Warum Grönland geschützt werden muss
Gegenwärtig haben wir es mit multiplen Krisen zu tun. Die geopolitische Sicherheit ist bedroht, der Kampf um die verbleibenden Rohstoffe nimmt zu, die Wirtschaft wankt und die Umwelt wird zunehmend zerstört. Jetzt hat auch noch der Ukraine-Krieg offenbart, dass der Kampf um die restlichen Rohstoffe begonnen hat und die USA unter der Führung von Präsident Donald Trump die ukrainischen Rohstoffe beansprucht. Auch im Iran geht es ausschließlich um geopolitische Interessen und der Kampf um Demokratie, Menschen- und Frauenrechte ist absolut nebensächlich. Ob nun die Ukraine, Venezuela oder bald auch Kolumbien, Kuba und Grönland – die Kriege und Landnahmen finden vermehrt statt, weil der Kapitalismus rohstoffhungrig ist. Ohne diese Rohstoffe bricht das System der ständig wachsenden Wirtschaft auseinander. Diese Mehrfachkrisen bedrohen unweigerlich das Völkerrecht und auch das gesellschaftliche und ökonomische Modell Deutschlands, dass ebenfalls die permanente Kapitalakkumulation benötigt.
Vor allem im Norden Alaskas erzielen die multinationalen Ölkonzerne hervorragende Gewinne. Auch wenn sich gegenwärtig die Situation in Grönland beruhigt hat, möchte sich Präsident Trump zukünftig die Ölvorkommen und die weiteren Rohstoffe in Grönland einverleiben. Die tauenden Eismassen in Grönland kommen der zukünftigen Rohstoffförderung sehr entgegen. Dies ist unter dem Gesichtspunkt des fortschreitenden Klimawandels eine echte Katastrophe. Statt das drohende Inferno aufzuhalten, bringen sich die großen Mächte in Stellung, um sich Zugang zu den Ressourcen und zu den neu entstehenden Schifffahrtsrouten zu sichern. Es steht zu befürchten, dass das Gezerre um Grönland erst der Anfang sein wird.
Grönland ist die größte Insel der Welt, die weitgehend autonom ist. Sie gehörte bis zum Jahr 1953 als Kolonie zu Dänemark. Die Außen – und Verteidigungspolitik wird weiterhin von Dänemark beeinflusst und dominiert. Grönland ist durch die Anbindung Dänemarks auch Teil der Nato. Neben der geostrategischen und ökonomischen Tragweite darf die einmalige ökologische Bedeutung im Diskurs nicht vernachlässigt werden.
Die Bedeutung Grönlands für das Ökosystem der Erde
Alfred Wegener (1880-1930) war ein kluger Wissenschaftler, weil er die Kontinentalverschiebung entdeckte und als einer der Pioniere der Klimaforschung galt. Wegener war mit seinem Expeditionsteam mehrfach in Grönland, um unter anderem auch die Eismassen zu erforschen. Wegener schätzte, »dass Grönland eine Eismasse von mindestens drei Millionen Kubikkilometern enthält. Dies entspricht, wie Kurt Wölcken (1904-1992), einer der an der Expedition beteiligten Geophysiker 1932 anmerkte, ungefähr der Masse des gesamten europäischen Festlandes mit allen Hoch- und Mittelgebirgen.«[1] Eintausend Milliarden Tonnen Eis ist bis jetzt, so die Erkenntnisse dänischer Forscher, geschmolzen. In der Denkweise von Donald Trump wäre es ökonomisch vorteilhaft, wenn Teile des Eises möglichst schnell wegschmelzen würden, um einen kosteneffizienten Abbau der Rohstoffe zu gewährleisten. Man stelle sich diesen ökologischen Wahnsinn bezüglich des Klimawandels vor. »Grönland enthält vierzigmal so viel Wasser wie Nord- und Ostsee zusammengenommen: würde das hier aufgespeicherte Eis schmelzen, so stiege das Weltmeer um nicht weniger als acht Meter, und weite tief liegende Gebiete in allen Erdteilen würden unter Wasser gesetzt werden.«[2] Die Eisschicht ist bis zu 3.300 Meter hoch. Wenn nun dieser Eispanzer weiter schmilzt, wandert seine Oberfläche nach unten in immer wärmere Schichten. Dieses Schmelzen lässt sich dann nicht mehr aufhalten, es ist irreversibel. Das Trügerische dabei ist, dass der Schmelzprozess am Anfang langsam verläuft und mit zunehmendem Eisverlust immer schneller voranschreitet. Wenn die Marke von Null Grad Celsius überschritten wird, schmilzt das Eis. Dies können Menschen, so sehr sie sich bemühen, weder festsetzen noch verändern, denn die Naturgesetze setzen uns klare Grenzen. Die Autoren des „Global Tipping Points Report“[3] gehen davon aus, dass dieser Kipppunkt in Grönland bei einer globalen Erwärmung von circa 1,5 Grad Celsius erreicht wird. Somit wird sich das Kippen in nächster Zukunft ereignen.
