AllgemeinUmweltDas neutrale Klima

21. März 2021

 Jemand, „der glaubt, eine Blaupause der ökologischen Rettung der Menschheit formulieren zu können, versteht nicht die Naturbedingungen der Evolution und noch nicht einmal die der Geschichte…“

(Nicholas Georgescu-Roegen, 1975)

Um einen Einstieg für diesen Artikel zu finden, schaue ich auf meinem Bildschirm und komme auf die irrwitzige Idee, Google zu googeln. Wow, 10.350.000.000 Einträge wurden in 0,49 Sekunden gefunden. Das geht in Lichtgeschwindigkeit. Mal eben schnell googeln, wie schnell das Licht ist – 299.792,458 km/pro Sekunde. Google hat in 0,48 Sekunden 774.000 Einträge zur Lichtgeschwindigkeit gefunden. Ist die Lichtgeschwindigkeit eigentlich energieneutral? Ich schaue weiter auf den Google-Bildschirm und stelle fest, dass Google seit 2007 CO2-neutral ist. Toller Konzern, verbraucht wenig Strom, arbeitet mit Lichtgeschwindigkeit, dass ist die schnellste Wirkungstransportgeschwindigkeit im gesamten Universum, und Google ist auch noch klimaneutral. Wie machen die das? Die Klimaneutralität wird von vielen Konzernen (Siemens, Daimler Benz usw.) angestrebt, die könnten von Google lernen. Das sind gute Nachrichten. Glaubt das auch der deutsche Michel beziehungsweise die deutsche Michelle? Warum habe ich mir eigentlich in den letzten 30 Jahren Sorgen um das Klima gemacht, wenn wir in 30 Jahren locker klimaneutral sind? Aber jetzt, Spaß bei Seite. Google ist natürlich nicht klimaneutral, die Nachrichten sind nicht gut und meine Sorge hat sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich vergrößert.

Das Phänomen Klimaneutralität

Um im Bild des aktuellen Tagesgeschehens zu bleiben – im Gegensatz zum Coronavirus  gibt es beim Klimawandel keinen Impfstoff und es wird nie einen geben. Wird es nun die vielbeschworene Klimaneutralität richten? Die EU, Großbritannien, Kanada, Japan und noch einige andere Länder wollen bis zum Jahre 2050 klimaneutral werden. Google ist es schon seit 2007 und wenn ich auf meine Lebensmitteleinkäufe schaue, stelle ich fest, dass sogar der Käse im Supermarkt klimaneutral produziert wird. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 beschreibt das Phänomen der Klimaneutralität im Artikel 4.1 als „Gleichgewicht zwischen den anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen aus Quellen und dem Abbau solcher Gase durch Senken “. Dies soll über einen Zertifikatshandel  realisiert werden. Ein deutscher Kohlekraftbetreiber emittiert CO2 und finanziert mit seinen Zertifikaten beispielsweise die Aufforstung entweder in deutschen Wäldern  oder auch in den globalen Regenwäldern. Zertifizierte Kohlenstoffgutschriften gehen davon aus, dass Emissionen weltweit gemessen, addiert und bilanziert werden können, um sie anschließend zu handeln. Diese buchhalterische Vorgehensweise läuft ins Leere, wenn man beispielsweise den Wald untersucht.

Der Wald

 Am Beispiel der Aufforstung des Waldes wird deutlich, dass die Emissionen zwar bilanziell gesenkt werden aber nicht in der Realität. Wälder werden zunehmend dem kapitalistischen Verwertungsimperativ unterworfen und demzufolge zyklisch abgeholzt. Wenn dieser Wald dann im gleichen Maße wieder aufgeforstet wird, weist die CO2-Bilanz dann einen Wert von null auf und es entsteht der Eindruck, dass diese „nachhaltige“ Wirtschaftsweise klimaneutral ist. Gewachsene Wälder lassen sich aus vielen Gründen nicht mit aufgeforsteten Wäldern vergleichen, da natürlich gewachsene Wälder resistenter gegen Dürren und Schädlinge sind. Aufgeforstete Wälder sind wesentlich anfälliger für Waldbrände und somit besteht die Gefahr, dass das gebundene CO2 rasch wieder frei  und die Senkenwirkung unwirksam wird. Ein gewachsener Wald, der sehr viel CO2 binden kann, lässt sich nicht mit einer schnell aufgeforsteten Plantage, die auf einem desolaten  Humusboden gründet, vergleichen. Außerdem kommt es zu volkswirtschaftlichen time-lags. Ein Beispiel: Eine „verantwortungsvolle“ Person fliegt heute nach Spanien in den Urlaub  und kauft als Kompensation Zertifikate für die Aufforstung des Regenwalds. Der aufgeforstete Wald wird aber erst sehr viele Jahre später die heute entstandene CO2–Belastung aufnehmen können. Außerdem muss sichergestellt werden, dass der neu entstandene Wald, aus ökonomischen Gründen, nicht frühzeitig wieder abgeholzt wird, denn die Entwaldung ist die zweitgrößte  CO2–Emissionsquelle.

