AllgemeinBodenGetreidespekulationen? Nein, Danke!

18. August 2022

Wie schön und einfach es doch ist – Putin ist der Bösewicht und wir gehören zu den Guten. Dies belegen folgende Zitate: „Die Gefahr einer weltweiten Hungerkrise liegt in Russlands Verantwortung, verschuldet durch Putins Krieg.“ (Olaf Scholz, Bundeskanzler) Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen meinte: „Lebensmittel sind nun zu einem Teil des Terrorarsenals des Kremls geworden.“ Solche und ähnliche Narrative lassen sich endlos fortsetzen. Treffen solche Erzählungen eigentlich den Kern des Problems oder sind strukturelle und systemische Ursachen schuld an der drohenden Ernährungskrise?

Monopole

Durch die Zunahme der Großkonzerne entstehen landwirtschaftliche Betriebe, die der industriellen Produktionsweise ähneln. Folglich stehen die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Grund und Bodens und die artgerechte Tierhaltung nicht mehr im Vordergrund, sondern ausschließlich die Gewinnmaximierung, die durch gentechnisch manipulierte Pflanzen und einer intensiven Landwirtschaft sichergestellt wird. Durch Konzentration und Monopolisierung wird der Markt von einigen wenigen kontrolliert. Der globale Getreidehandel wird durch die Konzerne Cargill, Louis Dreyfus, Bunge und Archer Daniels Midland dominiert. Nicht selten beteiligen sich diese „Versorgungskonzerne“ auch an spekulativen Geschäften und es ist vollkommen undurchsichtig, wieviel Getreide die genannten Konzerne in ihren Lagern horten. „Auch das hat Einfluss auf die Preise. Laut dem Bericht „Profiting from Pain“ von Oxfam sind die Gewinne der Agrarhändler in den letzten Jahren extrem gestiegen. Cargill fuhr 2021 mit fünf Milliarden Dollar den größten Nettogewinn der Firmengeschichte ein.“[1] Somit regulieren eine Handvoll Agrarkonzerne den Weizenmarkt. Diese Herrschaft ist aber nicht nur eine Herrschaft über die Basisernährung, sondern auch über die Grundlagen des Lebens. Umso zweifelhafter erscheint es, dass Spekulationen mit Nahrungsmitteln nicht gesellschaftlich geächtet und kaum staatlich reglementiert werden. Das Brot für die Welt wird über die Börsen von Kapitalanlegern gehandelt, die profitorientiert ausgerichtet sind und überhaupt keine Verbindung zur Brotherstellung oder zu hungernden Menschen haben. Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges empfahlen viele Banken ihren Anlegern, nach der Recherche „The Hunger Profiteers“ der Organisation Lighthouse Reports, ihre spekulativen Wetten auf steigende Lebensmittelpreise auszurichten. Die Konsequenz – kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges flossen 4,5 Milliarden US-Dollar in derartige Fonds. Somit bescherten die steigenden Lebensmittelpreise einigen Spekulanten großartige Gewinne.

Neben der Inflationsproblematik dürfen die klimabedingten Störungen, die die Landwirtschaft bedrohen, nicht vergessen werden. Außerdem trägt die industriell ausgerichtete Landwirtschaft zur drohenden Klimakatastrohe erheblich bei. Die Landwirtschaft ist also Opfer und Täter. Anstatt den anthropogenen Klimawandel die Schuld für die Misere in der Landwirtschaft zu geben, wird immer wieder Putin medial als Verursacher des Weizenmangels genannt. Kurz vor Ausbruch des Ukraine-Krieges schrieb der „Economist“: „China, der weltweit größte Weizenproduzent, hat angekündigt, die diesjährige Ernte könnte die schlechteste aller Zeiten werden, weil im vergangenen Jahr starke Regenfälle die Aussaat verzögerten. Und während Indien, der zweitgrößte Produzent, unter extremer Hitze leidet, droht in anderen `Brotkörben` der Welt, von Amerikas Weizengürtel bis in die französische Beauce, Regenmangel die Erträge zu beeinträchtigen. Das Horn von Afrika schließlich wird von der schlimmsten Dürre seit vierzig Jahren heimgesucht.“[2] Die Vorhersagen des “Economist” im Februar 2022 sind so eingetreten und sie haben sich noch zusätzlich durch Brandkatastrophen verschärft. Putin wurde in diesem Artikel nicht als Verursacher genannt. Um die tatsächlichen Verursacher zu benennen, lohnt sich an dieser Stelle ein Blick in die Geschichte.

