»Mit dem Etikett (gemeint ist der Begriff Klimaneutralität, U.K.) werden Mogelpackungen verkauft, die uns von einer klimagerechten Welt mehr denn je entfernen. Wenn wir das Wort irgendwo hören, sollten wir sofort innehalten und das Kleingedruckte lesen.« (Claudia Kemfert)
Es klingt modern, neu und fortschrittlich die angestrebte Klimaneutralität mit einem nachhaltigen Umwelt- und Klimaschutz in Verbindung zu bringen. Dabei wird der Begriff der Klimaneutralität[1] häufig falsch verwendet. «Eigentlich ist `treibhausgasneutral´ gemeint«, sagt Jochen Luhmann, Klimaexperte am Wuppertal-Institut. Die Klimaneutralität blendet bestimmte Klimaeffekte aus. Weder der Albedo-Effekt[2] noch die Fähigkeiten der Gletscher, die zunehmend sterben, werden mitberücksichtigt. Wenn Deutschland tatsächlich klimaneutral werden will, müssten die verschwundenen Fähigkeit an anderer Stelle substituiert werden. Dies ist aber eine naturwissenschaftliche Unmöglichkeit. »Das beste Beispiel dafür sind die Gletscher. Wenn sie weg sind, dann sind sie weg – und mit ihnen auch ihr Süßwasser.« (Mojib Latif)
Das zweifelhafte Narrativ der Klimaneutralität
»Klimaneutral: Der Fachbegriff ist vom Wissenschaftshimmel gestürzt und als Buzzword im fossilen Marketingsumpf gelandet.« (Claudia Kemfert)
Der Klimawandel lässt sich nicht so ohne weiteres willkürlich stoppen. Selbst wenn die Emissionen sinken, steigt der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre weiter an. Dies liegt an der sehr langen Verweildauer des Gases in der Atmosphäre. CO2 bleibt mindestens einhundert Jahre in der Luft. Das bedeutet, dass es in den nächsten einhundert Jahren bestenfalls zu einem Stillstand kommt. Ob sich danach die Atmosphäre erholt, hängt von den Maßnahmen ab, die wir heute, für die zukünftigen Generationen, ergreifen. Die CO2-Konzentration kann nur stabilisiert werden, wenn ein vollständiger und dauerhafter Stopp der Emissionen durchgeführt wird. Wenn ab heute auf den CO2-Ausstoß verzichtet würde, könnte dann frühestens in einhundert Jahren eine Verringerung stattfinden. Das deutsche Narrativ von der sogenannten Klimaneutralität im Jahr 2045 verschleiert diese Tatsache. Trotzdem ist dieses Ziel völkerrechtlich verbindlich, weil Deutschland sich gegenüber den EU-Staaten und den Vereinten Nationen dazu verpflichtet hat. Im Bundes-Klimaschutzgesetz steht zwar im Paragraf 3: „Bis zum Jahr 2045 werden die Treibhausemissionen so weit gemindert, dass Netto-Treibhausgasneutralität erreicht wird“, bloß was bedeutet das?
Strenggenommen muss die Klimaneutralität dahin gehend interpretiert werden, dass es keine Prozesse und Tätigkeiten mehr gibt, die das Klima beeinflussen können. Der Begriff CO2-Neutralität besagt also in einem engen Sinn, dass kein CO2 emittiert wird oder die CO2-Emissionen vollständig kompensiert werden. Der Hacken dabei ist, dass eine Kompensation die Klimaziele kaum verwirklichen kann. Beispielsweise vermarkten viele Gasanbieter ihr Produkt als »Ökogas«. Es handelt sich aber um herkömmliches fossiles Erdgas. Durch die Verbrennung wird, wie in früheren Jahren auch, CO2 freigesetzt. Dieses Gas ist deshalb ein »klimaneutrales Ökogas«, weil damit Kompensationsprojekte gefördert werden. Auch hier liegen ein perfider Marketingtrick und massive Verbrauchertäuschung vor. Selbst wenn die Angaben der Erdgasanbieter stimmen sollten, kann von Klimaneutralität nicht die Rede sein. Die geförderten Waldprojekte haben in der Regel eine durchschnittliche Projektlaufzeit von nur 30 Jahren. Durch die Verbrennung des fossilen »Ökogases« entsteht CO2, dass mindestens ein Jahrhundert in der Erdatmosphäre verbleibt. Dieses Ungleichgewicht ist signifikant und es stellt sich die Frage, ob sich Waldprojekte zur Kompensation eignen. Dabei habe ich die gegenwärtigen Waldbrände im Sommer 2026 bis jetzt noch nicht einmal erwähnt.
