikverarbeitende Industrie entsprechend einschränkt. Und das ist die genuine Aufgabe eines gewählten (grünen) Politikers.

[1] Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut, München, 2020, S. 96

[2] Harald Welzer, Selbstdenken, Frankfurt am Main, 2013, S. 176