Aber nicht nur Grönland ist bedroht, auch der Permafrostboden in Sibirien, Alaska und Nordkanada taut auf und das fragile Ökosystem kippt zunehmend. In Sibirien wurde im Juni 2020 eine Außentemperatur von 38 Grad Celsius gemessen, wahrscheinlich die höchste in der Geschichte des Nordpolarkreises. Wenn der Permafrostboden eine Temperatur von minus 1,5 Grad Celsius hält, ist er gefroren. Steigt nun die Temperatur um nur 2 Grad, beträgt die Bodentemperatur 0,5 Grad und der Boden taut auf. Fachleute gehen davon aus, dass nur der schmelzende Eisboden in Alaska zwischen 22 Milliarden und 432 Milliarden Tonnen Treibhausgase freisetzen wird, wobei Sibirien und Nordkanada nicht mitberücksichtigt sind. Um eine Vorstellung für die Größenordnung zu bekommen, lassen sich die genannten Zahlen in Relation zum weltweiten CO2-Ausstoss setzen. Im Jahr 2021 emittierten alle Länder der Erde 37 Milliarden Tonnen CO2 und im Jahr 2024 waren es bereits knapp 40 Milliarden Tonnen.
Klima ist nicht gleich Wetter
Bei den Begriffen Klima und Wetter wird häufig nicht trennscharf unterschieden.
Leider wird in der Klimadebatte die wichtige CO2-Konzentration[4] zu wenig beachtet und die Fokussierung findet bei Temperatursteigerungen und Wetterveränderungen statt. Klima ist aber nicht gleich Wetter. Wetter hat es in irgendeiner Form schon immer gegeben. Es lässt sich auch, im Gegensatz zur CO2-Konzentration, kaum beeinflussen. »Klima und Wetter sind beide Kinder unserer Atmosphäre, jedoch ungleiche Kinder.« (Christian-Dietrich Schönwiese)
Entsprechend wird in der Berichterstattung in Europa das abschmelzende Grönlandeis mit den Wetterveränderungen in Verbindung gebracht. Dies ist zunächst auch nicht falsch gedacht, denn das abschmelzende Grönlandeis beschert Europa wärmere Temperaturen, die aus den großen Mengen des Süßwassers resultieren. Somit beeinflusst das arktische Schmelzwasser die Stärke des Jetstream in Europa. Das Wetter wird maßgeblich durch dieses Starkwindfeld geprägt. Im Winter kühlt die Meeresoberfläche stärker ab als gewöhnlich, weil das zunehmende Süßwasser keine, oder nur eine sehr geringe, Verbindung mit dem wärmeren und salzhaltigerem Wasser aufnehmen kann. Durch diesen Temperaturunterschied im Wasser werden die Winde angetrieben und die Temperaturen verlagern sich.