Ein Urteil des Landgerichts Frankfurt hat im Sommer des Jahres 2025 dafür gesorgt, dass Waldprojekte nicht grundsätzlich für Kompensationen geeignet sind. Was ist passiert? Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat gegen den Technologiekonzern Apple auf Unterlassung geklagt und dafür gesorgt, dass das Unternehmen seine Smartwatch künftig nicht mehr als »CO2-neutral« bewerben darf. Schon bei der ersten Verhandlung im Juni 2025 hatte das Gericht festgestellt, dass es einzelne von Apple aufgeführte Kompensationsprogramme für nicht langfristig genug hält. Hauptsächlich ging es um ein Aufforstungsprojekt (Eukalyptus – Plantage) in Paraguay. Somit hat Apple mit dem Versprechen der CO2-Neutralität die Verbraucherinnen und Verbraucher getäuscht.
Diese Kompensationen scheinen sehr häufig nicht zielführend zu sein. Es wäre auch ein Witz, wenn ich als Privatperson behaupten würde, dass ich mich klimaneutral verhalten würde. Ich fahre einen Diesel, heize mit Erdgas, bin aber klimaneutral, weil sich drei hochstämmige Bäume in meinem Garten befinden. Dies wäre nicht nur zweifelhaft, sondern es könnten darüber hinaus auch Baumfällungen oder Brände diese obskure »Klimaneutralität« gefährden.
Im Januar 2025 wurde der schlimmste Waldbrand in der Geschichte der USA in den Medien übertragen. In Los Angeles waren mehrere Feuer ausgebrochen, während in Deutschland darüber diskutiert wurde, ob diese Feuerkatastrophe mit dem Klimawandel in Zusammenhang zu bringen ist. Fachleute gaben ihre Expertise ab und in den Zeitungen wurden munter Leserbriefe veröffentlicht. Ob es an dieser Stelle Zusammenhänge zwischen den Klimawandel und den Waldbränden gibt, ist eigentlich sekundär und eine vergebliche Diskussion. Egal wie man es wendet, pro Minute gehen 21 Hektar Wald weltweit verloren, somit wird dieser wichtige CO2 – Speicher sukzessive geschwächt. Die Feuer in Los Angeles und anderswo beschleunigen diese Prozesse. Im Sommer 2026 gab es furchtbare Waldbrände in Südfrankreich, in Spanien, in Griechenland aber auch in Belgien und in Deutschland. Zeitgleich wurde gemeldet, dass der Schaden durch die Waldbrände in Los Angeles im Jahr 2025 auf 250 Milliarden Dollar beziffert wurde. Man darf gespannt sein, in welcher Höhe der europäische Schaden am Jahresende veranschlagt wird. Dabei habe ich die gegenwärtigen Dürreschäden bis jetzt noch nicht einmal erwähnt.
[1] Ich werde weiterhin, mit großen Bedenken, den Ausdruck »Klimaneutralität« verwenden.
[2] Die Albedo ist eine Maßeinheit für das Rückstrahlvermögen von Objekten und Oberflächen auf der Erde. Je geringer die Zahl, umso mehr zur Erderwärmung beitragende Energie wird absorbiert. Die am stärksten reflektierenden Oberflächen sind Schnee und Eis, die bis zu 90 Prozent der von der Sonne einstrahlenden Energie in den Weltraum zurücklenken. Wenn Meereis schmilzt, tritt darunter die stärkere Energie absorbierende Wasseroberfläche zutage. Dunkles Wasser nimmt fast die gesamte Strahlungsmenge des Sonnenlichts auf und erhitzt sich.









































































































