»Wir setzen damit, wie der Zauberlehrling in Goethes Faust, Prozesse in Gang, die sich nicht mehr umkehren lassen.« (Fabian Scheidler)
Begriffe wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz lassen sich kaum positiv bestimmen, sie müssen kritisch hinterfragt werden, auch wenn es durchaus viele positive digitale KI-Anwendungen gibt. Dabei ist es zielführend, sich der Künstlichen Intelligenz negativ zu nähern. Dies meint natürlich nicht, dass die KI negativ wäre. Vielmehr ist damit gemeint, dass dieser Begriff über eine tiefgreifende Analyse des zivilisatorischen Verfalls zu erfassen ist.
Will der Unternehmer am Markt überleben, ist er aufgrund der Konkurrenzsituation gezwungen, aus dem Geld mehr Geld zu machen. Wie dies geschieht, wie akkumuliert wird, ist vollkommen nachrangig. Ob eine Gesellschaft den permanenten Beschleunigungs- und Akkumulationszwang in allen Bereichen aushalten wird, ist eine offene Frage. Inwieweit die Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt und die Arbeitsprozesse verändern wird, ist eine zweite offene Frage.
Das Maschinenfragment
Karl Marx führte in seinem Manuskript Grundrisse den Begriff General Intellect, heute sprechen wir von Künstlicher Intelligenz, ein. Im Fragment über die Maschinen (1857/1858) merkte er an, dass sich mit ihr die Produktion ohne menschliche Arbeit steigern ließe. Dieser positive Effekt hat aber den fundamentalen Nachteil, dass ein zivilisatorischer Verfall stattfinden könnte. Die Erwerbsarbeit könnte ihre Eignung, gesellschaftliche Integration, Teilhabe und Solidarität, verlieren. Da das Akkumulationsregime sich kaum für die menschliche Arbeit interessiert, hat sie mit der Künstlichen Intelligenz ein effizientes Verwertungsinstrument an die Hand bekommen. Wer Kapital besitzt, wird von dieser Verwertungslogik partizipieren, wer ausschließlich über seine Arbeitskraft verfügt, wird von der Akkumulationsdynamik abgeschnitten und ausgeschlossen.
Im Laufe der kapitalistischen Geschichte hat die Wirtschaft schon viele Mechanisierungswellen erlebt. Die Werkstatt-, die Fließband- und die automatische Fertigung ersetzten sukzessive die Muskelkraft und erleichterten die Arbeit. Die Prozessteuerung und das Urteilsvermögen lagen aber immer in der Hand des Menschen, waren somit monopolisiert. Die Künstlichen Intelligenz enteignet diese kognitiven Monopole und ein zivilisatorischer Verfall kündigt sich an. Außerdem ist von Robotern nicht zu erwarten, dass sie krank werden, sich beklagen, bummeln, streiken, höhere Löhne fordern, widersprechen, unkonzentriert arbeiten, Gerichtsprozesse führen oder verlängerte Pausen verlangen.
Eine Produktion ist nach Marx nur möglich, wenn sowohl festes als auch variables Kapital vorhanden ist. In der heutigen Zeit würden Betriebswirte das variable Kapital mit Lohn- und Gehaltszahlungen, die Kosten darstellen, gleichsetzen. Sie empfinden diese Kosten als ein notwendiges Übel, dass reduziert werden muss. Für Marx war hingegen das variable Kapital die für die Produktion notwendige Arbeit. Somit bekam das Kapital eine politische Richtung, denn Arbeit ist auch unter dem Blickwinkel der Ausbeutung und Entfremdung zu betrachten. »In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.«[i] Heute beschäftigen sich jede Menge optimierender Betriebswirte damit, die Produktivität durch Arbeitsverdichtung zu steigern und die Herrschaft der Apparate und Maschinen in den Betrieben zu implementieren und die Künstliche Intelligenz (KI) schreitet unaufhaltsam voran. Sie ist eine gigantische Aneignungsmaschine, die über Jahrzehnte hinweg menschliches Wissen im Netz sammelte und „die kollektive Kognition der Zivilisation, faktisch privatisiert und in algorithmisches Kapital verwandelt“.[ii]
Die Heilsversprechen der KI
Vielleicht treffen die Heilsversprechen des Silicon-Valleys und der technikgläubigen Politikerinnen und Politiker zu. Der Mensch hat durch die Künstliche Intelligenz eine rosige Zukunft, die Arbeit wird leichter und wir werden, bei vollem Lohnausgleich, mehr Freizeit haben. Der technische Fortschritt wird den Klimawandel aufhalten, die Ressourcen schonen und die Unsterblichkeit der Menschen steht vor der Tür. An solch einen Hokus Pokus, der von Tech-Oligarchen vertreten wird, mag ich nicht glauben. Zumal die Künstliche Intelligenz wichtige menschliche Fähigkeiten vernichten wird. »Erfahrung, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind nicht mehr nötig in einer Welt, die mir beim Kochen wie beim Autofahren, beim Spielen wie beim Korrigieren von Hausarbeiten bis ins Detail sagt, was zu tun ist.«[iii] Die KI wird somit die menschliche Urteilskraft schmälern, das menschliche Handeln einschränken und das stumpfe Vollziehen von Anleitungen fördern.
Außerdem ist die Künstliche Intelligenz vor allem eines: ein exorbitanter Energiefresser. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen warnte schon im Jahr 2019 vor der Digitalisierung als Klima- und Umweltretter. Der Beirat bezeichnete die Digitalisierung als »Brandbeschleuniger bestehender, nicht nachhaltiger Trends«.
Ein berühmtes Zitat von Albert Einstein lautet: »Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.« Da sind Algorithmen ganz anders – sie tun immer wieder das Gleiche und die Ergebnisse sind auch immer die Gleichen. Die Determiniertheit der Algorithmen besteht also darin, dass sie bei denselben Voraussetzungen das gleiche Ergebnis liefern. Die Künstliche Intelligenz bedient sich ebenfalls Algorithmen, um vorgegebene Probleme zu lösen. Die KI greift zusätzlich auf einen Vorrat zuvor erlernten Wissens zu und nutzt die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Mit dieser Wissensgrundlage können geeignete Algorithmen geschriebene und gesprochene Sprache verarbeiten, Texte formulieren und Gesichter oder Objekte identifizieren. Wo nimmt die KI nun dieses Wissen? Klar, aus dem Internet, dass von Milliarden von Menschen mit Daten versorgt wird. Die Tech-Unternehmen greifen dieses kostenlose Wissen ab und treiben damit ihre Kapitalakkumulation an. Im Gegenzug sinkt die globale Lohnquote. »Die traditionelle neoklassische Gesetzmäßigkeit, wonach Produktivitätsfortschritte zwingend in Lohnwachstum tröpfeln (Trickle-down), hat sich empirisch als Fiktion erwiesen.«[iv]
[i] Marx Engels Werke (MEW) 23, S. 445.
[ii] Philipp Humm, KI als das Ende der Lohnarbeit?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, 9`26, 2026, S. 87.
[iii] Hartmut Rosa, Situation und Konstellation, Vom Verschwinden des Spielraums, Berlin, 2026, S. 70.
[iv] Philipp Humm, KI als das Ende der Lohnarbeit?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, 9`26, 2026, S. 86.












































































































