AllgemeinMensch und ArbeitWillkommen in der Arbeits- und Ausbeutungswelt 4.0

15. Februar 2021

„Im modernen Fabriksystem ist der Automat selbst das Subjekt, und die Arbeiter sind nur als bewusste Organe seinem bewusstlosen Organen beigeordnet und der zentralen Bewegungskraft untergeordnet ….als lebendige Anhängsel.“

(Karl Marx)

 Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und die Künstliche Intelligenz dringen immer stärker in unseren Alltag. Häufig wird behauptet, dass das der technische Fortschritt sei, dieser ist ohnehin nicht aufzuhalten und Innovationen haben der Menschheit seit jeher Wohlstand gebracht. Lässt sich diese Aussage verallgemeinern und ist Fortschritt und Innovation das Gleiche? Hightech-Unternehmen charakterisieren ihre Technologie immer als effizient und fortschrittlich. Natürlich ist das Maschinengewehr oder auch die Atombombe effizient. Und auch die Künstliche Intelligenz ist höchst innovativ, ist sie deshalb auch ein Fortschritt? Es ist gefährlich Fortschritt und Innovation gleichzusetzen. Alles Neue muss nicht gleichzeitig auch als fortschrittlich bewertet werden. „Jede Bewertung als Fortschritt ist ebendies: eine Beurteilung.“[1]

Homo Faber

Wir Menschen, die Mitglieder der Gattung Homo, werden von Anthropologen als Homo sapiens bezeichnet und diese Gruppe wird unterteilt in Animal Laborans und in Homo Faber. Animal Laborans ist das sich mit Arbeit plagende Tier, während Homo Faber imstande ist, Werkzeuge und Maschinen herzustellen. Er wird aber auch von diesen technischen Geräten beeinflusst und  geprägt. Dies lässt sich bei der Nutzung des Smartphones gut beobachten. Der Homo sapiens hat sich in der Vergangenheit sehr effizient in der Natur behauptet. Er hat sich immer neue Techniken angeeignet und brauchte auf die Natur keine Rücksicht zu nehmen. Dies ging in der gesamten Menschheitsgeschichte immer gut – bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts. In den letzten 50 Jahren musste Homo Faber lernen, auf die begrenzte Natur Rücksicht zu nehmen. Auch musste gelernt werden, dass man mit der Natur nicht verhandeln kann. Sie ist kein Geschäftspartner; dies wurde in der Corona-Krise auf vielen Ebenen besonders deutlich. Außerdem lässt sich feststellen, dass in den letzten 50 Jahren die Naturwissenschaft immer mehr von der Technik verdrängt wurde. Mittlerweile dominiert die Technik die Naturwissenschaft und somit auch zunehmend die Natur. Max Frisch hat seinen Protagonisten, den Ingenieur Walter Faber, im Buch Homo Faber sagen lassen: „Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung?“[2] Techniker wollen sich nicht fügen, sie wollen gestalten; Naturwissenschaftler hingegen müssen sich fügen. Die Naturwissenschaft kann die Natur mittlerweile sehr gut vermessen, ändern kann sie die Naturgesetze hingegen nicht.

Industrie X.X

Technisch sind wir inzwischen bei der Stufe Industrie 4.0 angekommen. Industrie 1.0 war die erste Verbindung zwischen Kohle und Maschinen. Industrie 2.0 beschrieb die Massenfertigung, den sogenannten Fordismus. Die Grundlage war die Entdeckung einer Doppelstruktur, nämlich Massenproduktion gepaart mit Massenkonsum. Die fordistische “economy of scale” wurde zunehmend ergänzt durch die “economy of speed”. Mit dem Beginn der Datenverarbeitung durch Computer wurden industrielle Prozesse mit CAD und CAM gesteuert – die Phase Industrie 3.0 begann. Nun sind wir bei der Stufe Industrie 4.0 angekommen und die Künstliche Intelligenz wird diesen Entwicklungsabschnitt prägen. Mit jeder Stufe entkoppelte sich die Menschheit immer stärker von der Natur. Einerseits folgt das Wirtschaftssystem dem Verwertungsimperativ des Kapitals und andererseits beobachten wir den ungebremsten „Imperativ zur Vernutzung von allem und jedem“ (Richard David Precht), mit dem einzigen Ziel, Gewinne und Umsätze zu steigern.