Häufig wird behauptet, dass der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird, weil für jeden gefällten Baum ein neuer Baum gepflanzt wird. Hier liegen mehrere Denkfehler vor. Ein neu gepflanzter Setzling kann nicht annährend so viel CO2 aufnehmen wie ein ausgewachsener Baum. Bis der Setzling soweit ist, vergehen mehrere Jahrzehnte. Außerdem braucht man auch keine Setzlinge zu pflanzen, weil der Wald sich selbst fortpflanzen kann. Dies hat Peter Wohlleben in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ eindrucksvoll geschildert. Damit sich der Wald vermehren kann, muss man ihm bloß einige Jahrzehnte Zeit geben, ihn in Ruhe lassen und vor Setzlingen verschonen. Diese Denkweise passt aber nicht in den vorherrschenden kapitalistischen Verwertungsimperativ, weil komplette Ökosysteme von den Konzernen beansprucht werden, die dann komplexe Wälder in Monokulturen verwandeln, um beispielsweise das lukrative Palmöl anzubauen.

Das Nullsummenspiel

Die bilanzierte und kompensierte Klimaneutralität suggeriert, dass wir unsere Lebens- und Konsumweise nicht umstellen müssen. Da Deutschland ein Industrieland ist, geht die Produktion einher mit Flächen-, Energie- und Ressourcenverbrauch. Dies soll dann in anderen Ländern kompensiert werden. Kompensierte Klimaneutralität ist aber nur möglich, wenn es weltweit ausreichend Kompensationsprojekte gibt. Dies setzt soziale Spaltungen im globalen Maßstab voraus und neben den unterschiedlichen Niveaus in der Ökonomie (Industrialisierung, Energieverbrauch usw.) und Ökologie (mangelnder Naturschutz, Abholzung des Regenwaldes usw.) müssen noch zusätzliche Potenziale für Kompensationen vorhanden sein. Denn eine Kompensation kann es nur geben, wenn Kohlenstoffsenken vorhanden sind. Wenn aber wichtige Kohlenstoffsenken, wie Wälder und Moore, verschwinden, entfällt die Möglichkeit der Kompensation. „Wenn alle Länder irgendwo auf dieser begrenzten Erde ihre CO2-Emissionen kompensieren sollen, stellt sich die Frage, wo das nötige Außen liegen soll, an dem dies noch möglich ist.“[1]  Somit besteht die Gefahr, dass die angestrebte Klimaneutralität die CO2-Emissionen nicht reduziert, sondern dass das Ergebnis zu einem Nullsummenspiel führt. Und damit wäre nichts gewonnen, eine Reduktion der CO2-Emission findet nicht statt und es wird lediglich umverteilt. Umverteilungen führen aber grundsätzlich nicht zu einer CO2-Reduktion, im Gegenteil, momentan beobachten wir, dass die Biodiversität kontinuierlich abnimmt und das 4-Promille-Ziel  zum Humusboden im Pariser-Klimaabkommen von 2015 nicht annähernd erreicht wird.

Deshalb ist es „absolut notwendig, über die Klimaneutralität hinauszugehen und die beiden Ziele, Emissionsreduktionen und Negativemissionen, klar voneinander zu trennen und nicht das eine auf das andere anzurechnen. Denn obwohl bei den Bekenntnissen zur Klimaneutralität auch die Reduktion von Emissionen eine Rolle spielt, ist bereits absehbar, dass sich Staaten und Unternehmen mit den Schlupflöchern Kompensation, Abscheidung und Negativ-Emissionstechnologie von der Notwendigkeit der CO2-Einsparung freikaufen werden.“[2] Insofern ist die angestrebte Klimaneutralität nichts anderes als Greenwashing mit dem Ziel, die eigentlichen Probleme nicht lösen zu wollen und über die Verringerung  des Ressourcen- und Energieverbrauchs nicht nachdenken zu müssen. Die angebliche Energieeffizienz wird noch immer überlagert vom Rebound-Effekt.

Fazit

Die vielzitierte Klimaneutralität ist nicht zielführend, weil sie nur auf dem Papier existiert. Viele Ökonomen glauben an die Wahrhaftigkeit von Bilanzen, aber CO2-Emissionen lassen sich nicht auf dem Papier senken. Die Industriestaaten haben mit dem Instrument Klimaneutralität eine Rechtfertigung gefunden, weiterhin Öl, Gas und Kohle zu verbrennen. Dies kann aber keine Lösung sein. Der globale Norden kann die Probleme nicht auf andere Länder abwälzen, sondern das Problem muss in den Industriestaaten durch die Reduzierung von Emissionen gelöst werden. Dies könnte schwierig werden, weil sich der „Stromverbrauch“[3] in den Industrieländern seit den 1960er Jahren um (mindestens) das Vierfache pro Person erhöht hat und die gesamte Menschheit weltweit permanent siebzehn Terawatt Energie bereithält. Der beleuchtete Planet ist aus dem All sichtbar. Diese Energieleistung ist mit Vulkanausbrüchen, Tsunamis und der Plattentektonik vergleichbar und der anfänglich genannte >CO2 – neutrale Konzern< Google nimmt hier eine Spitzenstellung im Verbrauch und in der Emission ein.

 

[1] Guido Speckmann, Die Chimäre der Klimaneutralität, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3`21, Berlin, 2021, S. 102

[2] Guido Speckmann, Die Chimäre der Klimaneutralität, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3`21, Berlin, 2021, S. 105

[3] Strom kann natürlich nicht verbraucht werden. Energie kann nur umgewandelt werden.