Zweifelsohne besteht ein Zusammenhang zwischen der Gletscherschmelze und den Wetterveränderungen auf der Erde. Entscheidender ist aber die Kausalität zwischen der Gletscherschmelze und dem Klimawandel. Durch eine mit CO2 aufgeladene Atmosphäre wird das Rückstrahlvermögen der Gletscher und des Eises vermindert, es wird wärmer und somit schmelzen die Gletscher in einem immer schneller werdenden Prozess. Die basale Ursache für die Wetterveränderungen ist nicht die Gletscherschmelze, sondern vielmehr die hohe und steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die durch wirtschaftliche Aktivitäten erhöht wird. Die Erderwärmung ist dann die Folge der Gletscherschmelze. Der Klimawandel wird somit durch den CO2-Eintrag in der Atmosphäre verursacht, der durch die kapitalistische Produktionsweise entsteht. In der Klimadebatte sind lange Zeiträume und die vollständige Atmosphäre zu betrachten, weil sie »die gemeinsame Mutter von Wetter und Klima« (Christian-Dietrich Schönwiese) ist. Für die Gebirgsgletscher wird ein totaler Kollaps ab dem Erreichen eines globalen Temperaturanstiegs von 1,5 bis 3 Grad Celsius erwartet. Wie das Fachblatt Nature in einer Studie herausgefunden hat, kollabieren die Gletscher auf Grönland und der Antarktis bereits bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert.
Das Wetter wird fast ausschließlich von der Atmosphäre bestimmt. Beim Klima müssen die Gesamtvorgänge »im Verbundsystem Atmosphäre-Hydrosphäre-Landoberfläche-Vegetation-Kryosphäre, dem sogenannten Klimasystem«[5] betrachtet werden. Hier bestehen interne Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Biosphäre, Kryosphäre und auch Pedosphäre (Boden), Lithosphäre (Gesteine) und Hydrosphäre (Salzwasser des Ozeans, Süßwasser der Kontinente).
Da der Permafrostboden auch permanent auftaut, kommt es nun zu diesen selbstverstärkenden Effekten, die sich irgendwann nicht mehr stoppen lassen. Nachweislich taut der Permafrost auf, es gelangen zunehmend Treibhausgase in die Atmosphäre, mit der Konsequenz, dass die Temperaturen steigen. Dies führt dann dazu, dass der Permafrostboden weiter schmilzt und so weiter und so fort. Ob sich dieser Teufelskreis noch stoppen lässt, ist eine offene Frage.
Auch der Golfstrom[6] könnte sich als ein Kipppunkt erweisen. Paradoxerweise wird in einem Meeresabschnitt südwestlich von Grönland eine leichte Abkühlung registriert, obwohl der Klimawandel doch zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperaturen führen sollte. Die Abkühlung in diesem Meeresabschnitt hat trotzdem mit der Erderwärmung zu tun. Hier liegt kein Widerspruch vor, weil der Golfstrom, diese große Meeresströmung im Nordatlantik, sich abschwächt und weniger Wärme nach Norden transportiert. Die zunehmende Menge an Schmelzwasser aus Grönland verdünnt das salzige Meerwasser. Das Abtauen des Eisschildes von Grönland verstärkt sich immer schneller. Somit verlangsamt sich die Zirkulation des Wassers, das natürliche Gleichgewicht kommt aus dem Tritt und die Folgen könnten verheerend sein. Neben Grönland beeinflussen die geschmolzenen Gletscher Kanadas den Golfstrom, weil sie ebenfalls Süßwasser in den Nordatlantik transportieren.
Dies hat massive Auswirkungen auf den Golfstrom, das Klima und die Ökosysteme. Das günstigste, aber vollkommen unrealistische, Szenario wäre ein sofortiger Stopp aller weltweiten Emissionen. Dann würden nur 110.000 Kubikkilometer Eis unwiederbringlich abtauen und der weltweite Meeresspiegel stiege um mindestens (nur) 27 Zentimeter an. Dies ist aber eine Utopie. Wir werden uns also auf weit mehr als 27 Zentimeter einstellen müssen. Einige Berechnungen gehen davon aus, dass es auch durchaus 7 Meter werden können. Dann wären Städte wie Hamburg, Emden, Bangkok, Basra, Jakarta aber auch New York nicht mehr zu retten. Die Kipppunkte machen sehr deutlich, dass der menschengemachte Klimawandel nicht zurückgedreht werden kann, er ist irreversibel. Die Chance, dass die Kipp-Elemente stabil bleiben, ist sehr gering, so der vierte Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPPC).