Arbeiten und Herstellen sind grundverschiedene Sachverhalte

Die Ökonomen und Erfinder der Künstlichen Intelligenz aus dem Silicon Valley setzen Arbeiten und Herstellen gleich; sie denken nur an Arbeitsteilungen, Massenproduktionen beziehungsweise an den Fordismus und kommen dann zu dem irrationalen Schluss, dass Maschinen dem Menschen dienen und von der Arbeit befreien – welch eine Kurzsicht! Nicht der Konsum, sondern die produktive Arbeit bringen Glück und Erfüllung in unser Leben. Die Arbeit endet dann, wenn das Leben endet. Insofern ist die Arbeit, wenn man sie an das begrenzte Leben koppelt, zum Glück endlos. Dies trifft nicht auf den Herstellungsprozess, der auf kurzfristigen und flüchtigen Konsum ausgerichtet ist, zu. „Der Herstellungsprozeß ist zeitlich begrenzt, und die Funktion dies für ihn benötigten Werkzeugs hat ein voraussehbares, kontrollierbares Ende, das mit der Fertigstellung des Gegenstandes zusammenfällt.“[3]   Homo Faber bearbeitet nur das vorgegebene Material zum Zwecke der Herstellung und zum kurzfristigen und flüchtigen Konsum. Die Künstliche Intelligenz wird über diesen einfachen Herstellungsprozess ebenfalls nicht hinauskommen. Der, für den Menschen, sinnstiftende Arbeitsprozess wird durch KI tendenziell aus dem Leben gedrängt. Dies hat zur Konsequenz, dass auch das Leben tiefgreifend verändert wird. Im Gegensatz zum Menschen wird eine Maschine, sei sie auch noch so intelligent, niemals Glück und Zufriedenheit bei der Arbeitsausübung begreifen.

Warum lassen wir Menschen uns einfach den Glücksbringer Nummer 1, die Arbeit, von der Künstlichen Intelligenz wegnehmen? Die Arbeit hat in menschlichen Gesellschaften seit jeher einen sehr hohen Stellenwert gehabt. Die Künstliche Intelligenz kennt keine Werte, die lassen sich auch nicht programmieren. Werte müssen mit allen Sinnen empfunden werden. Außerdem ist es ein Horrorszenario, wenn der Apple-Gründer Steve Wozniak behauptet, dass Menschen zukünftig keine Rolle mehr spielten, bestenfalls dienen sie nur noch als „Haustiere“ für die Künstliche Intelligenz. Ich würde nicht verniedlichend von Haustieren sprechen, sondern der Begriff Sklave ist an dieser Stelle zielführender. Aber scheinbar ist im Silicon Valley alles niedlich und smart.

„Schöne“ Neue Welt

Die Verfechter der ungebremsten Digitalisierung verwenden marketingmäßig hervorragend gewählte Namen: Smartphone, Smart Home, Smart Cities oder auch Smart Agriculture, trotzdem geht es ausschließlich um konventionelles Wirtschaftswachstum, um den Wandel der Naturverhältnisse und letztendlich auch um die fortschreitende Naturausbeute – also um die Dominanz von Schneller, Höher, Weiter und Mehr. Die technokratischen Fantasien und Zukunftsvorstellungen von Google, Elon Musk, Peter Thiel und weitere „Hohepriester des Silicon Valley“ (Richard David Precht) werden die bevorstehenden Probleme nicht lösen. Im Gegenteil – kommerzielle Weltraumflüge werden den Klimawandel beschleunigen.  Die gesamte KI- und Digitalisierungsdebatte blendet systematisch den Energieverbrauch, die Ressourcenausbeutung und die CO2-Emission aus. Das schöne neue Maschinenzeitalter wird diese Probleme erheblich verschärfen und die CO2-Emissionen werden zunehmen.

Inzwischen werden CO2-Emissionen überall festgestellt und sorgsam berechnet. Kraftwerke, Industrieproduktion und der Flug-, Straßen- und Schifffahrtsverkehr werden auch noch zusätzlich auf Ressourcenverbrauch und Umweltschäden untersucht. Bloß die Digitalisierung scheint davon nicht betroffen. Scheinbar ist sie CO2 – und energieneutral, verbraucht keine Rohstoffe und richtet auch keine Umweltschäden an. Wissenschaftler der TU Dresden haben errechnet, dass das World Wide Web im Jahr 2030 so viel Strom verbrauchen wird, wie die gesamte Weltbevölkerung im Jahr 2011.[4]

[1] Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, München, 2020, S. 49

[2] Max Frisch, Homo faber, Frankfurt am Main, 1977, S.22

[3] Hannah Arendt, Vita activa, München, 1967, S. 144

[4] https://www.fr.de/wirtschaft/miteinemhurrikankannmannichtverhandeln12272668.html