Der Begriff der Nachhaltigkeit tauchte erstmals im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem deutschen Wald auf. Welche ökonomische Bedeutung hatte der deutsche Wald zu dieser Zeit? Die im Mittelalter vorherrschende Wirtschaftsform der Allmende, die den gemeinsamen Besitz der Dorfbewohner bei bestimmten Gütern kennzeichnet, kannte eigentlich kein Eigentum. Die Fürsten hatten zwar das Sagen, das Volk besaß aber das Recht auf Nutzung des Waldes, unter der Voraussetzung, dass eine ordnungsgemäße Bewirtschaftung erfolgte. Die Eigentums- und Nutzungsrechte verschoben sich aber mit der im 17. beziehungsweise im 18. Jahrhundert beginnenden Industrialisierung. Dies führte dazu, dass sehr große Holzmengen benötigt wurden, um die wachsenden Städte und auch die expandierenden Unternehmen mit Holz zu versorgen. Durch die groß angelegten Rodungen kam es zum Holzmangel. Eine Lösung musste her. Georg Ludwig Hartig (1764–1837) war preußischer Forstdirektor und Entdecker der Nachhaltigkeit. Um den Holzmangel zu beseitigen, ließ er verkünden, dass nicht mehr Holz geschlagen werden durfte als nachwächst. Dies war die Geburtsstunde der Nachhaltigkeit. So oder ähnlich wird es in vielen ökonomischen Lehrbüchern dargestellt und es ist, wie so oft, nur die halbe Wahrheit.
Die deutschen Forstwissenschaftler erfanden schon sehr früh ein System, um die Baumbestände genau zu erfassen und nach industriellen Standards auszurichten. Baumarten, Stammdurchmesser und Standorte wurden mit buchhalterischer Präzession erfasst. Der Wald wurde kartiert und zunehmend als Plantage bewirtschaftet. Das Unterholz wurde entwurzelt und die Artenvielfalt radikal reduziert. So entstanden Monokulturen, die mit einem lebenden Wald wenig gemeinsam hatten. Zwar waren die Erträge zunächst beträchtlich, aber es traten vermehrt schwere Schäden auf. »Die Ursache für diesen Niedergang wurde erst langsam und auch dann nur unvollständig begriffen: Die Monokulturen und die Auslöschung des Unterholzes hatten die komplexen lebenswichtigen Nährstoffzyklen zwischen Pilzen, Bakterien, Insekten, Säugetiere und Bäumen unterbrochen. Die Forstwirtschaftler hatten ein System zerstört, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas geahnt hatten.«[1] Die Nachhaltigkeit bezieht sich somit nicht nur auf die Neupflanzungen von Bäumen, sondern umfasst das ganze System Wald. Insofern wird die Nachhaltigkeit in vielen volkswirtschaftlichen Lehrbüchern nur lückenhaft erklärt. Außerdem ist die Erhaltung des Humusbodens für die Aufnahme von CO2 wichtiger als Neupflanzungen, die ohnehin nur eine Alibi-Funktion haben, um fragwürdige Kompensationszahlungen zu beschönigen.
Alexander von Humboldt, der Visionär und Wegweiser
Vor über 150 Jahren gab es weder die entsprechende Forschung noch die dazugehörigen Erkenntnisse. Trotzdem war Alexander von Humboldt im Jahre 1859 der erste Wissenschaftler der nachweislich die Konsequenzen des Klimawandels anhand des Waldes beschrieb:
»Zerstört man die Wälder, wie die europäischen Ansiedler allerorten in Amerika mit unvorsichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten liegen einen Teil des Jahres über trocken und werden zu reißenden Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt. Da mit dem Holzwuchs auch Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmähliche Sickerung die Bäche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken Regenniederschläge die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort und verursacht plötzliches Austreten der Gewässer, welche nun die Felder verwüsten.«[2]
Humboldt hat das Verständnis von Ökosystemen revolutioniert, weil er die Vegetation aus dem Blickwinkel von Klima und Standort betrachtet und keinesfalls, wie damals üblich, eine taxonomische Kategorisierung vornahm. Auch in der heutigen Zeit sehen Taxonomen als Artenexperten häufig nicht die gesamten Zusammenhänge, weil sie die Spezies nur in einem biologischen Klassifizierungsschema erfassen. Sie ordnen beispielsweise eine einzelne Pflanze einer Art zu, diese gehört dann zu einer Gattung. Dann wird weiter klassifiziert. Die Gattung ist Teil einer Unterfamilie, die wiederum zu einer Familie gehört usw. Derartige Klassifizierungen verstellen häufig den Blick für größere Verknüpfungen und Zusammenhänge.
[1] Fabian Scheidler, Das Ende der Mega Maschine, Wien, 11. Auflage, 2021, S. 119.
[2] Alexander von Humboldt, Reise 1859-1860, Band 2, S. 207.











































































