Der fossile Kapitalismus
Wir haben weltweit unsere Wirtschaftssysteme auf die fossilen Brennstoffe aufgebaut und der Kapitalismus benötigt die permanente Naturausbeute. Wenn das Rohöl in der Erde bleibt, so Trump, werden Vermögenswerte in Höhe von mehreren Billionen Dollar „vernichtet“. Dies bezeichnete er als ökonomischen Wahnsinn. Die ökonomische Logik besagt, dass »Brennstoffe, die nicht verbrannt werden können, nicht viel wert sind.« (Alex Steffen) Donald Trump lässt sich von den europäischen Partnern und vermutlich auch nicht von der Nato davon abbringen, Grönland zu beanspruchen, um die Ressourcen auszubeuten. Auf Grönland bezogen sagte Trump: »Wir sprechen über Erwerb, nicht über eine Pacht.«
Deshalb sitzen wir nun doppelt in der Zwickmühle. Die politischen Vertreter, beispielsweise Donald Trump in Amerika und Friedrich Merz in Deutschland, geben die Devise aus, Wirtschaft first, und Klimawandel, wenn überhaupt, second. So auch der BP-Chef in Deutschland: Erst muss man Geld verdienen und die Wirtschaft ankurbeln, danach könne man immer noch etwas für den Klimaschutz tun. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass gerade unsere Art zu wirtschaften den Klimawandel anheizt. Die aktuelle Politik vermittelt den Eindruck, dass sich der Klimaschutz bestenfalls als Wirtschaftsprojekt eignet, in den man unbedingt investieren solle. Es ist sehr schwer zu vermitteln, dass der Naturreichtum nicht mehr in unserem gewohnten Maße angetastet werden darf. Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass ökologische Bedenken hinsichtlich der Naturausbeute und die klimapolitische Bedeutung Grönlands in der Debatte kaum vorkommen. Im Mittelpunkt stehen die ökonomischen Interessen und die geopolitische Bedeutung.
Für die Erdölvorkommen und der entsprechenden Erdölförderung kommen im Wesentlichen die Regeln des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank, der Welthandelsorganisation (WTO) und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) auf den Weltmärkten zur Anwendung. Verkürzt dargestellt besagen sie, »dass jede sich irgendwo auf dieser Welt befindende Ressource demjenigen zum Kauf freistehen muss, der das meiste für sie bietet. Mit anderen Worten: Wer immer das Geld hat, um diese Ressource zu kaufen, hat auch einen Rechtsanspruch auf sie. Nach diesen Regeln gehört das Öl Venezuelas ganz genauso den Vereinigten Staaten, als ob es unter dem Boden von Texas oder Missouri läge.« (Richard Heinberg). Wenn zukünftige Krisen, Kriege und vor allem der Klimawandel geheilt werden sollen, müssen auch Degrowth und Suffizienz hinsichtlich der Naturausbeute zentrale Bestandteile der politischen Willensbildung werden.
[1] Michael Schmidt-Salomon, Die Evolution des Denkens, München, 2024, S. 109.
[2] Else Wegener/Fritz Loewe (Hg.): Alfred Wegeners letzte Grönlandfahrt. Die Erlebnisse der deutschen Grönlandexpedition 1930/1931, Leipzig 1932 (Kindle Version), S. 389.
[3] An diesem Bericht waren 160 Wissenschaftler aus 23 Länder beteiligt. Deutschland wurde vom „Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung“ vertreten.
[4] Die CO2-Konzentration beträgt über 420 ppm (parts per million) und sie steigt kontinuierlich an.
[5] Christian-Dietrich Schönwiese, Klima im Wandel, Stuttgart, 1992, S.21.
[6] Der umgangssprachliche Ausdruck Golfstrom wird wissenschaftlich als Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC) bezeichnet. Diese riesige Warmwasserheizung verliert deutlich an Kraft. Laut eines wissenschaftlichen Fachartikel in der „Nature Geoscience“ vom 25.02.2021 ist die Strömung bereits schwächer, als sie in den letzten 1000 Jahren jemals war.































































































