Unser Körper, unsere Ewigkeitschemikalien

14. September 2026

»Noch bevor uns das Öl ausgeht, geht uns der Planet aus.« (Bill McKibben)

Lachse in Aquakulturen müssen in ihren eigenen Fäkalien schwimmen. Dies bleibt den Fischen der Weltmeere zwar erspart, dafür werden sie aber von sehr großen Plastikmengen bedrängt. Die Weltmeere sind zugemüllt mit Plastik, dass aus Öl hergestellt wird. 96 Prozent des geförderten Erdöls wird zu Treibstoffen verarbeitet, die restlichen 4 Prozent gehen in die Kunststoffherstellung. Erdöl ist Fluch und Segen zugleich. Unser Segen sind die Erdölderivate, die in fast allen Produkten enthalten sind. Der Fluch der Erdölderivate besteht darin, dass wir mit dem Plastik unter anderem die Ozeane vermüllen. Die gesamte Menschheit hat bis zum Jahr 1950 ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Plastik produziert, dass Niveau liegt inzwischen insgesamt bei über 9 Milliarden Tonnen, wobei jedes Jahr ungefähr 400 Millionen Tonnen dazukommen. Die Herstellung von Plastikprodukten ist im Vergleich zu den 1980er Jahren um 900 Prozent gestiegen. Diese Produkte werden weltweit selten vernünftig entsorgt, sondern gelangen durch Flüsse, Überschwemmungen und sogenannte Ozeanriesen, ins offene Meer. »Insgesamt wird der jährlich in die Weltmeere gelangende Müll auf zehn Millionen Tonnen geschätzt – das entspricht durchschnittlich einer LKW-Ladung pro Minute.«[i] Oder anders gewendet, alle fünf Sekunden landet knapp eine Tonne Plastik im Meer. Plastik ist sehr langlebig und es braucht über 400 Jahre, um zu verrotten. Die Auswirkungen dieses Mülls sind für das Ökosystem der offenen Meere immens. Plastik schadet den Meeren nicht nur als Abfall, sondern es bedroht auch das Klima. Die gemeinnützige US- Umweltorganisation Center for International Environmental Law (Ciel) hat den Nachweis erbracht, dass im Jahr 2019 etwa 850 Millionen Tonnen Treibhausgase durch die Kunststoffproduktion und -verbrennung in die Atmosphäre freigesetzt wurden. Plastik besteht zu 99 Prozent aus fossilen Stoffen und die Nachfrage steigt unaufhörlich. Im Jahr 1960 gab es kaum Plastik, folglich war die weltweite Nachfrage verschwindend gering, also ungefähr eine Millionen Tonnen pro Jahr. Heute beträgt sie über 400 Millionen Tonnen, Tendenz stark steigend. Es gibt kaum eine Branche, die ohne Plastik existieren kann. Neben der Verpackungsindustrie benötigt das Transportwesen, das Baugewerbe, die Elektroindustrie, die Konsumgüterindustrie, der Maschinenbau und die Textilproduktion den Kunststoff, der in der chemischen Industrie hergestellt wird.

Problematischer als der offensichtliche Plastikmüll ist das Mikroplastik, das sich nicht nur allmählich in unsere Nahrungskette einschleicht, sondern auch in Wimperntusche, Sonnencremes und Duschgel enthalten ist. Wenn Mikroplastik über Abwasser und auch Regenwasser im Meer angekommen ist, kann es nicht mehr entfernt werden. In verschiedenen Tageszeitungen konnte man im März 2018 lesen, dass sich Mikroplastik in allen west- und süddeutschen Flüssen befindet. Die Umweltämter aus fünf verschiedenen Bundesländern zogen 52 Proben aus 25 Flüssen. In allen Proben war Mikroplastik nachweisbar. Demnach befinden sich die kleinen Fragmente aus Kunststoff nicht nur in den Weltmeeren, sondern auch direkt vor unserer Haustür und schleichen sich beispielsweise über den Verzehr von Fischen in unsere Nahrungskette ein. Mikroplastik wird inzwischen auch im Menschenblut und in der menschlichen Plazenta nachgewiesen. Leider werden diese Mikropartikel kaum wahrgenommen und somit scheint auch dieses Problem nicht mehr zu existieren.