Cash Crops

 In den 1980er und 1990er Jahren kam es zu der neoliberalen Wende.[3] Die außenwirtschaftlichen Lehren von David Ricardo (1772-1823) erlebten eine Renaissance und im Rahmen der Globalisierung wurden die komparativen Kostenvorteile immer weiter ausgenutzt.[4]

Viele Länder des Südens waren unverschuldet verschuldet. Für die Entwicklungs- und Schwellenländer waren die 1980er Jahre ein verlorenes Jahrzehnt. Viele Länder mussten sich an externe Schocks anpassen und dies führte zu nachhaltigen Schäden. Schlussendlich wurden sie durch die Weltbank und den IWF gezwungen ihre Schulden abzubauen. Und das geht nach David Ricardo am besten, wenn sich die Länder spezialisieren und von den komparativen Kosten partizipieren. Also bauten diese Länder sogenannte Cash Crops[5] (beispielsweise Kaffee, Kakao, Baumwolle) an. Die Monokulturen konnten dann, bedingt durch das Gesetz der Massenproduktion und einer zunehmenden Spezialisierung der Landwirtschaft, zu günstigen Preise auf den Weltmärkten abgesetzt werden. Somit konnten sich diese Länder nicht mehr selbst versorgen, wurden abhängig vom Weltmarkt und sie mussten ihre Lebensmittel importieren. Dies war für die Länder des Nordens eine ökonomisch vorteilhafte Situation, und zwar im doppelten Sinne. Durch den Import von Kaffee, Kakao und Baumwolle wurden sie einerseits mit günstigen Gütern versorgt und andererseits konnten sie ihre Exportquote im Lebensmittelbereich steigern. Die Länder des globalen Südens hatten das Nachsehen und sie müssen jetzt auch noch die Folgen des Klimawandels, den sie kaum verursacht haben, ertragen.

Stärkt die Kleinbauern und reguliert die Agrarkonzerne

Der im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank angefertigte Weltagrarbericht kommt zu dem Ergebnis, dass die industrielle Landwirtschaft nicht in der Lage ist, die Menschheit zu ernähren. Begründet wird diese Auffassung mit dem immensen Ressourcenverbrauch und der großen Abhängigkeit vom Öl. Der Bericht fordert die Wiederherstellung von kleinbäuerlichen Strukturen.[6] Boomende Nahrungsmittelmärkte nehmen keine Rücksicht auf den weltweiten Hunger. Können die Selbstregulierungskräfte der Märkte den weltweiten Hunger beseitigen? Vermutlich nicht. Ausschließlich Putin die Schuld für die Ernährungssicherheit zu geben, ist nicht zielführend. Die Konzerne, die das Geschäft mit dem weltweiten Hunger betreiben, gehören auch zu der G7-Staatengemeinschaft. Die Hungerkatastrophe in Ostafrika im Jahr 2011 veranlasste viele Schriftsteller und Hilfsorganisationen dazu, die Menschenrechte in Erinnerung zu rufen. Nach Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ist die Beseitigung von Hunger kein Akt des guten Willens, sondern eine völkerrechtlich bindende Pflicht.

[1] Kathrin Hartmann, Weizen als Waffe, in: der Freitag, Nr. 30 vom 28.Juli 2022, S.13

[2] www.economist.com, The coming food catastrophe

[3] Vgl. Udo Köpke, Die Vergötterung der Märkte, Marburg, 2018.

[4] Obwohl die Theorie der Komparativen Kosten nicht unumstritten ist, wird sie im ökonomischen Fächerkanon gelehrt und gelernt.

[5] Cash Crops (engl. für „Bargeld-Pflanzen) sind Marktfrüchte aus landwirtschaftlichen Kulturen, die zu Verkaufs- oder Exportzwecken und somit ausschließlich zur Gewinnerzielung gepflanzt werden, im Unterschied zu Subsistenzkulturen, die der Selbstversorgung des Landwirts dienen (z.B. für Viehfutter oder Nahrungsmittel für die Familie).

[6] Vgl. www.weltagrarbericht.de, abgerufen am 26.07.2017