PFAS werden wir nicht mehr los

Ähnlich verhält es sich mit Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (englisch per- and polyfluoroalkyl substances, abgekürzt PFAS). Dies sind aliphatische organische Verbindungen und sie kommen in Beschichtungen von Textilien wie Outdoor-Kleidung, in Skiwachsen, in Backpapier und auch in Kosmetika vor. In der Automobil- und Luftfahrttechnik, in der Halbleiterherstellung und auch in der Medizin kommen PFAS zur Anwendung. Dieser synthetische Allroundwerkstoff ist deshalb so praktisch, weil er nicht nur Wasser, sondern auch Fett abweist und auch noch hitzebeständig ist. Diese Chemikalie löst sich nicht auf, sie ist persistent. Deshalb wird sie auch Ewigkeitschemikalie genannt. Über Klärschlämme ist PFAS mittlerweile auch auf den Äckern gelandet und reichert sich in Organismen an. Dadurch steigen das Krebsrisiko und die Gefahr von Leberschäden an. Die Aufnahme von PFAS schwächt das Immunsystem, erhöht den Cholesterinspiegel und die Schilddrüse kann geschädigt werden. Kürzlich hat eine Studie der niederländischen Gesundheitsbehörde RIVM[1] Proben der Muttermilch von über 1.600 stillenden Müttern untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass nahezu alle Mütter PFAS mit ihrer Milch verabreichen.

 Die staatlichen Regelungen sind vollkommen unzureichend. Auch wenn manche PFAS mittlerweile verboten sind, haben sich die Hersteller etwas einfallen lassen. Sie haben die verbotenen Stoffe durch andere und ähnliche, bisher noch nicht erforschte, Stoffe ersetzt. Es gibt über 10.000 Substanzen in dieser Stoffgruppe.

Die praktischen PFAS nehmen immer mehr zu und die gesamtgesellschaftlichen Kosten steigen dementsprechend. Die wissenschaftlichen Studien belegen für das Jahr 2019, dass die gesundheitsbezogenen Gesamtkosten im Zusammenhang mit PFAS für den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR)[2] mindestens 52 bis 84 Milliarden Euro betrugen. Im EWR (und der Schweiz) beliefen sich die Gesamtkosten für Umweltscreening, Überwachung bei Kontamination, Wasseraufbereitung, Bodensanierung und Gesundheitsbewertung auf 821 Millionen bis 170 Milliarden Euro.

Eine weggeworfene Plastiktüte am Strand ist kein schöner Anblick. Ein mit Plastiktüten übersätes Meer ist besorgniserregend. Mikroplastik und PFAS im menschlichen Körper wird aber von unseren Sinnen nicht wahrgenommen und für die wissenschaftlichen Berichte interessieren sich viele Menschen nicht. Auch wenn sich meine ökonomischen Beispiele häufig auf die Fischerei auf einer einsamen Insel bezogen, muss nun festgestellt werden – »Kein Mensch ist eine Insel« (Jan Skudlarek) und wir leben auch nicht auf einer Insel. Wir sind miteinander vernetzt und tragen Verantwortung für alle Menschen. Das dies häufig übersehen wird, ist auch darauf zurückzuführen, dass wirtschaftliche Zusammenhänge mangelhaft modelliert werden und die Quantifizierung und Mathematisierung die Ökonomie dominiert. Dies ist in der Darstellung des Wirtschaftskreislaufs, der nach wie vor in den Lehrbüchern erscheint, ebenfalls der Fall. Auch in diesem Kreislauf wird weder Mikroplastik noch die Natur berücksichtigt.


[1] RIVM steht für National institute for Public Health and the Environment.

[2] Zum EWR gehören alle 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) plus Island, Lichtenstein und Norwegen.


[i] Nadja Ziebarth, Ein Meer aus Plastik: Die Vermüllung unserer Ozeane, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, 2017, S. 72

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